Kapitel 5

Der Neubeginn in Deutschland

Nachdem die sowjetischen Truppen Afghanistan verlassen hatten, verließ auch ich Pakistan. Meine Entscheidung hatte jedoch private Gründe und stand nicht im Zusammenhang mit den politischen Entwicklungen.

Zurück in Deutschland versuchte ich zunächst, im Geschäftsleben Fuß zu fassen. Schon nach kurzer Zeit merkte ich jedoch, dass diese Tätigkeit nicht meiner Persönlichkeit entsprach. Ich wollte nicht in erster Linie Geschäfte machen. Mich interessierten vielmehr das Lernen, das Verstehen und die Entwicklung neuer Fähigkeiten.

Deshalb entschloss ich mich zu einem völligen Neuanfang.

Ich bewarb mich bei Siemens Business Services für einen intensiven Ausbildungsgang zum Applikationsentwickler für Client-Server-Systeme. Nach einer Aufnahmeprüfung wurde ich in den Kurs aufgenommen.

Als der Unterricht begann, wurde mir schnell bewusst, wie groß die Herausforderung war.

Ich verfügte praktisch über keinerlei Vorkenntnisse im Computerbereich. Ich konnte damals nicht einmal selbst eine E-Mail-Adresse einrichten.

Gleich zu Beginn des Kurses erklärte unser Dozent im Hardware-Unterricht:

„Erstellen Sie sich bei Yahoo oder einem anderen Anbieter eine E-Mail-Adresse.“

Ich meldete mich und fragte:

„Wie macht man das?“

Der Dozent sah mich erstaunt an und sagte:

„Wenn Sie nicht einmal eine E-Mail-Adresse erstellen können, warum sitzen Sie dann überhaupt hier? Das ist Zeit- und Geldverschwendung.“

Seine Bemerkung erinnerte mich an manche Situationen aus meiner eigenen Schulzeit. Doch diesmal reagierte ich anders.

Ich antwortete ruhig:

„Im Moment kann ich tatsächlich keine E-Mail-Adresse erstellen. Ob ich diesen Kurs erfolgreich abschließen werde oder nicht, werden wir am Ende sehen.“

Ich wusste, dass ein langer Weg vor mir lag. In den folgenden zehn Monaten mussten wir uns ein enormes Wissensgebiet erarbeiten. Der Lehrplan umfasste unter anderem Hardware, Netzwerktechnik, Microsoft Exchange, Lotus Notes, die Programmiersprachen C, C++, Java und Visual Basic sowie Datenbanktheorie.

Doch gerade meine fehlenden Vorkenntnisse machten diese Ausbildung für mich zu einer besonderen Erfahrung. Nun musste ich an mir selbst überprüfen, ob sich die Grundsätze des Lernens, die ich in den vergangenen Jahren entwickelt hatte, auch auf ein für mich nahezu völlig neues und anspruchsvolles Fachgebiet übertragen ließen.

Zuerst das Ganze verstehen

Zu Beginn des Kurses merkte ich schnell, dass ich meine bisherigen Lernmethoden nicht einfach unverändert übernehmen konnte. Der Stoff war sehr umfangreich und die zur Verfügung stehende Zeit knapp. Deshalb musste ich meine Arbeitsweise den neuen Bedingungen anpassen.

Als Erstes nahm ich mir die Unterlagen über Computerhardware vor.

Ich las sie zunächst einmal zügig durch, ohne den Anspruch zu haben, jedes Detail sofort zu verstehen. Bei diesem ersten Durchgang wollte ich vor allem herausfinden, woraus das gesamte Wissensgebiet bestand und wie seine einzelnen Bereiche miteinander zusammenhingen.

Dabei unterstrich ich die Fachbegriffe mit einem Bleistift und schrieb die wichtigsten Begriffe anschließend auf Karteikarten.

Noch bevor ich versuchte, technische Einzelheiten auswendig zu lernen, wollte ich mir ein Bild vom Ganzen machen.

Ich begann deshalb, die Begriffe zu ordnen und ihre Zusammenhänge grafisch darzustellen.

An der Spitze meiner ersten Übersicht stand der PC. Von dort verzweigten sich die verschiedenen Hauptbereiche, beispielsweise Hauptplatine, Eingabegeräte, Ausgabegeräte und Ein-/Ausgabegeräte.

Damit hatte ich zunächst nur ein grobes Gerüst.

Erst beim zweiten Durcharbeiten der Unterlagen begann ich, jedes Kapitel Satz für Satz sorgfältiger zu lesen. Nun ging es mir darum, die einzelnen Bereiche zu verstehen und das vorhandene Gerüst Schritt für Schritt mit weiteren Informationen zu ergänzen.

Bei der Hauptplatine trug ich beispielsweise ein, welche Komponenten sich darauf befanden, welche Aufgaben sie erfüllten und wie sie miteinander verbunden waren.

Dabei stellte ich mir immer wieder Fragen:

Was gehört wohin?

Welche Aufgabe erfüllt dieser Bestandteil?

Wie hängt er mit den anderen Bestandteilen zusammen?

Dadurch veränderte sich meine Art, den Stoff zu betrachten. Vor mir lag nicht mehr nur eine große Menge unbekannter Fachbegriffe. Allmählich entstand eine Struktur, in die ich neue Informationen einordnen konnte.

Das war für mich eine wichtige Erfahrung:

Bevor ich mich in Einzelheiten verlor, versuchte ich zuerst, das Ganze zu erkennen. Erst danach begann ich, die einzelnen Teile systematisch zu vertiefen.

Nicht nur die Teile, sondern ihre Zusammenhänge verstehen

Nachdem ich mir einen ersten Überblick über die Bestandteile eines Computers verschafft hatte, wollte ich noch einen Schritt weitergehen.

Es genügte mir nicht zu wissen, welche Bauteile vorhanden waren und wie sie hießen. Ich wollte verstehen, wie sie zusammenarbeiteten und was im Computer tatsächlich geschah.

Deshalb begann ich, die Abläufe als zusammenhängende Prozesse zu betrachten.

Beim Einschalten eines Computers fragte ich mich beispielsweise:

Was geschieht zuerst? Was folgt danach? Welche Aufgabe übernimmt dabei welches Bauteil?

Ich verfolgte den Vorgang Schritt für Schritt: Das BIOS wird gestartet und überprüft zunächst die Hardware. Anschließend sucht das System nach einem startfähigen Datenträger, findet dort die notwendigen Informationen und lädt das Betriebssystem in den Arbeitsspeicher. Schließlich übernimmt das Betriebssystem die weitere Kontrolle über den Computer.

Für mich waren diese technischen Einzelheiten vor allem deshalb wichtig, weil ich dadurch einen Ablauf erkennen konnte.

Die Begriffe BIOS, Festplatte, Arbeitsspeicher und Betriebssystem standen nun nicht mehr unverbunden nebeneinander. Ich konnte verstehen, welche Rolle sie innerhalb eines gemeinsamen Prozesses spielten.

Erst nachdem ich einen solchen Zusammenhang verstanden hatte, begann ich, mich intensiver mit den technischen Einzelheiten zu beschäftigen.

Auch meine grafische Übersicht entwickelte sich dabei ständig weiter.

Die erste Skizze hatte ich auf ein großes Blatt Papier gezeichnet – ungefähr in der Größe von zwei A1-Blättern. Zwischen den einzelnen Begriffen ließ ich bewusst viel Platz.

Jedes Mal, wenn ich die Unterlagen erneut durcharbeitete oder etwas Neues verstand, ergänzte ich diese Übersicht.

So entstanden nach und nach immer feinere Verzweigungen. Zur Hauptplatine fügte ich beispielsweise ihre einzelnen Komponenten und deren Aufgaben hinzu. Bei der Festplatte ergänzte ich Informationen über ihren Aufbau, die Organisation der Daten sowie das Speichern und Lesen von Informationen.

Auch beim Arbeitsspeicher untersuchte ich, wie Informationen dort verarbeitet und gespeichert wurden und worin sich seine Funktion von der einer Festplatte unterschied.

Mit jedem neuen Durchgang kamen weitere Einzelheiten hinzu.

Doch entscheidend war für mich nicht die wachsende Menge an Informationen.

Entscheidend war, dass jede neue Information einen Platz innerhalb eines größeren Zusammenhangs erhielt.

Aus einer zunächst einfachen Übersicht entwickelte sich auf diese Weise Schritt für Schritt eine immer umfassendere Wissenslandkarte.

Ich lernte dadurch nicht nur einzelne technische Fakten. Ich begann zu verstehen, wie verschiedene Bestandteile zusammenwirken und daraus ein funktionierendes Gesamtsystem entsteht.

Diese Erfahrung bestätigte für mich erneut einen Grundsatz, der sich schon in anderen Lernbereichen gezeigt hatte:

Einzelwissen wird leichter verständlich, wenn man erkennt, welchen Platz es im Ganzen einnimmt und wie es mit anderem Wissen zusammenhängt.

Verstehen allein genügt nicht

Mit den Programmiersprachen ging ich zunächst nach demselben Prinzip vor.

Wir begannen mit der Programmiersprache C. Auch hier las ich das Lehrbuch zuerst einmal vollständig durch, ohne den Anspruch zu haben, jedes Detail sofort zu verstehen.

Mein erstes Ziel war wieder, einen Überblick zu gewinnen.

Ich notierte die wichtigsten Themenbereiche und ordnete sie in einer Übersicht. Dazu gehörten beispielsweise Datentypen, Funktionen, Operatoren, Kontrollstrukturen wie if-Anweisungen und Schleifen sowie die grundlegende Programmierlogik.

Beim zweiten Durcharbeiten vertiefte ich die einzelnen Bereiche. Neue Begriffe und Zusammenhänge ergänzte ich Schritt für Schritt in meiner Übersicht.

Doch beim Programmieren bemerkte ich bald einen wichtigen Unterschied.

Es genügte nicht, eine Regel zu lesen und zu glauben, man habe sie verstanden.

Man musste sie anwenden.

Deshalb begann ich, zu jedem neuen Thema kleine Programme zu schreiben. Ich probierte verschiedene Möglichkeiten aus, veränderte Anweisungen und beobachtete, was geschah.

Dabei machte ich Fehler.

Manche Programme funktionierten nicht. Manchmal erhielt ich Fehlermeldungen, manchmal tat das Programm etwas anderes, als ich erwartet hatte.

Doch gerade diese Fehler wurden zu einem wichtigen Teil meines Lernens.

Ich musste herausfinden:

Was habe ich falsch gemacht?

Warum funktioniert diese Anweisung nicht?

Was verändert sich, wenn ich etwas anders formuliere?

Dadurch wurde das Programmieren zu einer unmittelbaren Rückmeldung über mein eigenes Verständnis. Solange ich einen Text nur las, konnte ich glauben, ihn verstanden zu haben. Beim Schreiben eines eigenen Programms zeigte sich dagegen sehr schnell, ob ich das Gelesene tatsächlich anwenden konnte.

Aus jedem gelesenen Abschnitt entstand deshalb möglichst bald eine praktische Übung.

Erst durch dieses Zusammenspiel von Lesen, Verstehen, Ausprobieren, Fehlern, Korrigieren und erneutem Ausprobieren entwickelte sich aus theoretischem Wissen nach und nach eine praktische Fähigkeit.

Später begegnete mir dafür der Ausdruck „Learning by Doing“.

Für mich war die entscheidende Erkenntnis jedoch bereits durch die Erfahrung entstanden:

Wirkliches Können entwickelt sich nicht allein dadurch, dass man etwas verstanden hat. Man muss das Verstandene anwenden, überprüfen und durch eigene Erfahrung festigen.

Ich beschränkte mich dabei nicht auf die Unterlagen des Kurses.

In einer Fachbuchhandlung suchte ich nach weiterer Literatur und entdeckte schließlich ein Buch der Entwickler der Programmiersprache C: Programmieren in C.

Dieses Buch wurde für mich besonders wertvoll. Es erklärte die Grundprinzipien der Sprache auf eine Weise, die ich als einfach, logisch und verständlich empfand. Dadurch half es mir, nicht nur einzelne Befehle zu lernen, sondern die grundlegende Logik der Programmiersprache besser zu verstehen.

Als ich später weitere Programmiersprachen lernte, begann ich außerdem, sie bewusst miteinander zu vergleichen.

Ich fragte nicht mehr nur:

„Wie funktioniert diese Sprache?“

Sondern auch:

„Was hat sie mit den anderen gemeinsam? Worin unterscheidet sie sich? Und welche grundlegenden Prinzipien finden sich in mehreren Sprachen wieder?“

Durch diesen Vergleich verstand ich nicht nur die einzelnen Programmiersprachen besser. Ich begann auch, hinter ihren unterschiedlichen Formen gemeinsame Strukturen zu erkennen.

Damit bestätigte sich für mich erneut eine Erfahrung, die mich schon lange begleitet hatte:

Wer Strukturen und Zusammenhänge erkennt und das Gelernte praktisch anwendet, entwickelt ein tieferes Verständnis, als wenn er einzelne Informationen nur auswendig lernt.

Ist man irgendwann zu alt zum Lernen?

Als ich diesen Ausbildungsgang begann, war ich bereits 42 Jahre alt.

Einige Bekannte betrachteten meinen Entschluss mit Skepsis. Sie meinten, in diesem Alter sei es kaum noch möglich, einen so anspruchsvollen technischen Beruf von Grund auf zu erlernen. Für sie schien der richtige Zeitpunkt für einen solchen Neuanfang längst vorbei zu sein.

Ich sah das anders.

Natürlich wusste ich, dass mir viele jüngere Teilnehmer etwas voraus hatten. Manche waren bereits mit Computern vertraut, während ich zu Beginn nicht einmal wusste, wie man eine E-Mail-Adresse einrichtet.

Aber ich hatte ihnen gegenüber auch etwas anderes: viele Jahre Erfahrung mit dem Lernen selbst.

Ich wusste inzwischen, dass ich nicht alles sofort verstehen musste. Ich konnte mir zunächst einen Überblick verschaffen, große Stoffgebiete in kleinere Bereiche zerlegen, Zusammenhänge suchen, Unbekanntes nachschlagen, das Gelernte anwenden und so Schritt für Schritt weiterkommen.

Mein Alter konnte ich nicht verändern.

Meine Art zu lernen dagegen konnte ich beeinflussen.

Deshalb konzentrierte ich mich nicht auf die Frage, ob ich für diese Ausbildung vielleicht zu alt war. Ich konzentrierte mich auf das, was ich jeden Tag tun konnte, um den Stoff besser zu verstehen.

Nach zehn Monaten hatte ich den Ausbildungsgang erfolgreich abgeschlossen und begann anschließend mein Praktikum in einem Unternehmen.

Einige Zeit später traf ich einen guten Freund wieder. Er gratulierte mir herzlich und sagte:

„Ich hätte ehrlich gesagt nicht geglaubt, dass du das schaffst – und schon gar nicht so erfolgreich.“

Seine Worte freuten mich.

Nicht deshalb, weil ich ihm oder anderen etwas beweisen wollte. Für mich lag die Bedeutung dieser Erfahrung vielmehr darin, dass ich selbst einen Weg von nahezu vollständiger Unkenntnis bis zu einer neuen beruflichen Qualifikation zurückgelegt hatte.

Dabei war mir allerdings auch klar geworden, dass Alter nicht bedeutungslos ist. Menschen bringen in verschiedenen Lebensphasen unterschiedliche Voraussetzungen, Erfahrungen, Verpflichtungen und Möglichkeiten mit.

Aber daraus folgt nicht, dass Lernen irgendwann aufhören muss.

Meine Erfahrung bestärkte mich vielmehr in einer Überzeugung, die mich schon seit meiner Jugend begleitet hatte:

Es ist niemals zu spät, etwas Neues zu lernen. Entscheidend ist nicht allein das Alter eines Menschen, sondern auch seine Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln, seine Ausdauer und die Art und Weise, wie er lernt.

Eine neue Bewährungsprobe

Einige Jahre später bekam ich Gelegenheit, meine bisherigen Erfahrungen auf eine ganz andere Weise zu überprüfen – bei meinen eigenen Kindern.

Während ihrer Schulzeit hatte ich ihnen gelegentlich beim Lernen geholfen. Auch zu Beginn ihres Studiums unterstützte ich sie, wenn sie Schwierigkeiten mit einem Fach hatten.

Eine Begebenheit ist mir besonders in Erinnerung geblieben.

Meine beiden ältesten Kinder mussten im ersten Semester Wirtschaftsinformatik belegen. Zum Lehrstoff gehörten unter anderem Microsoft Excel und die Programmiersprache VBA.

Etwa fünf bis sechs Wochen vor dem Ende des Semesters kamen sie zu mir und sagten:

„Papa, wir verstehen von diesem Fach fast nichts.“

Ich wollte zunächst wissen, ob die Schwierigkeiten nur sie betrafen, und fragte:

„Geht es nur euch so, oder haben auch eure Kommilitoninnen und Kommilitonen Schwierigkeiten mit dem Stoff?“

Sie antworteten:

„Bis auf einen Studenten, der bereits bei einer Bank arbeitet und praktische Erfahrungen hat, versteht fast niemand den Stoff.“

Daraufhin setzte ich mich mit ihnen zusammen.

Ich begann nicht damit, ihnen möglichst viele Einzelheiten zu erklären. Stattdessen griff ich auf dieselben Lernprinzipien zurück, die sich bei mir selbst bewährt hatten.

Zunächst verschafften wir uns einen Überblick über das gesamte Stoffgebiet. Wir ordneten die einzelnen Themen und versuchten zu erkennen, wie sie miteinander zusammenhingen. Erst danach arbeiteten wir uns Schritt für Schritt in die Einzelheiten ein.

Wo es um Programmierung ging, blieb es nicht beim Lesen und Erklären. Sie mussten das Gelernte selbst anwenden, Aufgaben lösen und überprüfen, ob ihre Lösungen tatsächlich funktionierten.

Nach ungefähr zwei Wochen hatten sie den Stoff nicht nur aufgearbeitet, sondern nach meinem Eindruck auch seine grundlegenden Zusammenhänge verstanden.

Kurze Zeit später erzählte mir meine älteste Tochter von einem Erlebnis in der Vorlesung.

Die Professorin stellte eine Programmieraufgabe und fragte, ob jemand eine Lösung gefunden habe. Meine Tochter meldete sich.

Nachdem die Professorin ihre Lösung betrachtet hatte, sagte sie:

„Das ist die Lösung eines professionellen Programmierers.“

Meine Tochter erwiderte:

„Nein, das stimmt nicht.“

Daraufhin gab ihr die Professorin die Kreide und bat sie, die Aufgabe an der Tafel zu lösen und ihren Lösungsweg zu erklären.

Meine Tochter erläuterte Schritt für Schritt, wie sie zu ihrer Lösung gekommen war.

Die Professorin war erstaunt und fragte:

„Vor wenigen Wochen hatten Sie doch noch große Schwierigkeiten. Wo haben Sie das gelernt?“

Meine Tochter antwortete:

„Mein Vater ist Programmierer.“

Einige Zeit später fragte die Professorin meine Töchter, ob ich Interesse hätte, als Dozent an ihrer Hochschule zu arbeiten.

Ich wurde zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Das Gespräch verlief sehr angenehm. Am Ende sagte die Professorin zu mir:

„Fachlich wären Sie für diese Aufgabe sogar überqualifiziert.“

Anschließend fragte sie nach meinem akademischen Abschluss.

Als ich ihr erklärte, dass ich keinen Hochschulabschluss in Informatik besaß, sondern einen zehnmonatigen Ausbildungsgang zum Applikationsentwickler absolviert hatte, bedauerte sie dies und erklärte:

„Schade. Für eine Dozentenstelle benötigen wir mindestens einen Masterabschluss.“

Ich empfand dieses Gespräch nicht als Niederlage.

Für mich war etwas anderes viel bedeutsamer.

Wenige Jahre zuvor hatte ich selbst vor einem Computer gesessen und nicht gewusst, wie man eine E-Mail-Adresse einrichtet. Nun hatte ich meinen Kindern helfen können, einen universitären Stoff zu verstehen, und eine Professorin hielt meine fachlichen Kenntnisse für ausreichend, um an ihrer Hochschule zu unterrichten.

Doch auch daraus wollte ich nicht schließen, dass eine bestimmte Lernmethode jeden Menschen in kurzer Zeit zu jedem Ziel führen könne.

Für mich zeigte diese Erfahrung vielmehr etwas Grundsätzlicheres:

Wer gelernt hat, sich einen Überblick zu verschaffen, Zusammenhänge zu erkennen, schwierige Inhalte Schritt für Schritt zu erschließen und das Verstandene praktisch anzuwenden, kann diese Fähigkeiten auch auf neue Lerngebiete übertragen.

Vom Programmieren zum Sprachenlernen

In den folgenden Jahren kamen viele meiner Landsleute nach Deutschland. Für die meisten von ihnen war das Erlernen der deutschen Sprache eine der größten Herausforderungen ihres neuen Lebens.

Immer wieder baten mich Menschen um Unterstützung.

Damit stand ich erneut vor einer Aufgabe, die auf den ersten Blick mit meinen bisherigen Lerngebieten wenig gemeinsam hatte.

Was hatten Computerhardware oder Programmiersprachen mit dem Erlernen einer Sprache zu tun?

Je intensiver ich mich mit dieser Frage beschäftigte, desto deutlicher erkannte ich jedoch Gemeinsamkeiten.

Auch eine Sprache besteht nicht einfach aus einer Ansammlung einzelner Wörter und Regeln. Sie besitzt Strukturen. Wörter stehen in Beziehungen zueinander, verändern ihre Funktion innerhalb eines Satzes und folgen bestimmten Mustern.

Ich begann deshalb, mich intensiver mit dem Aufbau von Sprachen und besonders mit der deutschen Grammatik zu beschäftigen.

Dabei ging ich ähnlich vor wie zuvor bei anderen umfangreichen Wissensgebieten: Ich versuchte zunächst, das Ganze zu überblicken, die wesentlichen Bestandteile zu erkennen und ihre Beziehungen zueinander zu ordnen.

Mein Ziel war nicht, den Lernenden möglichst viele grammatische Regeln zum Auswendiglernen zu geben.

Ich wollte ihnen helfen, zu verstehen, warum ein Satz auf eine bestimmte Weise aufgebaut ist, welche Aufgabe seine einzelnen Bestandteile erfüllen und wie sie miteinander zusammenwirken.

Aus dieser Arbeit entwickelte sich nach und nach eine allgemeine Methode zum Erlernen von Grammatik sowie ein eigenes Konzept für die deutsche Grammatik.

Gleichzeitig begegnete ich Menschen, bei denen die Schwierigkeit noch früher begann.

Einige erwachsene Lernende mussten nicht nur eine neue Sprache lernen. Sie mussten zunächst grundlegende Fähigkeiten des Lesens und Schreibens erwerben oder weiterentwickeln.

Auch hier konnte ich nicht einfach von dem ausgehen, was ich selbst wusste oder für selbstverständlich hielt. Ich musste wieder dort beginnen, wo die Lernenden tatsächlich standen, und von diesem Ausgangspunkt aus Schritt für Schritt weitergehen.

So beschäftigte ich mich zunehmend auch mit der Alphabetisierung erwachsener Lernender.

Dabei begegneten mir in einem neuen Zusammenhang viele Grundsätze wieder, die sich durch meine bisherigen Erfahrungen gezogen hatten: vom Einfachen zum Komplexen vorzugehen, zunächst Strukturen und Zusammenhänge sichtbar zu machen, den Lernenden selbst aktiv werden zu lassen und neue Fähigkeiten durch Anwendung zu festigen.

Dadurch wurde mir etwas immer deutlicher:

Die einzelnen Lerngebiete konnten sehr verschieden sein. Ein Computer, eine Programmiersprache und die deutsche Grammatik hatten völlig unterschiedliche Inhalte.

Doch bestimmte Grundfragen des Lernens kehrten immer wieder zurück.

Wie verschafft sich ein Mensch einen Überblick über ein unbekanntes Gebiet?

Wie erkennt er Zusammenhänge?

Wie verbindet er neue Informationen mit dem, was er bereits verstanden hat?

Wie wird aus verstandenem Wissen eine anwendbare Fähigkeit?

Und wie kann er schließlich immer selbstständiger weiterlernen?

Aus meinen Erfahrungen entstand deshalb nach und nach eine Überzeugung, die für die weitere Entwicklung meiner Arbeit entscheidend wurde:

Die Inhalte des Lernens können sehr unterschiedlich sein. Doch viele Grundprinzipien erfolgreichen Lernens lassen sich von einem Lerngebiet auf ein anderes übertragen.

Rückblick

Wenn ich auf diese Jahre zurückblicke, erkenne ich einen roten Faden, den ich während der einzelnen Lebensabschnitte selbst noch nicht immer deutlich sehen konnte.

Ich hatte unter sehr unterschiedlichen Bedingungen gelernt und gelehrt: als Schüler und Student, später als Lehrer in den afghanischen Flüchtlingslagern, beim eigenen Einstieg in die Informatik, bei der Unterstützung meiner Kinder und schließlich beim Deutschunterricht und bei der Alphabetisierung erwachsener Lernender.

Die Inhalte waren verschieden, die Menschen waren verschieden und auch die Bedingungen, unter denen gelernt wurde, unterschieden sich erheblich.

Und doch begegneten mir bestimmte Erfahrungen immer wieder.

Es half, sich zunächst einen Überblick zu verschaffen, statt sich sofort in Einzelheiten zu verlieren.

Es half, schwierige Inhalte in kleinere und verständliche Schritte zu zerlegen.

Es half, Begriffe nicht isoliert zu betrachten, sondern ihre Beziehungen und Zusammenhänge zu erkennen.

Es half, selbst nach Antworten zu suchen, Fragen zu stellen und Fehler nicht nur als Misserfolge, sondern auch als Hinweise auf noch bestehende Verständnislücken zu betrachten.

Und immer wieder zeigte sich, dass Verstehen allein nicht genügte. Das Gelernte musste angewendet, überprüft und durch eigene Erfahrung gefestigt werden.

Mit der Zeit begann ich deshalb, meine vielen einzelnen Erfahrungen nicht mehr als voneinander getrennte Erlebnisse zu betrachten.

Sie fügten sich allmählich zu einem größeren Bild zusammen.

Was ich als persönliche Suche nach besseren Wegen des Lernens begonnen hatte, war über viele Jahre zu einer Sammlung von Erfahrungen und Grundsätzen geworden, die sich in sehr unterschiedlichen Situationen bewährt hatten.

Damit entstand für mich schließlich eine neue Frage:

Warum sollte ich diese Erfahrungen nur für mich behalten?

Andere Menschen standen schließlich vor ähnlichen Schwierigkeiten. Auch sie mussten große Stoffmengen bewältigen, neue Zusammenhänge verstehen, Sprachen lernen, Prüfungen bestehen oder sich völlig neue Wissensgebiete erschließen.

Vielleicht konnten meine Erfahrungen auch ihnen helfen, ihren eigenen Weg des Lernens zu finden.

Aus diesem Gedanken entstand nach und nach der Wunsch, das, was ich über viele Jahre gelernt, ausprobiert und beobachtet hatte, systematisch zusammenzutragen und aufzuschreiben.Damit begann der nächste Schritt meines Weges: aus meinen Erfahrungen mit dem Lernen ein Wissen zu machen, das ich mit anderen teilen konnte.

Autor: Khyal Aryubi

Version: 1.0

Veröffentlicht: 23.08.2026

Lizenz: CC BY-NC 4.0

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