Kapitel 3
Neue Horizonte
Am 10. März 1980 musste ich infolge des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan meine Heimat verlassen. Am 1. Juli 1980 kam ich nach Deutschland. Damit begann ein neuer Abschnitt meines Lebens.
In Deutschland begegnete ich einer Gesellschaft, die sich in vielerlei Hinsicht von der unterschied, in der ich aufgewachsen war. Ich lernte nicht nur eine neue Sprache kennen, sondern erlebte auch andere Formen des Zusammenlebens, des Denkens und des Umgangs miteinander.
Besonders fiel mir der Umgang mit unterschiedlichen Meinungen, Kritik und Autorität auf. Ich kam aus einer Gesellschaft, in der hierarchisches Denken in vielen Bereichen stark ausgeprägt war. Wer einer Autorität widersprach, musste damit rechnen, dass sein Widerspruch nicht als Beitrag zur Sache, sondern als mangelnder Respekt oder sogar als persönlicher Angriff verstanden wurde.
Ein einfaches Beispiel kann verdeutlichen, was ich damit meine.
Stellen wir uns vor, ein Mathematiklehrer schreibt an die Tafel:
2 + 2 = 5
Ein Schüler bemerkt den Fehler und meldet sich:
„Entschuldigung, Herr Lehrer, könnte es nicht 2 + 2 = 4 sein?“
In einer stark autoritär geprägten Lernkultur kann bereits eine solche Frage problematisch werden. Der Lehrer könnte sich nicht nur auf seinen mathematischen Fehler hingewiesen, sondern in seiner Stellung als Lehrer infrage gestellt fühlen. Statt sich mit dem Inhalt des Einwandes auseinanderzusetzen, könnte er den Schüler zurechtweisen.
In Deutschland erlebte ich, dass mit einer solchen Situation anders umgegangen werden konnte. Ein Lehrer konnte auf denselben Hinweis antworten:
„Danke, sehr gut aufgepasst! “
Auf den ersten Blick scheint der Unterschied gering zu sein. Für mich steckte darin jedoch etwas Grundsätzliches. Der Schüler, der auf einen Fehler hinweist, greift den Lehrer nicht zwangsläufig an. Er kann vielmehr zum gemeinsamen Erkenntnisprozess beitragen. Und der Lehrer verliert nicht an Autorität, wenn er einen Fehler zugibt. Er kann dadurch sogar etwas anderes vermitteln: dass nicht die Person darüber entscheidet, was richtig ist, sondern die Prüfung einer Aussage.
Diese Erfahrung beeinflusste zunehmend auch mein eigenes Denken. Ich begegnete Menschen mit unterschiedlichen Ansichten und Lebenserfahrungen und lernte, andere Standpunkte ernst zu nehmen, selbst wenn ich sie nicht teilte. Gleichzeitig begann ich, auch meine eigenen Überzeugungen stärker zu hinterfragen.
Für mich wurde dies zu einem wichtigen Unterschied zwischen autoritär und demokratisch geprägtem Denken. Wo Kritik vor allem als Angriff verstanden wird, kann offenes Denken schnell an Grenzen stoßen. Wo dagegen Fragen, Widerspruch und begründete Kritik zugelassen werden, entsteht Raum, in dem Menschen ihre eigenen Auffassungen überprüfen und voneinander lernen können.
Diese Erfahrung sollte später auch mein Verständnis von Lernen, Wissenschaft und Erziehung prägen. Lernen bedeutete für mich zunehmend nicht nur, Wissen von jemandem zu übernehmen, der mehr weiß. Es bedeutete auch, Fragen stellen zu dürfen, Aussagen zu prüfen, Fehler zu erkennen und die eigene Meinung zu korrigieren, wenn bessere Gründe dafür sprechen.
Gleichzeitig setzte ich meinen eigenen Weg als Lernender fort. Ich besuchte Deutschkurse, hospitierte im Unterricht und beobachtete aufmerksam, wie Erwachsene eine neue Sprache erlernten. Dabei machte ich weitere Erfahrungen, die mein Interesse an den Grundlagen des Lernens vertieften.
Mir begegneten dabei viele Fragen wieder, die mich bereits zuvor beschäftigt hatten: Welche Rolle spielt der Lehrende? Was muss der Lernende selbst tun? Warum verstehen manche Menschen einen Zusammenhang schnell, während andere trotz großer Anstrengung Schwierigkeiten damit haben? Und was unterscheidet das bloße Aufnehmen von Wissen vom wirklichen Verstehen?
Meine bisherigen Erfahrungen begannen sich dadurch allmählich miteinander zu verbinden. Was ich früher häufig intuitiv erlebt oder getan hatte, betrachtete ich zunehmend bewusster. Noch war daraus keine ausgearbeitete Vorstellung vom Lernen entstanden. Aber mein Blick hatte sich erweitert.
Rückblick
Deutschland erweiterte meinen Horizont.
Ich erlebte einen anderen Umgang mit Kritik, Widerspruch und Autorität.
Ich lernte, dass eine Frage oder ein begründeter Einwand keine Respektlosigkeit sein muss, sondern zu gemeinsamer Erkenntnis beitragen kann.
Dadurch begann ich auch, meine eigenen Überzeugungen stärker zu hinterfragen und andere Standpunkte ernst zu nehmen.
Gleichzeitig setzte ich meinen eigenen Lernweg fort und begann, meine bisherigen Erfahrungen systematischer zu ordnen. Noch ahnte ich nicht, dass ich dieses Wissen bald unter schwierigsten Bedingungen würde anwenden müssen.
Autor: Khyal Aryubi
Version: 1.0
Veröffentlicht: 23.08.2026
Lizenz: CC BY-NC 4.0
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