Kapitel 12
Das Pronomen
Einleitung
Menschen nehmen Personen, Gegenstände und andere Einheiten der Wirklichkeit wahr, unterscheiden sie voneinander und können sie sprachlich benennen. Eine solche Benennung erfolgt häufig durch ein Nomen oder eine Nominalgruppe.
Der Schüler geht in die Bibliothek.
In einer fortlaufenden Kommunikation wäre es jedoch umständlich, dieselbe bereits bekannte oder aus dem Zusammenhang erkennbare Einheit immer wieder vollständig zu benennen.
Der Schüler geht in die Bibliothek. Dort möchte der Schüler mit anderen Schülern für die Prüfung lernen. Der Schüler bleibt bis 17:00 Uhr dort. Danach fährt der Schüler mit dem Bus nach Hause.
Die Sprache ermöglicht deshalb eine andere Form der Bezugnahme:
Der Schüler geht in die Bibliothek. Dort möchte er mit anderen Schülern für die Prüfung lernen. Er bleibt bis 17:00 Uhr dort und fährt danach mit dem Bus nach Hause.
Das Pronomen er nimmt hier Bezug auf die bereits bezeichnete Einheit der Schüler, ohne sie erneut vollständig zu benennen.
Die Vermeidung von Wiederholungen ist jedoch nur eine mögliche Funktion von Pronomen. Ihre Bedeutung für die Kommunikation reicht wesentlich weiter. Um dies zu erkennen, muss zunächst die Kommunikationssituation betrachtet werden.
Sprecher, Hörer und Besprochenes
In einer Kommunikationssituation gibt es einen Sprecher und einen oder mehrere mögliche Hörer. Außerdem kann es Personen, Gegenstände, Sachverhalte oder andere Einheiten geben, über die gesprochen wird.
Der Sprecher nimmt dabei eine zentrale Stellung ein. Von seiner Position und seinem Kommunikationsbedürfnis aus entscheidet sich, worauf und in welcher Weise sprachlich Bezug genommen wird.
Wenn der Sprecher unmittelbar auf sich selbst als Sprecher Bezug nimmt, verwendet er die 1. grammatische Person:
Ich bin zu Hause.
Ein Name oder eine nominale Bezeichnung kann diese Funktion nicht einfach übernehmen:
Peter bin zu Hause. ❌
Der Mann bin zu Hause. ❌
Soll der Name oder die nominale Bezeichnung verwendet werden, muss sich auch die grammatische Perspektive ändern:
Peter ist zu Hause.
Der Mann ist zu Hause.
Dasselbe gilt für den Hörer. Wird eine Person unmittelbar angesprochen, erscheint sie in der 2. grammatischen Person:
Du bist zu Hause.
Auch hier kann ein Name nicht einfach das Pronomen ersetzen, während die grammatische Form der 2. Person erhalten bleibt:
Peter bist zu Hause. ❌
Die reale Person kann jedoch dieselbe bleiben und grammatisch anders dargestellt werden. Ein Mensch kann in einer Kommunikationssituation Sprecher sein, in einer anderen angesprochen werden und in einer weiteren zum Gegenstand einer Aussage werden:
Ich komme.
→ die Person als Sprecher
Du kommst.
→ dieselbe Person als Angesprochener
Er kommt.
→ dieselbe Person als Besprochener
Daher muss zwischen realer Person und grammatischer Person unterschieden werden.
Die reale Person ist der konkrete Mensch, auf den Bezug genommen wird. Die grammatische Person bezeichnet dagegen die Rolle, in der diese Person innerhalb der Kommunikation sprachlich dargestellt wird.
Daraus ergibt sich zunächst:
Sprecher → 1. Person
Hörer / Angesprochener → 2. Person
Besprochenes → 3. Person
Diese Zuordnung zeigt bereits, dass Pronomen nicht einfach als Stellvertreter von Nomen verstanden werden können. Bei ich und du geht es nicht darum, ein vorher genanntes Nomen zu ersetzen. Die Pronomen kennzeichnen vielmehr eine kommunikative Rolle und stellen aus dieser Rolle heraus einen Bezug her.
Pronomen als Mittel der Bezugnahme
Auch außerhalb der grammatischen Person können Pronomen sehr unterschiedliche Arten der Bezugnahme ermöglichen.
Peter wäscht sich.
Das Pronomen sich verweist auf das Subjekt zurück.
Peter und Paula helfen einander.
Das Pronomen einander stellt einen wechselseitigen Bezug zwischen mehreren Beteiligten her.
Jemand hat geklingelt.
Mit jemand wird auf eine Person Bezug genommen, ohne ihre Identität näher zu bestimmen.
Wer hat geklingelt?
Mit wer wird eine Bezugsstelle offengehalten, deren Bestimmung vom Hörer erwartet wird.
Dieser gefällt mir.
Mit dieser kann eine bestimmte Einheit hervorgehoben oder aus einer Situation heraus identifiziert werden.
Pronomen können außerdem einen Bezug herstellen, durch den eine weitere Aussage an eine bereits bezeichnete Einheit angeschlossen wird:
Herr Modi, der sehr nett und freundlich war, war mein Teamleiter.
Das Relativpronomen der bezieht sich auf Herrn Modi und leitet zugleich eine weitere Aussage ein, die zusätzliche Informationen über ihn enthält.
Damit lässt sich die allgemeine Funktion der Pronomen folgendermaßen bestimmen:
Pronomen sind sprachliche Mittel, mit denen auf Personen, Gegenstände oder andere Einheiten Bezug genommen werden kann, ohne diese in jedem Zusammenhang vollständig durch ein Nomen oder eine Nominalgruppe benennen zu müssen. Sie können dabei selbstständig eine Bezugsstelle innerhalb einer Aussage einnehmen oder einen Bezug herstellen, durch den eine weitere Aussage an eine bereits bezeichnete Einheit angeschlossen wird. Die Art des Bezugs richtet sich nach dem jeweiligen Kommunikationsbedürfnis, der Kommunikationssituation und dem sprachlichen Zusammenhang.
Für das hier entwickelte Grammatikmodell ergibt sich daraus:
Wirklichkeit und Kommunikationssituation → Wahrnehmung und Erkenntnis → Kommunikationsbedürfnis → Art der Bezugnahme → sprachliche Funktion → pronominale Form
Die verschiedenen Arten der Pronomen lassen sich deshalb danach untersuchen, welche Art von Bezug sie innerhalb einer Kommunikationssituation herstellen und welche sprachliche Funktion sie dabei erfüllen.
Arten der Pronomen
Die einzelnen Pronomenarten unterscheiden sich nicht allein dadurch, auf welche Personen, Gegenstände oder anderen Einheiten sie Bezug nehmen, sondern vor allem dadurch, auf welche Weise sie Bezug herstellen und welche kommunikative Funktion sie dabei erfüllen.
Je nach Kommunikationsbedürfnis kann eine Bezugsgröße beispielsweise als Sprecher oder Hörer gekennzeichnet, wieder aufgenommen, hervorgehoben, in eine Beziehung zu einer anderen Einheit gesetzt, unbestimmt gelassen oder durch eine Frage zur Bestimmung gestellt werden.
Die verschiedenen Pronomenarten lassen sich deshalb danach untersuchen, welche Art der Bezugnahme sie innerhalb einer Kommunikationssituation ermöglichen.
Damit folgt:
Personalpronomen → Reflexivpronomen → Reziprokpronomen → Possessivpronomen und possessive Formen → Demonstrativpronomen → Indefinitpronomen → Relativpronomen → Interrogativpronomen
1. Personalpronomen
Personalpronomen ordnen Personen und andere Bezugsgrößen nach ihrer grammatischen Rolle innerhalb der Kommunikationssituation.
Dabei werden drei grammatische Personen unterschieden:
1. Person → Sprecher
Ich komme morgen.
2. Person → Hörer bzw. Angesprochener
Du kommst morgen.
3. Person → Besprochenes
Er kommt morgen.
Sie kommt morgen.
Es liegt auf dem Tisch.
Die Personalpronomen stellen damit ein sprachliches System bereit, mit dem Bezugsgrößen entsprechend ihrer jeweiligen grammatischen Person bezeichnet werden können.
Numerus
Die grammatische Person verbindet sich mit dem Numerus. Dabei muss jedoch besonders bei der 1. Person Plural beachtet werden, dass der Plural nicht einfach eine Mehrzahl von Sprechern bedeutet.
Wir gehen nach Hause.
Mit wir bezieht der Sprecher sich selbst in eine Gruppe ein und spricht über diese Gruppe als Ganzes. Zur Gruppe können neben dem Sprecher eine oder mehrere weitere Personen gehören.
Bei der 2. Person Plural richtet sich die Aussage an mehrere Angesprochene:
Ihr geht nach Hause.
Bei der 3. Person Plural wird über mehrere Personen oder Einheiten gesprochen:
Sie gehen nach Hause.
Damit ergibt sich:
Kommunikationsrolle → Person
Anzahl der einbezogenen Personen oder Einheiten → Numerus
Genus
Bei der 3. Person Singular kommt zusätzlich das grammatische Genus der Bezugsgröße zum Ausdruck:
der Schüler → er
die Schülerin → sie
das Kind → es
Bei der 1. und 2. Person Singular wird dagegen nicht nach Genus unterschieden:
ich
du
Kasus
Personalpronomen können innerhalb einer Aussage unterschiedliche syntaktische Funktionen übernehmen. Deshalb verändern sich ihre Formen auch nach dem Kasus.
Ich sehe ihn.
Er sieht mich.
Ich helfe ihm.
Er hilft mir.
Welche Form des Personalpronomens verwendet wird, hängt somit nicht allein von der grammatischen Person ab, sondern von mehreren grammatischen Merkmalen.
| Numerus | Grammatische Person / Kommunikationsrolle | Nominativ | Akkusativ | Dativ | Genitiv |
| Singular | 1. Person – Sprecher | ich | mich | mir | meiner |
| 2. Person – Hörer / Angesprochener | du | dich | dir | deiner | |
| 3. Person – Besprochenes, Maskulinum | er | ihn | ihm | seiner | |
| 3. Person – Besprochenes, Neutrum | es | es | ihm | seiner | |
| 3. Person – Besprochenes, Femininum | sie | sie | ihr | ihrer | |
| Plural | 1. Person – Sprecher + weitere Person(en) | wir | uns | uns | unser |
| 2. Person – mehrere Hörer / Angesprochene | ihr | euch | euch | euer | |
| 3. Person – mehrere Besprochene | sie | sie | ihnen | ihrer |
Die Genitivformen der Personalpronomen gehören zum grammatischen System, werden im heutigen Deutsch jedoch nur selten verwendet.
Man gedachte seiner.
Die Höflichkeitsform Sie
Eine Besonderheit stellt die Höflichkeitsform Sie dar. Mit ihr werden eine oder mehrere Personen unmittelbar angesprochen:
Sie kommen morgen.
Ich sehe Sie.
Ich helfe Ihnen.
Kommunikativ handelt es sich um einen Angesprochenen bzw. Hörer. Grammatisch verwendet die Höflichkeitsform jedoch die Formen der 3. Person Plural.
Gerade daran zeigt sich erneut, dass kommunikative Rolle und grammatische Form nicht immer vollständig übereinstimmen müssen.
Für die Wahl eines Personalpronomens lässt sich damit folgendes Modell aufstellen:
Kommunikationsrolle → grammatische Person → Numerus → bei der 3. Person Singular Genus → syntaktische Funktion und Kasus → Form des Personalpronomens
Personalpronomen zeigen damit besonders deutlich, dass Pronomen nicht lediglich Nomen ersetzen. Sie ordnen Bezugsgrößen nach ihrer kommunikativen und grammatischen Rolle innerhalb der Aussage.
2. Reflexivpronomen
Eine Handlung oder ein Vorgang kann sich von einer handelnden Einheit auf eine andere Einheit richten:
Peter wäscht das Kind.
Dabei lassen sich zwei verschiedene Einheiten erkennen:
Peter → Handlung → das Kind
Eine Handlung kann sich jedoch auch auf dieselbe Einheit zurückrichten, von der sie ausgeht:
Peter wäscht sich.
Hier sind der Handelnde und die Person, auf die sich die Handlung richtet, identisch:
Peter → Handlung → Peter
Das Reflexivpronomen stellt diesen Rückbezug sprachlich her:
Ich wasche mich.
Du wäschst dich.
Peter wäscht sich.
Der Rückbezug ist nicht auf konkrete Handlungen beschränkt. Er kann auch bei anderen Vorgängen, Zuständen oder Beziehungen auftreten:
Ich erinnere mich an den Termin.
Du interessierst dich für Musik.
Er fragt sich, ob das richtig ist.
Entscheidend ist die grammatische Beziehung: Das Reflexivpronomen verweist auf dieselbe Person oder Einheit zurück, die durch das Subjekt bezeichnet wird.
Formen der Reflexivpronomen
Reflexivpronomen besitzen keine eigene Nominativform. Der reflexive Bezug wird im Deutschen vor allem im Akkusativ und Dativ ausgedrückt.
| Bezug auf das Subjekt | Akkusativ | Dativ |
| ich | mich | mir |
| du | dich | dir |
| er / sie / es | sich | sich |
| wir | uns | uns |
| ihr | euch | euch |
| sie / Sie | sich | sich |
Bei der 1. und 2. Person sind die reflexiv verwendeten Formen mit den entsprechenden Formen der Personalpronomen identisch:
Er sieht mich.
Ich sehe mich im Spiegel.
Im ersten Satz bezeichnet mich eine andere Person als das Subjekt er. Im zweiten Satz verweist mich auf das Subjekt ich zurück.
Bei der 3. Person wird der Unterschied auch formal sichtbar:
Peter sieht ihn.
Peter sieht sich.
Damit ergibt sich für den reflexiven Bezug:
Subjekt → Handlung, Vorgang oder Beziehung → Rückbezug auf dasselbe Subjekt
Das Reflexivpronomen ermöglicht damit eine besondere Art der Bezugnahme: Eine als Subjekt bezeichnete Einheit wird innerhalb derselben Aussage wieder aufgenommen.
3. Reziprokpronomen
Beim Reflexivpronomen richtet sich eine Handlung, ein Vorgang oder eine Beziehung auf dieselbe Einheit zurück:
Peter wäscht sich.
A → A
Es gibt jedoch auch Beziehungen, die zwischen mehreren Beteiligten wechselseitig bestehen.
Peter liebt Paula.
Paula liebt Peter.
Beide Aussagen lassen sich zusammenfassen:
Peter und Paula lieben einander.
Dabei richtet sich die Beziehung von der einen Person auf die andere und zugleich von der anderen auf die erste zurück:
A → B und B → A
Für eine solche wechselseitige Beziehung kann im Deutschen das Reziprokpronomen einander verwendet werden:
Wir helfen einander.
Die Freunde vertrauen einander.
Die beiden Mannschaften respektieren einander.
Das Reziprokpronomen bezeichnet dabei nicht eine neue Person oder Einheit. Es stellt vielmehr eine wechselseitige Beziehung zwischen mehreren bereits bezeichneten Beteiligten her.
sich als reflexive oder reziproke Form
Auch sich kann eine wechselseitige Beziehung ausdrücken. Ob die Form reflexiv oder reziprok verstanden wird, ergibt sich aus dem Zusammenhang.
Peter wäscht sich.
Hier verweist sich auf Peter selbst:
A → A
Peter und Paula lieben sich.
Hier bezeichnet sich normalerweise eine wechselseitige Beziehung:
A → B und B → A
Wenn die Gegenseitigkeit ausdrücklich hervorgehoben werden soll, kann einander oder sich gegenseitig verwendet werden:
Peter und Paula lieben einander.
Peter und Paula helfen sich gegenseitig.
Damit unterscheiden sich reflexive und reziproke Bezugnahme durch die Richtung der Beziehung:
Reflexiv → A → A
Reziprok → A → B und B → A
Das Reziprokpronomen ermöglicht somit eine besondere Art der Bezugnahme: Mehrere bereits bezeichnete Beteiligte werden durch eine gemeinsame Form als wechselseitig aufeinander bezogen.
4. Possessivpronomen und possessive Formen
Menschen stellen nicht nur auf Personen und Gegenstände Bezug her. Sie bringen diese auch miteinander in Beziehung.
Eine solche Beziehung kann Besitz ausdrücken:
Das ist mein Buch.
Doch possessive Formen bezeichnen nicht nur Besitz. Sie können sehr unterschiedliche Beziehungen ausdrücken:
meine Schwester → familiäre Beziehung
mein Kollege → berufliche oder soziale Beziehung
mein Lehrer → soziale bzw. institutionelle Beziehung
meine Universität → institutionelle Zugehörigkeit
meine Heimatstadt → biografische Beziehung
meine Meinung → Zuordnung einer Auffassung
mein Geburtstag → persönliche Zuordnung
Welche Beziehung jeweils gemeint ist, ergibt sich aus der bezeichneten Einheit und dem sprachlichen Zusammenhang.
Possessive Formen stellen somit eine Beziehung zwischen einer Einheit und einer Bezugsgröße her.
Bezugsgröße → Beziehung → zugeordnete Einheit
Die Bezugsgröße bestimmt den possessiven Stamm
Die Grundform der possessiven Form richtet sich danach, auf wen oder was die Beziehung bezogen wird:
ich → mein-
du → dein-
er / es → sein-
sie → ihr-
wir → unser-
ihr → euer-
sie → ihr-
Sie → Ihr-
Damit gilt:
Bezugsgröße → possessiver Stamm
Die Bezugsgröße bestimmt jedoch noch nicht die vollständige Form.
Vergleichen wir:
mein Freund
meine Freundin
mein Kind
meine Freunde
Die Bezugsgröße bleibt in allen Fällen dieselbe: der Sprecher. Deshalb bleibt auch der Stamm mein- erhalten.
Die Endung verändert sich dagegen entsprechend der zugeordneten Einheit.
Genus, Numerus und Kasus bestimmen die Endung
Die konkrete Form richtet sich nach Genus, Numerus und Kasus der zugeordneten Einheit:
mein Freund
meine Freundin
meinem Freund
meinen Freunden
Damit wirken zwei unterschiedliche grammatische Informationen zusammen:
Bezugsgröße → possessiver Stamm
Genus + Numerus + Kasus der zugeordneten Einheit → Endung
Die wichtigsten Formen lassen sich am Stamm mein- zeigen:
| Kasus | Maskulinum | Neutrum | Femininum | Plural |
| Nominativ | mein Freund | mein Kind | meine Freundin | meine Freunde |
| Akkusativ | meinen Freund | mein Kind | meine Freundin | meine Freunde |
| Dativ | meinem Freund | meinem Kind | meiner Freundin | meinen Freunden |
| Genitiv | meines Freundes | meines Kindes | meiner Freundin | meiner Freunde |
Die anderen possessiven Stämme folgen grundsätzlich demselben Flexionsmuster.
Beim Dativ Plural erhält zusätzlich auch das Nomen häufig die Endung -n:
mit meinen Kindern
bei unseren Freunden
Begleitender und selbstständiger Gebrauch
Possessive Formen können ein Nomen begleiten:
Das ist mein Buch.
Hier bestimmt mein die Beziehung des Nomens Buch zur Bezugsgröße. In einer genaueren grammatischen Einteilung wird mein deshalb als Possessivartikel oder Possessivdeterminativ bezeichnet.
Die possessive Form kann jedoch auch selbstständig verwendet werden:
Wessen Buch ist das?
Das ist meins.
Hier steht meins selbstständig für die betreffende Bezugsgröße innerhalb der Aussage. In diesem Gebrauch handelt es sich um ein Possessivpronomen.
Damit zeigt sich erneut, dass die Wortform allein nicht immer über die grammatische Einordnung entscheidet. Entscheidend ist ihre Funktion im konkreten Zusammenhang.
Für die Bildung possessiver Formen ergibt sich insgesamt:
Bezugsgröße → Art der Beziehung → possessiver Stamm → Genus, Numerus und Kasus der zugeordneten Einheit → konkrete Form
Possessive Formen ermöglichen somit eine besondere Art der Bezugnahme: Eine Einheit wird zu einer Person oder einer anderen Bezugsgröße in Beziehung gesetzt, ohne dass diese Beziehung auf Besitz beschränkt sein muss.
5. Demonstrativpronomen
In einer Kommunikationssituation genügt es nicht immer, auf eine Person oder eine andere Einheit lediglich Bezug zu nehmen. Manchmal soll eine bestimmte Bezugsgröße identifiziert, hervorgehoben oder von anderen möglichen Bezugsgrößen unterschieden werden.
Vergleichen wir:
Ich möchte meinen Freund treffen.
Ich möchte diesen Freund treffen.
Im ersten Satz wird eine Beziehung zwischen Freund und dem Sprecher hergestellt. Im zweiten Satz wird zusätzlich auf einen bestimmten Freund hingewiesen.
Das Demonstrativpronomen bzw. die demonstrative Form stellt somit einen hinweisenden, hervorhebenden oder identifizierenden Bezug her.
Eine ausdrückliche Abgrenzung von anderen Bezugsgrößen ist dabei möglich, aber nicht notwendig:
Was hältst du von diesem Bild?
Auch wenn nur ein einziges Bild gemeint ist, kann diesem verwendet werden, um die Aufmerksamkeit gezielt darauf zu richten.
Situativer und sprachlicher Bezug
Der demonstrative Bezug kann sich unmittelbar aus der Kommunikationssituation ergeben.
Eine Person zeigt auf mehrere Gegenstände und sagt:
Dieser gefällt mir.
Welche Einheit mit dieser gemeint ist, ergibt sich hier aus der Situation.
Der Bezug kann aber auch innerhalb des sprachlichen Zusammenhangs hergestellt werden:
Peter hat einen Vorschlag gemacht, Paul einen anderen. Dieser gefällt mir besser als jener.
Hier beziehen sich dieser und jener auf bereits erwähnte Bezugsgrößen und unterscheiden sie voneinander.
Verschiedene demonstrative Formen
Zu den häufigen demonstrativen Formen gehören unter anderem dieser, jener, derselbe und derjenige.
dieser kann eine Bezugsgröße identifizieren oder hervorheben:
Dieser Mann wartet auf dich.
jener kann insbesondere zur unterscheidenden Gegenüberstellung verwendet werden:
Dieser Weg ist kürzer, jener ist schöner.
derselbe bezeichnet Identität:
Heute sitzt derselbe Mann dort wie gestern.
derjenige dient häufig dazu, eine Bezugsgröße anzukündigen, die anschließend näher bestimmt wird:
Derjenige, der zuerst kommt, bekommt den Schlüssel.
Formen von dieser
Die Form richtet sich nach Genus, Numerus und Kasus:
| Kasus | Maskulinum | Neutrum | Femininum | Plural |
| Nominativ | dieser | dieses | diese | diese |
| Akkusativ | diesen | dieses | diese | diese |
| Dativ | diesem | diesem | dieser | diesen |
| Genitiv | dieses | dieses | dieser | dieser |
Auch jener folgt grundsätzlich demselben Flexionsmuster.
Begleitender und selbstständiger Gebrauch
Demonstrative Formen können ein Nomen begleiten:
Dieser Schüler kommt morgen.
Hier begleitet dieser das Nomen Schüler und bestimmt dessen Bezug näher.
Sie können aber auch selbstständig verwendet werden:
Welcher Schüler kommt morgen?
Dieser.
Hier übernimmt dieser selbstständig die Bezugsstelle innerhalb der Aussage.
Auch die Formen der, die, das können je nach ihrer Funktion unterschiedlich eingeordnet werden:
Der Mann kommt morgen.
Hier ist der ein Artikel.
Der kommt morgen.
Hier wird der selbstständig demonstrativ verwendet.
Damit zeigt sich auch bei demonstrativen Formen: Ihre grammatische Einordnung ergibt sich nicht allein aus der Wortform, sondern aus ihrer Funktion im konkreten Zusammenhang.
Für den demonstrativen Bezug ergibt sich:
Kommunikationsbedürfnis → bestimmte Bezugsgröße identifizieren oder hervorheben → situativer oder sprachlicher Bezug → demonstrative Form
Demonstrative Formen ermöglichen somit eine besondere Art der Bezugnahme: Eine bestimmte Bezugsgröße wird identifiziert oder hervorgehoben und kann, wenn es die Kommunikationssituation erfordert, zugleich von anderen möglichen Bezugsgrößen unterschieden werden.
6. Indefinitpronomen
In einer Kommunikationssituation kann auf Personen, Gegenstände oder Mengen Bezug genommen werden, ohne sie individuell und eindeutig zu bestimmen.
Jemand hat geklingelt.
Mit jemand wird auf eine Person Bezug genommen, ohne ihre Identität zu nennen.
Dabei muss die Person dem Sprecher nicht unbedingt unbekannt sein. Der Sprecher weiß möglicherweise nicht, wer geklingelt hat; er kann die Person aber auch kennen und ihre Identität im gegebenen Zusammenhang bewusst offenlassen.
Unbestimmtheit bedeutet deshalb nicht notwendig Unwissen. Sie bedeutet zunächst nur, dass die Bezugsgröße sprachlich nicht individuell bestimmt wird.
Indefinitpronomen ermöglichen somit eine unbestimmte Bezugnahme.
Verschiedene Arten der Unbestimmtheit
Unbestimmtheit kann unterschiedliche kommunikative Funktionen haben:
Jemand wartet vor der Tür.
Die Identität der Person bleibt offen.
Niemand wartet vor der Tür.
Es wird ausgedrückt, dass keine Person die beschriebene Bedingung erfüllt.
Jeder bekommt eine Antwort.
Die Aussage bezieht sich auf jedes einzelne Mitglied einer Bezugsgruppe.
Man macht so etwas nicht.
Die Aussage bezieht sich allgemein auf Menschen, ohne bestimmte Personen zu benennen.
Einige kommen später.
Es wird auf einen nicht genauer bestimmten Teil einer Gruppe Bezug genommen.
Viele kommen später.
Die Menge wird bezeichnet, ohne eine genaue Anzahl anzugeben.
Etwas ist passiert.
Auf einen Gegenstand, Vorgang oder Sachverhalt wird Bezug genommen, ohne ihn näher zu bestimmen.
Nichts ist passiert.
Eine entsprechende Bezugsgröße wird verneint.
Indefinite Bezugnahme kann somit unter anderem offene Identität, Verallgemeinerung, Verneinung oder eine nicht genau bestimmte Menge ausdrücken.
jemand und niemand
Die Formen von jemand und niemand richten sich nach dem Kasus:
| Kasus | jemand | niemand |
| Nominativ | jemand | niemand |
| Akkusativ | jemanden | niemanden |
| Dativ | jemandem | niemandem |
| Genitiv | jemandes | niemandes |
Beispiele:
Jemand wartet draußen.
Ich sehe jemanden.
Ich helfe jemandem.
man
Das Indefinitpronomen man ermöglicht eine verallgemeinernde Bezugnahme auf Menschen:
Man kann Fehler machen.
Im Akkusativ und Dativ werden die Formen einen und einem verwendet:
Das kann einen ärgern.
So etwas kann einem passieren.
Damit ergibt sich:
| Kasus | Form |
| Nominativ | man |
| Akkusativ | einen |
| Dativ | einem |
Eine entsprechende gewöhnliche Genitivform gehört nicht zu diesem Gebrauch.
Weitere indefinite Formen
Weitere Formen ermöglichen unterschiedliche Arten unbestimmter Bezugnahme:
Jeder bekommt eine Antwort.
Einige kommen später.
Viele bleiben zu Hause.
Etwas fehlt.
Nichts funktioniert.
Formen wie jeder, einige, viele, wenige, manche, mehrere oder beide können sich auf Personen, Gruppen oder Mengen beziehen. Formen wie etwas, nichts, einiges oder vieles ermöglichen insbesondere eine nicht näher bestimmte Bezugnahme auf Dinge, Sachverhalte oder Mengen.
Nicht alle diese Formen drücken daher dieselbe Art von Unbestimmtheit aus. Gemeinsam ist ihnen, dass die betreffende Bezugsgröße nicht individuell und eindeutig bestimmt wird.
Begleitender und selbstständiger Gebrauch
Einige indefinite Formen können ein Nomen begleiten:
Einige Schüler fehlen.
Sie können aber auch selbstständig verwendet werden:
Einige fehlen.
Dasselbe zeigt sich bei kein-:
Kein Schüler fehlt.
Keiner fehlt.
Im ersten Fall begleitet die Form ein Nomen; im zweiten nimmt sie selbstständig eine Bezugsstelle innerhalb der Aussage ein.
Auch hier entscheidet deshalb nicht allein die Wortform über die grammatische Einordnung, sondern ihre Funktion im konkreten Zusammenhang.
Unbestimmtheit als kommunikative Entscheidung
Die unbestimmte Bezugnahme kann auch dazu dienen, eine Aussage zu verallgemeinern.
Vergleichen wir:
Du hast deinen Freund beleidigt.
Die Aussage bezieht sich auf bestimmte Personen.
Dagegen:
Jemanden zu beleidigen ist keine Heldentat.
oder:
Man beleidigt seine Freunde nicht.
Hier wird die Aussage von einem einzelnen konkreten Fall gelöst und verallgemeinert.
Damit ergibt sich für die indefinite Bezugnahme:
Kommunikationsbedürfnis → Bezugsgröße nicht individuell bestimmen → Art der Unbestimmtheit → indefinite Form
Indefinitpronomen ermöglichen somit eine besondere Art der Bezugnahme: Personen, Gegenstände, Sachverhalte oder Mengen können bezeichnet werden, ohne individuell und eindeutig bestimmt zu werden. Die Unbestimmtheit kann dabei aus fehlender Kenntnis, bewusster Offenheit, Verallgemeinerung, Verneinung oder einer nicht genau bestimmten Menge entstehen.
7. Relativpronomen
In einer Kommunikation werden häufig mehrere Aussagen über dieselbe Person oder Einheit gemacht.
Zum Beispiel:
Herr Modi war mein Teamleiter.
Er war sehr nett und freundlich.
Beide Aussagen beziehen sich auf dieselbe Person. Sie können deshalb miteinander verbunden werden:
Herr Modi, der sehr nett und freundlich war, war mein Teamleiter.
Das Relativpronomen der erfüllt dabei zwei Funktionen zugleich:
1. Es verweist auf eine bereits bezeichnete Einheit zurück.
2. Es leitet eine weitere Aussage über diese Einheit ein und verbindet sie mit der vorausgehenden Aussage.
Damit entsteht eine besondere Form der Bezugnahme:
Rückbezug auf eine bereits bezeichnete Einheit → Einleitung und Verknüpfung einer weiteren Aussage
Das Bezugswort
Die Einheit, auf die das Relativpronomen zurückverweist, wird als Bezugswort bezeichnet:
Der Mann, der dort steht, ist mein Nachbar.
Das Buch, das auf dem Tisch liegt, gehört mir.
Die Frau, die gestern angerufen hat, kommt morgen.
Das Relativpronomen übernimmt Genus und Numerus seines Bezugswortes:
der Mann → der
das Buch → das
die Frau → die
die Männer → die
Damit gilt:
Bezugswort → Genus und Numerus des Relativpronomens
Der Kasus des Relativpronomens
Der Kasus des Relativpronomens wird dagegen durch seine syntaktische Funktion innerhalb des Relativsatzes bestimmt.
Vergleichen wir:
Der Mann, der dort steht, ist mein Nachbar.
der ist Subjekt des Relativsatzes und steht deshalb im Nominativ.
Der Mann, den ich sehe, ist mein Nachbar.
den ist Akkusativobjekt von sehe.
Der Mann, dem ich helfe, ist mein Nachbar.
dem ist Dativobjekt von helfe.
Der Mann, dessen Auto vor der Tür steht, ist mein Nachbar.
dessen steht im Genitiv und stellt innerhalb des Relativsatzes eine Beziehung zwischen dem Mann und dem Auto her.
Damit wirken zwei unterschiedliche grammatische Bedingungen zusammen:
Bezugswort → Genus und Numerus
Funktion innerhalb des Relativsatzes → Kasus
Formen des Relativpronomens
| Kasus | Maskulinum | Neutrum | Femininum | Plural |
| Nominativ | der | das | die | die |
| Akkusativ | den | das | die | die |
| Dativ | dem | dem | der | denen |
| Genitiv | dessen | dessen | deren | deren |
Dabei ist besonders wichtig:
Der Kasus des Bezugswortes im übergeordneten Satz bestimmt nicht den Kasus des Relativpronomens.
Zum Beispiel:
Ich spreche mit dem Mann, der dort steht.
dem Mann steht im Dativ, weil die Präposition mit den Dativ verlangt.
Das Relativpronomen der steht dagegen im Nominativ, weil es im Relativsatz das Subjekt von steht ist.
Umgekehrt:
Der Mann, dem ich helfe, kommt morgen.
der Mann steht im Nominativ und ist Subjekt des übergeordneten Satzes.
dem steht im Dativ, weil das Verb helfen innerhalb des Relativsatzes den Dativ verlangt.
Deshalb gilt:
Kasus des Bezugswortes im übergeordneten Satz ≠ Kasus des Relativpronomens im Relativsatz
Gleiche Form – unterschiedliche Funktion
Die Formen der, die, das können unterschiedliche grammatische Funktionen übernehmen:
Der Mann kommt morgen.
Hier ist der ein Artikel.
Der kommt morgen.
Hier wird der demonstrativ verwendet.
Der Mann, der morgen kommt, ist mein Nachbar.
Hier ist der ein Relativpronomen.
Die Wortform allein entscheidet also nicht über die grammatische Einordnung. Entscheidend ist ihre Funktion im jeweiligen Zusammenhang.
Da dieses Prinzip bereits bei anderen pronominalen Formen sichtbar geworden ist, müssen wir es hier nicht weiter ausführen.
Relativpronomen als Mittel der Satzverknüpfung
Die besondere Leistung des Relativpronomens wird deutlich, wenn zwei selbstständige Aussagen miteinander verbunden werden:
Peter ist ein undankbarer Mensch.
Ich habe ihm geholfen.
Beide Aussagen beziehen sich auf Peter. Die zweite Aussage kann deshalb in die erste eingebunden werden:
Peter, dem ich geholfen habe, ist ein undankbarer Mensch.
Das Personalpronomen ihm wird dabei durch das Relativpronomen dem ersetzt. Der Bezug auf Peter bleibt erhalten, zugleich wird die zweite Aussage als Relativsatz mit der ersten verbunden.
Damit ergibt sich:
bereits bezeichnete Einheit → Rückbezug → zusätzliche Aussage über diese Einheit → Verbindung durch Relativpronomen → Relativsatz
Relativpronomen ermöglichen somit eine besondere Art der Bezugnahme: Sie greifen eine bereits bezeichnete Einheit wieder auf und leiten zugleich eine weitere Aussage ein, die diese Einheit näher bestimmt oder zusätzliche Informationen über sie vermittelt.
8. Interrogativpronomen
In einer Kommunikationssituation kann der Sprecher eine Information als offen darstellen und ihre Bestimmung vom Hörer erfragen.
Zum Beispiel:
Wer kommt heute?
Der Sprecher bezeichnet hier keine bestimmte Person. Stattdessen eröffnet das Interrogativpronomen wer eine Bezugsstelle, deren konkrete Bestimmung durch die Antwort erwartet wird.
offene Bezugsstelle → Frage nach ihrer Bestimmung
Die offene Bezugsstelle
Der Zusammenhang wird deutlicher, wenn wir von einer vollständigen Aussage ausgehen:
Der Bleistift liegt auf dem Tisch.
Die Bezugsstelle des Subjekts ist bestimmt:
der Bleistift → liegt auf dem Tisch
Ist diese Bezugsgröße nicht bestimmt, kann die Stelle zunächst offen gedacht werden:
___ → liegt auf dem Tisch
Aus dieser offenen Bezugsstelle entsteht die Frage:
Was liegt auf dem Tisch?
Das Interrogativpronomen bezeichnet also nicht einfach „etwas Unbekanntes“. Es markiert eine offene Bezugsstelle und fordert ihre Bestimmung durch eine Antwort.
Die grammatische Funktion ist bereits bestimmt
Obwohl die konkrete Bezugsgröße offenbleibt, kann ihre grammatische Funktion bereits feststehen.
Vergleichen wir:
Wer hilft Sabine?
Wem hilft Peter?
In beiden Fällen ist die Identität einer Person offen. Ihre grammatische Rolle ist jedoch verschieden.
In:
Wer hilft Sabine?
ist die gesuchte Person das Subjekt. Deshalb steht wer im Nominativ.
In:
Wem hilft Peter?
ist die gesuchte Person Dativobjekt des Verbs helfen. Deshalb steht wem im Dativ.
Damit zeigt sich:
Die Bezugsgröße ist offen, ihre grammatische Funktion kann jedoch bereits bestimmt sein.
Formen von wer
Für Personen werden folgende Formen verwendet:
| Kasus | Form |
| Nominativ | wer |
| Akkusativ | wen |
| Dativ | wem |
| Genitiv | wessen |
Beispiele:
Wer kommt?
Wen siehst du?
Wem hilfst du?
Wessen Buch ist das?
Der Kasus richtet sich nach der syntaktischen Funktion innerhalb der Frage.
was
Mit was kann insbesondere nach Gegenständen, Sachverhalten oder anderen nicht als Person bezeichneten Bezugsgrößen gefragt werden:
Was liegt auf dem Tisch?
Was ist passiert?
Was möchtest du?
Im Nominativ und Akkusativ bleibt die Form was unverändert.
welcher
Mit welcher wird häufig nicht völlig offen nach einer Bezugsgröße gefragt, sondern nach einer Auswahl aus einem vorausgesetzten oder erkennbaren Bereich möglicher Bezugsgrößen:
Welcher Schüler fehlt heute?
Welche Jacke möchtest du?
Welches Buch meinst du?
Welche kommen morgen?
Die Form richtet sich nach Genus, Numerus und Kasus:
| Kasus | Maskulinum | Neutrum | Femininum | Plural |
| Nominativ | welcher | welches | welche | welche |
| Akkusativ | welchen | welches | welche | welche |
| Dativ | welchem | welchem | welcher | welchen |
| Genitiv | welches | welches | welcher | welcher |
Auch welcher kann ein Nomen begleiten oder selbstständig verwendet werden:
Welcher Schüler kommt morgen?
Hier begleitet welcher das Nomen Schüler.
Welcher kommt morgen?
Hier steht welcher selbstständig und übernimmt die offene Bezugsstelle.
Interrogativpronomen und Indefinitpronomen
Interrogativpronomen und Indefinitpronomen können beide mit einer nicht bestimmten Bezugsgröße verbunden sein. Der entscheidende Unterschied liegt im Kommunikationsbedürfnis.
Jemand kommt.
Die Person wird nicht individuell bestimmt. Die Unbestimmtheit bleibt bestehen:
unbestimmte Bezugsgröße → Unbestimmtheit bleibt bestehen
Dagegen:
Wer kommt?
Die Bezugsgröße wird als offen dargestellt und ihre Bestimmung erfragt:
offene Bezugsgröße → Frage nach ihrer Bestimmung
Eine mögliche Antwort lautet:
Peter kommt.
Damit wird die offene Bezugsstelle bestimmt:
offene Bezugsgröße → Frage → Antwort → bestimmte Bezugsgröße
Dieser Unterschied zeigt besonders deutlich, warum Pronomen nicht allein nach ihrer Form oder danach erklärt werden können, ob eine Bezugsgröße bestimmt oder unbestimmt ist. Entscheidend ist auch, welche kommunikative Funktion die Bezugnahme erfüllt.
Nicht jedes Fragewort ist ein Interrogativpronomen
Nicht alle Wörter, mit denen Fragen gebildet werden, sind Pronomen.
Wann kommst du?
Wo wohnst du?
Warum gehst du?
Wie funktioniert das?
Die Wörter wann, wo, warum und wie stehen nicht für Personen oder andere Bezugsgrößen, sondern fragen beispielsweise nach Zeit, Ort, Grund oder Art und Weise. Sie werden deshalb als Interrogativadverbien bezeichnet.
Auch Verbindungen wie wie viel, wie viele oder was für ein sollten nicht allein deshalb als Interrogativpronomen bezeichnet werden, weil sie in Fragen auftreten. Ihre grammatische Einordnung richtet sich nach ihrer jeweiligen Funktion und Konstruktion.
Für die interrogative Bezugnahme ergibt sich damit:
als offen dargestellte Information → offene Bezugsstelle → Frage nach ihrer Bestimmung → Interrogativpronomen → Antwort → bestimmte Bezugsgröße
Interrogativpronomen ermöglichen somit eine besondere Art der Bezugnahme: Sie markieren eine Bezugsgröße als offen und machen ihre Bestimmung zum Gegenstand einer Frage.
Rückblick
Pronomen dienen nicht lediglich dazu, wiederholte Benennungen durch Nomen oder Nominalgruppen zu vermeiden. Ihre grundlegendere Funktion besteht darin, unterschiedliche Arten der Bezugnahme entsprechend dem jeweiligen Kommunikationsbedürfnis zu ermöglichen.
Dabei nimmt der Sprecher eine zentrale Stellung ein. Von seiner Position innerhalb der Kommunikationssituation aus kann er auf sich selbst, auf den Hörer, auf andere Personen oder Einheiten sowie auf bestimmte, unbestimmte oder noch zu bestimmende Bezugsgrößen Bezug nehmen.
Die verschiedenen Pronomenarten unterscheiden sich vor allem durch die Art dieser Bezugnahme:
Personalpronomen kennzeichnen die grammatischen Rollen von Sprecher, Hörer und Besprochenem.
Reflexivpronomen verweisen auf das Subjekt zurück.
Reziprokpronomen drücken einen wechselseitigen Bezug aus.
Possessivpronomen und possessive Formen stellen Beziehungen zu einer Bezugsgröße her.
Demonstrativpronomen weisen auf bestimmte Bezugsgrößen hin oder heben sie hervor.
Indefinitpronomen lassen Bezugsgrößen unbestimmt.
Relativpronomen greifen eine bereits bezeichnete Einheit auf und verbinden sie mit einer weiteren Aussage.
Interrogativpronomen kennzeichnen eine offene Bezugsstelle, deren Bestimmung erfragt wird.
Damit ergibt sich:
Wirklichkeit und Kommunikationssituation → Wahrnehmung und Erkenntnis → Kommunikationsbedürfnis → Art der Bezugnahme → sprachliche Funktion → pronominale Form
Die Untersuchung zeigt zugleich, dass die sprachliche Form allein nicht immer über ihre grammatische Einordnung entscheidet. Entscheidend ist ihre Funktion im jeweiligen sprachlichen Zusammenhang.
Das Pronomen lässt sich deshalb nicht ausreichend als bloßer „Stellvertreter des Nomens“ verstehen. Vereinfacht lässt sich der Unterschied so zusammenfassen:
Das Nomen dient vor allem der Benennung; das Pronomen dient vor allem der Bezugnahme.
Damit führt auch das Pronomen auf den Ausgangspunkt dieses Grammatikmodells zurück: Nicht die grammatische Form steht am Anfang, sondern das menschliche Kommunikationsbedürfnis, auf etwas Bezug zu nehmen.
Autor: Khyal Aryubi
Version: 1.0
Veröffentlicht: 04.09.2026
Lizenz: CC BY-NC 4.0
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