Kapitel 2
Vom Schüler zum Helfenden
Die Ereignisse der vergangenen Monate hatten mich tief verändert, ohne dass ich mir dessen damals bewusst war. Äußerlich war ich derselbe Junge geblieben. Innerlich aber begann sich meine Einstellung zum Leben Schritt für Schritt zu wandeln.
Früher war ich stolz darauf gewesen, Boxen und Taekwondo zu beherrschen. Nach den Worten meines Bruders betrachtete ich körperliche Stärke jedoch anders als zuvor. Ich wollte mich nicht mehr mit anderen Jungen schlagen und auch niemandem mehr beweisen, dass ich der Stärkere war.
Eines Tages forderte mich ein Schüler der zwölften Klasse zum Kampf heraus. Er war mindestens vier Jahre älter als ich und körperlich deutlich überlegen. Ich sagte ihm ruhig, dass ich nicht kämpfen wolle.
Er lachte mich aus und nannte mich einen Feigling.
Ich antwortete nur:
„Wenn du meinst, dann bin ich eben feige.“
Doch damit gab er sich nicht zufrieden. Er schlug ohne Vorwarnung auf mich ein.
Ich begann mich zu verteidigen. Durch meine Ausbildung im Boxen und Taekwondo gelang es mir, ihn zu Boden zu bringen. Ich saß auf ihm und schlug mehrmals auf ihn ein.
Plötzlich sah ich Tränen in seinen Augen.
In diesem Augenblick verschwand jeder Gedanke an Sieg oder Stolz. Ich empfand weder Freude noch Genugtuung. Stattdessen wurde mir bewusst, wie leicht es ist, einen Menschen körperlich zu besiegen oder zu demütigen.
Viel schwerer ist es, einem Menschen Mut zu machen, ihm zu helfen und ihn auf seinem Lebensweg zu unterstützen.
Diese Erkenntnis bewegte mich tief. Von diesem Tag an fasste ich den Entschluss, mich nie wieder freiwillig mit einem Menschen zu schlagen.
Gleichzeitig bereitete mir mein eigener schulischer Fortschritt große Freude. Zum ersten Mal erlebte ich, wie erfüllend Lernen sein konnte. Bald entstand in mir der Wunsch, dass auch andere diese Erfahrung machen sollten.
Ich begann, mit Freunden und Klassenkameraden über ihre Schwierigkeiten zu sprechen. Gemeinsam suchten wir nach Lösungen für mathematische Aufgaben oder Probleme in anderen Unterrichtsfächern. Wenn es mir gelang, jemandem etwas verständlich zu machen oder ihm bei einem Problem zu helfen, freute mich das und machte mich stolz. Es war ein anderes Gefühl als der Stolz, den ich früher empfunden hatte, wenn ich meine körperliche Stärke zeigen konnte.
Damals wusste ich noch nicht, dass ich damit bereits meine ersten Erfahrungen als Lehrer sammelte.
Während ich anderen half, machte ich eine weitere Beobachtung. Nach meinen Erfahrungen mit dem Lesen glaubte ich zunächst, mit guten Sprachkenntnissen den entscheidenden Zugang zum Wissen gefunden zu haben. Doch mit der Zeit erkannte ich, dass dies nur ein Teil des erfolgreichen Lernens war.
Anfangs hatte auch ich Mathematik vor allem gelernt, indem ich einzelne Rechenarten, Gleichungen und Verfahren für sich betrachtete und so lange übte, bis ich sicher mit ihnen umgehen konnte. Mit der Zeit veränderte sich jedoch mein Blick. Ich begann zu erkennen, dass mathematische Verfahren nicht isoliert nebeneinanderstehen. Sie stehen in Beziehung zur Wirklichkeit und zugleich zueinander. So entdeckte ich beispielsweise Zusammenhänge zwischen Addition und Multiplikation, zwischen Subtraktion und Division und später zwischen weiteren mathematischen Operationen.
Mathematik erschien mir dadurch immer weniger als eine Sammlung einzelner Rechenverfahren und immer mehr als ein zusammenhängendes System mit einer eigenen Denkweise.
Damals konnte ich diese Beobachtung noch nicht allgemein formulieren. Heute ist mir bewusster, warum das so ist: Jedes wissenschaftliche Fach befasst sich mit einem bestimmten Bereich oder bestimmten Aspekten der Wirklichkeit. Es beschreibt, erklärt und untersucht diesen Bereich oder diese Aspekte und kann sie – je nach Fachgebiet – auch bearbeiten oder verändern. Daraus entwickeln sich eine eigene Begriffswelt, eine eigene Struktur und Logik sowie besondere Denk- und Arbeitsweisen.
Ein Fach wirklich zu verstehen bedeutet deshalb mehr, als seine Wörter zu kennen oder einzelne Verfahren zu beherrschen. Man muss lernen, Zusammenhänge innerhalb des Faches zu erkennen und sich mit seiner besonderen Denkweise vertraut zu machen.
An eine Begebenheit aus meiner Schulzeit erinnere ich mich bis heute mit großer Dankbarkeit.
Mein Mathematiklehrer in der neunten oder zehnten Klasse hieß Bashir Ahmadzoi. Ich schätzte ihn sehr und hatte großes Vertrauen zu ihm. Auch er hatte Vertrauen zu mir gefasst.
Eines Tages ging ich zufällig an einem Klassenzimmer vorbei. Die Tür stand offen. Herr Ahmadzoi bemerkte mich. Ich grüßte ihn, und er bat mich herein.
Dann geschah etwas völlig Unerwartetes.
Er nannte mir das Thema der Unterrichtsstunde, wandte sich an seine Schülerinnen und Schüler und sagte:
„Heute wird er euch dieses Thema erklären.“
Ich zögerte keinen Augenblick und nahm seinen Auftrag an. Ich hatte großen Respekt vor Herrn Ahmadzoi. Zugleich spürte ich, wie viel er mir in diesem Moment zutraute. Das freute mich sehr und stärkte mein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Anschließend verließ er den Klassenraum.
Ich unterrichtete die Klasse bis zum Ende der Stunde so gut ich konnte.
Als Herr Ahmadzoi zurückkam, fragte er die Schülerinnen und Schüler:
„Habt ihr den Stoff verstanden?“
Die Klasse antwortete zustimmend.
Daraufhin sagte er einen Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe:
„Aus diesem Jungen wird einmal ein großer Mensch.“
Damals freute ich mich über seine Worte. Erst viele Jahre später verstand ich, was mir wirklich in Erinnerung geblieben war.
Es war nicht seine Vorhersage.
Es war sein Vertrauen.
Er hatte einem Schüler seine Klasse anvertraut. Dieses Vertrauen bedeutete mir weit mehr als jedes Lob oder jede Auszeichnung. Es stärkte mein Vertrauen in mich selbst – und dafür bin ich ihm bis heute dankbar.
Vielleicht begann ich gerade in solchen Momenten zu begreifen, dass Lehren weit mehr bedeutet, als Wissen weiterzugeben. Wer unterrichtet, übernimmt Verantwortung dafür, andere Menschen auf ihrem Lernweg zu unterstützen.
Schon als Schüler sagte ich manchmal zu meinen Freunden:
„Wenn ich dir den Stoff in diesem Jahr erkläre und du im nächsten Jahr wegen desselben Problems wieder zu mir kommen musst, dann habe nicht du versagt – sondern ich habe ihn dir nicht gut genug erklärt.“
Damals war dies eine Überzeugung, deren Bedeutung ich noch nicht vollständig durchdacht hatte. Heute ist mir bewusster, welches Verständnis von Lernen darin bereits angelegt war. Beim Erklären wollte ich mich nicht darauf beschränken, einem anderen zu zeigen, wie eine einzelne Aufgabe gelöst wird. Er sollte die Beziehungen zur Wirklichkeit, die innere Struktur der Mathematik und die Zusammenhänge zwischen ihren verschiedenen Themen verstehen. Wer diese Grundlagen verstanden hat, sollte in der Lage sein, seinen Lernweg weitgehend selbstständig fortzusetzen und nur bei besonderen Schwierigkeiten erneut Hilfe zu benötigen.
Das bedeutet nicht, dass der Lehrende dem Lernenden seine eigene Verantwortung abnimmt. Weiterdenken, anwenden und üben muss der Lernende selbst. Die Aufgabe des Lehrenden besteht vielmehr darin, ihm ein Verständnis zu ermöglichen, auf dessen Grundlage er selbstständig weiterlernen kann.
Mit der Zeit wurde meine Veränderung auch in unserem Stadtteil auf andere Weise sichtbar. Immer häufiger half ich Jungen aus der Nachbarschaft bei ihren Schulaufgaben. Dadurch lernten auch ihre Eltern mich kennen und schenkten mir ihr Vertrauen.
In unserem Stadtteil gab es eine Fußballmannschaft. Obwohl ich selbst kein Fußballspieler war, wählten mich die Mitglieder bei einer ihrer organisatorischen Versammlungen zum Kassenwart. Ihre Begründung überraschte mich:
„Wir wählen Khyal zum Kassenwart, weil unsere Väter ihn respektieren. Wenn er sie um einen Beitrag oder eine Spende bittet, werden sie kaum Nein sagen.“
Viele der Väter kannten mich, weil ich ihren Söhnen beim Lernen half. Auf diese Weise hatte ich nicht nur das Vertrauen der Jugendlichen, sondern auch das ihrer Eltern gewonnen.
Wie ungewöhnlich dieses Vertrauen für mein damaliges Alter war, zeigte sich einmal bei einer Familie aus der Nachbarschaft. Jugendliche und ihre Eltern spielten gemeinsam Karten. Die Eltern bildeten eine Gruppe, die Jugendlichen die andere. Als ich dazukam, rief mich einer der Väter zu sich:
„Komm, Ustad, setz dich zu uns. Du gehörst nicht zu diesen dummen Jugendlichen!“
Seine Bemerkung war scherzhaft gemeint, doch die Anrede blieb mir in Erinnerung. „Ustad“ bedeutet Lehrer oder Meister. Obwohl ich selbst noch Schüler war, brachten Erwachsene in meiner Umgebung mich bereits mit dem Lehren und Helfen in Verbindung.
Damals begann ich zu verstehen, dass Wissen allein noch kein Vertrauen schafft. Entscheidend ist auch, was man mit seinem Wissen für andere tut und wie man ihnen begegnet. Diese Erfahrung sollte mich später als Lehrer und Schulleiter immer wieder begleiten.
Im Jahr 1356 (1977) wurde ich nach der Aufnahmeprüfung an der Fakultät für Ingenieurwesen der Universität Kabul aufgenommen. Das erste Studienjahr war für alle Studierenden der Fakultät gemeinsam; die Spezialisierung in die verschiedenen Fachrichtungen erfolgte erst später. Mein Ziel war es, Elektroingenieurwesen zu studieren.
Mit dem Eintritt in die Universität änderte sich mein Umfeld, nicht aber meine Freude am Lernen und daran, anderen beim Verstehen zu helfen.
Schon nach kurzer Zeit bemerkten einige Professoren und Dozenten mein großes Interesse am Lernen und meine Bereitschaft, andere Studierende zu unterstützen. Ich erlebte damals viele Lehrkräfte, die sich über engagierte Schülerinnen, Schüler und Studierende aufrichtig freuten und sie nach Kräften unterstützten.
Mit einigen Dozenten und Professoren entwickelte sich im Laufe der Zeit ein persönliches und von gegenseitigem Vertrauen geprägtes Verhältnis. Manche vertrauten mir sogar für das gesamte Studienjahr den Schlüssel zu ihrem Büro an. So konnte ich in den unterrichtsfreien Stunden Kreide und Tafelwischer holen und freie Hörsäle für unser gemeinsames Lernen nutzen. Erst am Ende des Studienjahres gab ich die Schlüssel zurück.
Zunächst ging ich mit einigen befreundeten Studierenden in Hörsäle, in denen zu dieser Zeit kein Unterricht stattfand. Dort erklärte ich ihnen Mathematik, Technische Mechanik, Dynamik und andere Fächer.
Mit der Zeit kamen weitere Studierende hinzu. Manche sahen uns beim gemeinsamen Lernen und fragten, ob sie sich anschließen dürften. Wir nahmen sie gerne auf. Von Mal zu Mal wuchs die Zahl der Teilnehmenden, und aus dem gemeinsamen Lernen unter Freunden entstanden nach und nach größere freiwillige Lerngruppen.
Dabei machte ich erneut eine Erfahrung, die mich schon während meiner Schulzeit begleitet hatte: Wer einen Sachverhalt so erklärt, dass andere ihn wirklich verstehen, lernt ihn selbst noch tiefer.
Eine Begebenheit ist mir bis heute besonders in Erinnerung geblieben.
Einer unserer Professoren stammte aus demselben Distrikt wie ich. Zwei Studierende – eine Verwandte des Professors und ein junger Mann aus seinem Heimatdorf – baten ihn um Unterstützung, weil sie Schwierigkeiten im Studium hatten.
Der Professor brachte beide zu mir und sagte zu ihnen:
„Ich bin zwar Professor und weiß mehr als er. Aber er kann besser erklären.“
Diese Worte berührten mich tief. Sie waren für mich weit mehr als ein Lob. Vieles von dem, was ich beim gemeinsamen Lernen mit anderen bereits erfahren hatte, brachte er in einem einzigen Satz zum Ausdruck: Fachwissen und die Fähigkeit, anderen etwas verständlich zu erklären, sind nicht dasselbe.
Ein Mensch kann über großes Fachwissen verfügen und dennoch Schwierigkeiten haben, komplizierte Zusammenhänge verständlich zu erklären. Umgekehrt kann jemand andere mit einfachen Worten zum Verstehen führen, obwohl er selbst noch längst nicht alles weiß.
Diese Erfahrung prägte mein späteres Verständnis von gutem Unterricht entscheidend. Fachwissen blieb für mich eine notwendige Grundlage, doch ich begann zu verstehen, dass es allein nicht genügt. Immer wichtiger wurde für mich die Frage:
Wie kann ich einen schwierigen Gedanken so erklären, dass ein anderer Mensch ihn wirklich versteht und schließlich selbstständig weiterdenken kann?
Die Grundlage für diese Form des gemeinsamen Lernens war allerdings schon während meiner Schulzeit entstanden. Mit einigen Mitschülern bildete ich eine feste Lerngruppe, in der wir regelmäßig schwierige Themen gemeinsam bearbeiteten.
Meistens war ich derjenige, der ein Thema erklärte. Die anderen überließen mir diese Rolle gerne, doch ich forderte sie bewusst dazu auf, selbst Themen zu übernehmen und sie der Gruppe zu erklären.
Einer von uns stellte zunächst ein Thema zusammenhängend dar. Anschließend stellten die anderen Fragen, äußerten sich dazu, brachten eigene Überlegungen ein oder widersprachen. Das galt auch für meine eigenen Erklärungen. Auch mir wurden Fragen gestellt, meine Gedanken wurden hinterfragt, und manchmal widersprachen mir die anderen.
Daraus entwickelten sich mitunter sehr ernsthafte Diskussionen. Sie blieben jedoch sachlich und konstruktiv. Es ging uns nicht darum, einen Streit zu gewinnen, sondern darum, die Sache besser zu verstehen.
Gerade darin lag für mich ein besonderer Wert dieser Form des Lernens. Wer ein Thema erklären sollte, musste es zunächst selbst durchdenken. Und wer sich anschließend den Fragen und Einwänden der anderen stellte, musste seine Erklärung überprüfen, genauer begründen und gegebenenfalls korrigieren.
Diese Form des gemeinsamen Lernens setzte ich später auch während meines Studiums an der Universität Kabul fort. Aus dem Lernen mit einigen Freunden entstanden, wie bereits beschrieben, nach und nach größere freiwillige Lerngruppen.
Dabei wurden mir zwei Erfahrungen immer deutlicher.
Zum einen lernte ich selbst besonders intensiv, wenn ich anderen etwas erklärte. Um einen mathematischen oder naturwissenschaftlichen Zusammenhang verständlich darzustellen, musste ich ihn zunächst selbst durchdenken. Lücken in meinem eigenen Verständnis wurden dabei schnell sichtbar.
Zum anderen erlebte ich, wie wertvoll Fragen, Zweifel und Widerspruch sein können. Gerade weil wir einander nicht einfach zustimmten, mussten wir unsere Gedanken prüfen, begründen und gegebenenfalls verändern. Dadurch entstand ein tieferes Verständnis, als es durch bloßes Zuhören oder Auswendiglernen möglich gewesen wäre.
Damals konnte ich diese Erfahrungen noch nicht in einen größeren Zusammenhang einordnen. Ich handelte weitgehend intuitiv und orientierte mich daran, was sich beim gemeinsamen Lernen in der Praxis bewährte. Welche Bedeutung diese Erfahrungen für mein späteres Verständnis von Lernen und Lehren haben würden, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.
Rückblick
Während ich anderen half, bemerkte ich, dass ich dabei selbst besonders intensiv lernte.
Ich entdeckte die Kraft des gemeinsamen Lernens, des Erklärens, der Fragen und der konstruktiven Diskussion.
Ich erlebte, dass Verstehen tiefer wird, wenn wir nicht nur einzelne Verfahren beherrschen, sondern Zusammenhänge erkennen und beginnen, selbstständig weiterzudenken.
Und ich erfuhr, welche Kraft Vertrauen entfalten kann – das Vertrauen eines Lehrers in seinen Schüler ebenso wie das Vertrauen, das durch verantwortungsvolles Handeln zwischen Menschen entsteht.
Vieles davon entwickelte sich aus einem zunächst intuitiven Handeln. Erst später sollte ich beginnen, diese Erfahrungen bewusster zu verstehen und weiterzuentwickeln. Doch bevor es dazu kam, führte mich das Leben in eine völlig neue Umgebung.
Autor: Khyal Aryubi
Version: 1.0
Veröffentlicht: 23.08.2026
Lizenz: CC BY-NC 4.0
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