Kapitel 13

Morphologie

Einleitung

In den vorhergehenden Kapiteln wurde Sprache aus dem Zusammenhang von Wirklichkeit, Wahrnehmung, Erkenntnis und Kommunikation betrachtet.

Der Mensch nimmt die Wirklichkeit wahr, erkennt Gemeinsamkeiten und Unterschiede und bildet daraus Begriffe. Das Bedürfnis, Erkenntnisse, Erfahrungen, Bedürfnisse und Vorstellungen mit anderen Menschen auszutauschen, macht sprachliche Ausdrucksmittel erforderlich.

Erkenntnis und Sprache stehen dabei in einer wechselseitigen Beziehung. Neue Erkenntnisse können neue sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten erforderlich machen, während Sprache zugleich dazu beiträgt, Erkenntnisse zu ordnen, festzuhalten und weiterzugeben.

Mit der Entwicklung sprachlicher Systeme wird schließlich auch die Sprache selbst zum Gegenstand der Beobachtung. Sprachliche Formen können miteinander verglichen, ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkannt und ihre Strukturen beschrieben werden.

An diesem Punkt setzt die Morphologie an. Sie richtet den Blick nicht unmittelbar auf die Wirklichkeit, sondern auf die innere Struktur und die Formen sprachlicher Einheiten.

Dabei beschreibt dieses Grammatikmodell keine nachweisbare historische Abfolge der Sprachentstehung. Es versucht vielmehr, die Zusammenhänge zwischen Erkenntnis, Kommunikationsbedürfnis und sprachlicher Gestaltung funktional und logisch zu erklären.

Die Morphologie

Nachdem die Sprache selbst zum Gegenstand der Untersuchung geworden ist, stellt sich die Frage:

Wie sind Wörter aufgebaut, wie verändern sie ihre Form, und auf welche Weise können neue Wörter entstehen?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Morphologie.

Die Morphologie untersucht die innere Struktur und die Formen der Wörter. Sie beschreibt, aus welchen bedeutungs- oder funktionstragenden Bestandteilen Wörter aufgebaut sind, wie Wörter entsprechend ihrer grammatischen Funktion unterschiedliche Formen annehmen und wie aus vorhandenem sprachlichem Material neue Wörter gebildet werden können.

Dabei muss zwischen Begriffsbildung, Benennung und morphologischer Gestaltung unterschieden werden. Ein Kommunikationsbedürfnis kann die sprachliche Benennung eines Begriffs erforderlich machen. Die Morphologie untersucht jedoch nicht allgemein, wie ein Begriff erstmals seine sprachliche Bezeichnung erhält. Sie setzt dort an, wo sprachliche Einheiten bereits vorhanden sind und deren Aufbau, Formen und Bildungsmöglichkeiten untersucht werden können.

Aus der Sicht dieses Grammatikmodells steht die Morphologie deshalb weiterhin im Zusammenhang von Erkenntnis und Kommunikation. Neue Erkenntnisse und neue Kommunikationsbedürfnisse können neue sprachliche Differenzierungen erforderlich machen. Die Morphologie zeigt, welche strukturellen Mittel die Sprache dafür innerhalb des Wortes bereitstellt.

Morpheme

Wörter erscheinen in einer Aussage zunächst als sprachliche Einheiten. Viele Wörter lassen sich jedoch weiter in kleinere Bestandteile zerlegen, die selbst eine Bedeutung oder eine grammatische Funktion tragen.

Die kleinsten sprachlichen Einheiten, die eine Bedeutung oder grammatische Funktion tragen, nennt man Morpheme.

Ein Morphem kann dabei unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Es kann die lexikalische Grundbedeutung eines Wortes tragen, seine Bedeutung verändern, zur Bildung eines neuen Wortes beitragen oder eine grammatische Information ausdrücken.

Beispiele:

Haus
Haus + tür → Haustür

bekannt → un + bekannt → unbekannt

Kind → Kind + er → Kinder

In Haus trägt das Morphem Haus die lexikalische Bedeutung. In unbekannt verändert das Morphem un- die Bedeutung von bekannt. In Kinder trägt die Endung -er grammatische Information über den Numerus.

Grundsätzlich kann zwischen freien und gebundenen Morphemen unterschieden werden.

Freie Morpheme

Freie Morpheme können selbstständig als Wörter auftreten.

Beispiele:

Haus
Berg
Mond
Baum

Diese Morpheme können ohne weitere morphologische Bestandteile als selbstständige Wörter verwendet werden.

Gebundene Morpheme

Gebundene Morpheme können nicht selbstständig als Wörter auftreten. Sie werden mit anderen Morphemen verbunden und können dabei deren Bedeutung verändern, zur Bildung neuer Wörter beitragen oder grammatische Informationen ausdrücken.

Beispiele:

un- + bekannt → unbekannt

gesund + -heit → Gesundheit

be- + suchen → besuchen

Kind + -er → Kinder

Die Morpheme un-, -heit, be- und -er können in diesen Funktionen nicht selbstständig als Wörter auftreten. Sie sind an andere sprachliche Bestandteile gebunden.

Der Wortstamm

Bei der Untersuchung des inneren Aufbaus von Wörtern muss zwischen Wurzel und Wortstamm unterschieden werden.

Die Wurzel bildet den kleinsten lexikalischen Kern einer Wortfamilie. Sie trägt einen wesentlichen Teil der gemeinsamen Grundbedeutung verwandter Wörter.

Beispiele:

such- → suchen, Sucher, Suche

freund- → Freund, freundlich, Freundschaft

Der Wortstamm ist dagegen die morphologische Grundlage eines Wortes, an die insbesondere Flexionsmorpheme angeschlossen werden können.

Bei einfachen Wörtern können Wurzel und Stamm zusammenfallen:

Kind → Kind-er

Tag → Tag-e

Ein Wortstamm kann jedoch auch bereits durch Wortbildung erweitert worden sein:

freund + -lich → freundlich

In:

freundlich-e

ist freundlich- der Stamm, an den die Flexionsendung -e angeschlossen wird. Der Stamm selbst besteht hier bereits aus der Wurzel freund- und dem Wortbildungsmorphem -lich.

Damit lässt sich unterscheiden:

Wurzel → lexikalischer Kern einer Wortfamilie
Stamm → morphologische Grundlage für weitere Formen
Affix → gebundenes Morphem, das an eine sprachliche Grundlage tritt

Diese Unterscheidung wird besonders wichtig, wenn anschließend untersucht wird, wie durch Flexion verschiedene grammatische Formen und durch Wortbildung neue Lexeme entstehen.

Teilgebiete der Morphologie

Die Morphologie untersucht nicht nur den inneren Aufbau von Wörtern, sondern auch die Prozesse, durch die ihre Formen verändert oder neue Wörter gebildet werden.

Dabei lassen sich zwei grundlegende Bereiche unterscheiden:

Flexion (Formenbildung) und Wortbildung.

Bei der Flexion erhält ein bereits vorhandenes Wort unterschiedliche grammatische Formen, ohne dass dadurch ein neues Lexem entsteht.

Beispiele:

Kind → Kinder

gehen → gehst → ging

Bei der Wortbildung entstehen dagegen aus vorhandenem sprachlichem Material neue Lexeme.

Beispiele:

freund → freundlich

Haus + Tür → Haustür

Damit besteht ein grundlegender Unterschied:

Flexion → verschiedene grammatische Formen eines Lexems

Wortbildung → Bildung neuer Lexeme

Beide Bereiche verändern sprachliche Formen, erfüllen jedoch unterschiedliche Funktionen. Die Flexion dient vor allem der grammatischen Einordnung eines Wortes innerhalb einer Aussage, während die Wortbildung den Wortschatz einer Sprache erweitert und differenziert.

I. Flexion (Formenbildung)

Bei der Flexion verändert ein bereits vorhandenes Lexem seine grammatische Form. Dadurch entstehen unterschiedliche Wortformen, jedoch grundsätzlich keine neuen Lexeme.

Beispiele:

Kind → Kindes → Kinder → Kindern

gehen → gehe → gehst → ging

Die lexikalische Grundbedeutung bleibt dabei erhalten, während die Form grammatische Informationen ausdrückt.

Im Deutschen lassen sich innerhalb der Flexion vor allem Deklination und Konjugation unterscheiden.

1. Deklination

Die Deklination bezeichnet die Flexion von Nomen sowie von Artikeln, Adjektiven, Pronomen und deklinierbaren Numeralien.

Dabei können insbesondere Kasus und Numerus sowie – bei entsprechenden begleitenden oder pronominalen Formen – Genus morphologisch sichtbar werden.

Beispiele:

der Mann → des Mannes

das Kind → die Kinder

dieser Mann → diese Frau → dieses Kind

Beim Nomen selbst muss dabei zwischen diesen Kategorien unterschieden werden. Kasus und Numerus können seine Wortform verändern; das Genus ist dem Nomen dagegen grundsätzlich fest zugeordnet.

So bleibt Tisch unabhängig von Kasus und Numerus maskulin:

der Tisch

des Tisches

die Tische

den Tischen

Bei Artikeln, Adjektiven und bestimmten Pronomen kann die Form dagegen das Genus der jeweiligen Bezugsgröße anzeigen:

dieser Mann

diese Frau

dieses Kind

Die Deklination ermöglicht es somit, grammatische Beziehungen und Funktionen innerhalb einer Aussage an den beteiligten Wortformen sichtbar zu machen.

2. Konjugation

Die Konjugation bezeichnet die Flexion der Verben.

Durch unterschiedliche Verbformen können insbesondere grammatische Informationen über Person, Numerus, Tempus und Modus ausgedrückt werden.

Beispiele:

ich gehe – du gehst – wir gehen

ich gehe – ich ging

er kommt – er komme

Die lexikalische Grundbedeutung des Verbs bleibt dabei grundsätzlich erhalten; verändert wird seine grammatische Form.

Auch das Genus Verbi unterscheidet zwischen Aktiv und Passiv. Im Deutschen wird dieser Unterschied jedoch nicht allein durch unterschiedliche Flexionsendungen ausgedrückt, sondern insbesondere durch die Verbindung von Hilfsverben mit anderen Verbformen:

Der Schüler schreibt den Text.

Der Text wird geschrieben.

Die einzelnen grammatischen Kategorien und ihre kommunikativen Funktionen wurden bereits in den entsprechenden Kapiteln dieses Grammatikmodells behandelt. Hier stehen sie deshalb nur insoweit im Mittelpunkt, wie sie für das Verständnis der morphologischen Formenbildung erforderlich sind.

II. Wortbildung

Während bei der Flexion verschiedene grammatische Formen desselben Lexems entstehen, dient die Wortbildung der Bildung neuer Lexeme aus bereits vorhandenem sprachlichem Material.

Beispiele:

freund → freundlich

gesund → Gesundheit

Haus + Tür → Haustür

Die neu gebildeten Lexeme stehen in einer erkennbaren Beziehung zu ihren sprachlichen Ausgangsformen, besitzen jedoch eine eigene lexikalische Bedeutung oder ermöglichen eine neue begriffliche Differenzierung.

Aus der Sicht dieses Grammatikmodells steht die Wortbildung im Zusammenhang mit Erkenntnis und Kommunikationsbedürfnis. Neue Gegenstände, Handlungen, Eigenschaften oder Zusammenhänge können das Bedürfnis hervorrufen, bereits vorhandene Begriffe genauer zu unterscheiden oder neue begriffliche Einheiten sprachlich auszudrücken.

Ein solches Ausdrucksbedürfnis führt jedoch nicht zwangsläufig zur Bildung eines neuen Lexems. Sprache kann neue oder differenzierte Inhalte auch durch bereits vorhandene Wörter, Wortgruppen oder Umschreibungen ausdrücken. Besteht jedoch das Bedürfnis nach einer neuen sprachlichen Benennung, stellt die Wortbildung verschiedene Möglichkeiten bereit, aus vorhandenem sprachlichem Material neue Lexeme zu bilden.

Damit lässt sich der Zusammenhang folgendermaßen darstellen:

neue Erkenntnis oder begriffliche Differenzierung → Kommunikations- und Benennungsbedürfnis → sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten → gegebenenfalls Wortbildung → neues Lexem

Die Wortbildung trägt auf diese Weise zur Erweiterung und Differenzierung des Wortschatzes bei.

1. Komposition (Zusammensetzung)

Neue Erkenntnisse und Kommunikationsbedürfnisse können dazu führen, dass bereits bekannte Begriffe genauer unterschieden oder miteinander in eine neue Beziehung gesetzt werden sollen. Eine Möglichkeit, dafür neue sprachliche Benennungen zu bilden, ist die Komposition oder Zusammensetzung.

Bei der Komposition werden zwei oder mehrere sprachliche Einheiten zu einem neuen Lexem verbunden. Die Bestandteile gehen dabei typischerweise auf selbstständig vorkommende Wörter oder deren Wortstämme zurück.

Ein anschauliches Beispiel ist:

Tisch + Bein → Tischbein

Das Wort Bein bezeichnet ursprünglich einen Körperteil von Menschen oder Tieren. Bei einem Tisch werden die tragenden Teile ebenfalls als Beine bezeichnet. Zwischen beiden besteht keine stoffliche oder biologische Gleichheit, sondern eine funktionale Ähnlichkeit: Sie tragen etwas und geben ihm Standfestigkeit.

Durch die Verbindung von Tisch und Bein entsteht mit Tischbein eine spezifische sprachliche Benennung. Der erste Bestandteil grenzt dabei genauer ein, um welche Art von Bein es sich handelt.

Andere Komposita beruhen auf anderen begrifflichen Beziehungen:

Haus + Tür → Haustür

Wasser + Flasche → Wasserflasche

Apfel + Baum → Apfelbaum

Kinder + Zimmer → Kinderzimmer

Fußball + Platz → Fußballplatz

Die Beziehung zwischen den Bestandteilen ist dabei nicht immer dieselbe. Eine Haustür ist eine Tür, die zu einem Haus gehört; eine Wasserflasche ist typischerweise eine Flasche für Wasser; ein Apfelbaum ist ein Baum, der Äpfel trägt.

Die Bedeutung eines Kompositums ergibt sich deshalb nicht allein aus dem bloßen Nebeneinander seiner Bestandteile. Entscheidend ist auch, in welcher begrifflichen Beziehung diese Bestandteile miteinander verstanden werden.

Aus der Sicht dieses Grammatikmodells zeigt die Komposition damit besonders deutlich das Zusammenspiel von Erkenntnis, Kommunikationsbedürfnis und sprachlicher Gestaltung. Menschen erkennen oder entwickeln begriffliche Beziehungen und können vorhandenes sprachliches Material nutzen, um diese Beziehungen in einer neuen Benennung auszudrücken.

Dabei muss keine starre zeitliche Reihenfolge zwischen Begriff und sprachlicher Form angenommen werden. Eine erkannte Unterscheidung kann ein Bedürfnis nach einer neuen Benennung hervorrufen; umgekehrt kann eine etablierte Benennung dazu beitragen, die begriffliche Unterscheidung zu festigen und weiterzugeben.

Aufbau nominaler Komposita

Bei zusammengesetzten Nomen lassen sich häufig zwei grundlegende Bestandteile unterscheiden: Bestimmungswort und Grundwort.

Beispiel:

Tisch + Bein → Tischbein

Tisch- ist das Bestimmungswort. Es bestimmt genauer, um welche Art von Bein es sich handelt.

Bein ist das Grundwort. Es legt die grundlegende begriffliche und grammatische Einordnung des gesamten Kompositums fest.

Ein Tischbein ist somit eine Art Bein, eine Wasserflasche eine Art Flasche und ein Apfelbaum eine Art Baum.

Daraus ergibt sich das grundlegende Schema:

Bestimmungswort + Grundwort → Kompositum

Das Genus zusammengesetzter Nomen

Bei nominalen Komposita wird das Genus des gesamten Wortes grundsätzlich durch das Grundwort bestimmt.

Beispiele:

der Tisch + das Bein → das Tischbein

der Sattel + die Tasche → die Satteltasche

die Sonne + das Licht → das Sonnenlicht

das Wasser + die Flasche → die Wasserflasche

das Kind + das Zimmer → das Kinderzimmer

Das Bestimmungswort kann wechseln, ohne dass sich das vom Grundwort bestimmte Genus ändert:

die Wasserflasche

die Glasflasche

die Trinkflasche

Ebenso:

das Tischbein

das Holzbein

das Standbein

Das Grundwort bestimmt damit nicht nur die grammatische Grundklasse des Kompositums, sondern auch dessen Genus.

Fugenelemente

Zwischen den Bestandteilen eines Kompositums kann ein Fugenelement auftreten.

Beispiele:

Sonne + -n- + Licht → Sonnenlicht

Kind + -er- + Zimmer → Kinderzimmer

Arbeit + -s- + Zeit → Arbeitszeit

Fugenelemente dienen innerhalb der Wortbildung der Verbindung der Bestandteile. Obwohl ihre Form teilweise Flexionsendungen ähnelt oder historisch mit ihnen zusammenhängt, drücken sie im heutigen Kompositum nicht notwendig dieselbe grammatische Funktion aus.

So kann Kinderzimmer auch das Zimmer eines einzelnen Kindes bezeichnen. Das Element -er- muss hier daher nicht als aktuelle Pluralinformation des gesamten Ausdrucks verstanden werden.

Der Aufbau eines Kompositums kann somit erweitert dargestellt werden:

Bestimmungswort + gegebenenfalls Fugenelement + Grundwort → Kompositum

Die Produktivität der Komposition im Deutschen

Die Komposition ist im Deutschen ein besonders produktives Wortbildungsverfahren. Vorhandene sprachliche Einheiten können miteinander verbunden werden, um neue und zunehmend differenzierte Benennungen zu bilden.

Dabei kann ein bereits gebildetes Kompositum selbst wieder als Bestandteil einer weiteren Zusammensetzung verwendet werden.

Beispiel:

Haus + Tür → Haustür

Haustür + Schlüssel → Haustürschlüssel

Haustürschlüssel + Bund → Haustürschlüsselbund

Auf diese Weise können mehrstufig aufgebaute Komposita entstehen.

Für die grammatische Einordnung des gesamten nominalen Kompositums bleibt das Grundwort entscheidend.

Beispiele:

die Tür → die Haustür

der Schlüssel → der Haustürschlüssel

der Bund → der Haustürschlüsselbund

Mit jedem weiteren Bildungsschritt kann sich somit das Grundwort des Gesamtkompositums ändern. Das jeweils letzte Grundwort bestimmt die grundlegende grammatische Einordnung und das Genus der gesamten Zusammensetzung.

Die hohe Produktivität der Komposition ermöglicht es, vorhandene Begriffe immer genauer miteinander in Beziehung zu setzen und daraus neue Benennungen zu bilden.

Dabei müssen solche komplexen Wörter nicht als Ergebnis eines einzigen Bildungsschrittes verstanden werden. Ihre morphologische Struktur kann mehrstufig analysiert werden:

vorhandenes sprachliches Material → Kompositum → mögliche Grundlage eines weiteren Kompositums

Die Komposition zeigt damit besonders deutlich, dass das Ergebnis eines Wortbildungsprozesses selbst wieder zum Ausgangspunkt weiterer Wortbildung werden kann.

2. Derivation (Ableitung)

Bei der Derivation oder Ableitung entsteht ein neues Lexem, indem eine vorhandene sprachliche Basis durch Wortbildungsaffixe erweitert wird.

Beispiele:

gesund + -heit → Gesundheit
Freund + -lich → freundlich
un- + bekannt → unbekannt

Die Basis bezeichnet dabei die sprachliche Einheit, von der die Ableitung ausgeht. Sie kann morphologisch einfach oder selbst bereits das Ergebnis einer Wortbildung sein.

Beispiel:

Freund + -lich → freundlich

un- + freundlich → unfreundlich

Die Derivation kann die lexikalische Bedeutung verändern oder genauer bestimmen. Häufig führt sie auch zu einem Wechsel der Wortart.

Ableitung durch Suffixe

Ein Suffix ist ein gebundenes Wortbildungsmorphem, das hinter die Basis tritt.

Beispiele:

Freund + -lich → freundlich
gesund + -heit → Gesundheit
frei + -heit → Freiheit
leit- + -ung → Leitung

Durch ein Suffix kann sich auch die Wortart ändern:

Freund (Nomen) → freundlich (Adjektiv)
gesund (Adjektiv) → Gesundheit (Nomen)

Ableitung durch Präfixe

Ein Präfix ist ein gebundenes Wortbildungsmorphem, das vor die Basis tritt.

Beispiele:

un- + bekannt → unbekannt

be- + suchen → besuchen

ver- + kaufen → verkaufen

Präfixe verändern oder spezifizieren die lexikalische Bedeutung der Basis. Dabei muss sich die Wortart nicht verändern:

bekannt (Adjektiv) → unbekannt (Adjektiv)

kaufen (Verb) → verkaufen (Verb)

Ableitungen mit mehreren Affixen

Ein abgeleitetes Wort kann mehrere Wortbildungsaffixe enthalten.

Beispiele:

un- + freund + -lich → unfreundlich

ver- + schön + -er(n) → verschönern

Dabei muss die morphologische Struktur nicht als gleichzeitiges Anfügen aller Bestandteile verstanden werden. Wortbildungen können schrittweise entstehen und selbst wieder als Grundlage weiterer Ableitungen dienen.

So kann aus einer vorhandenen Basis eine Reihe verwandter Lexeme entstehen:

Freund → freundlich → unfreundlich

Die Derivation erweitert den Wortschatz somit, indem vorhandenes sprachliches Material durch Affixe zu neuen Lexemen weitergebildet wird.

Im Unterschied zur Komposition, bei der mehrere lexikalische Einheiten miteinander verbunden werden, entsteht die Derivation durch die Verbindung einer Basis mit einem oder mehreren Wortbildungsaffixen.

3. Konversion

Bei der Konversion entsteht ein Lexem einer anderen Wortart, ohne dass dafür ein zusätzliches Wortbildungsaffix verwendet wird.

Ein besonders anschauliches Beispiel ist die Bildung von Nomen aus Verben:

gehen → das Gehen

laufen → das Laufen

lesen → das Lesen

essen → das Essen

Vergleichen wir:

Das Kind läuft.

Hier bezeichnet läuft einen Vorgang und wird als Verb verwendet.

Das Laufen macht Spaß.

Hier wird Laufen als Gegenstand einer Aussage behandelt und substantivisch verwendet.

Aus der Sicht dieses Grammatikmodells zeigt sich darin ein wichtiger Perspektivwechsel. Ein Sachverhalt kann sprachlich nicht nur als Handlung oder Vorgang dargestellt werden, sondern selbst zum Gegenstand des Denkens und der Kommunikation gemacht werden.

Die Sprache ermöglicht damit unterschiedliche Arten der begrifflichen Darstellung:

Das Kind läuft


→ ein Vorgang wird ausgesagt.

Das Laufen macht Spaß


→ der Vorgang selbst wird zum Gegenstand der Aussage.

Der Übergang von laufen zu das Laufen erfolgt ohne ein zusätzliches Wortbildungsaffix. Darin unterscheidet sich die Konversion von der Derivation.

Vergleich:

gehen → das Gehen

→ Konversion

schön → Schönheit

→ Derivation durch -heit

krank → Krankheit

→ Derivation durch -heit

Konversion und Substantivierung können sich dabei überschneiden. Substantivierung bezeichnet allgemein die substantivische Verwendung oder Bildung einer sprachlichen Einheit. Erfolgt der dabei auftretende Wortartwechsel ohne ein zusätzliches Wortbildungsaffix, kann er morphologisch als Konversion beschrieben werden.

Bei substantivierten Adjektiven treten besondere Verhältnisse auf:

der Kranke

die Kranke

ein Kranker

die Kranken

Solche Formen werden substantivisch verwendet, zeigen jedoch weiterhin die für Adjektive charakteristische Flexion. Sie machen deutlich, dass die Grenzen zwischen Wortarten nicht in jedem Fall allein an der äußeren Form eines einzelnen Wortes erkennbar sind.

Für die morphologische Unterscheidung der bisher behandelten Wortbildungsverfahren ist deshalb entscheidend:

Komposition → Verbindung mehrerer lexikalischer Einheiten
Derivation → Bildung eines neuen Lexems mithilfe von Wortbildungsaffixen
Konversion → Wortartwechsel ohne zusätzliches Wortbildungsaffix

Vergleich der Hauptarten der Wortbildung

Die drei bisher behandelten Wortbildungsverfahren unterscheiden sich darin, wie vorhandenes sprachliches Material zur Bildung neuer Lexeme genutzt wird.

WortbildungsverfahrenGrundprinzipBeispiel
KompositionVerbindung lexikalischer EinheitenHaus + Tür → Haustür
DerivationErweiterung einer Basis durch Wortbildungsaffixefreund + -lich → freundlich
KonversionWortartwechsel ohne zusätzliches Wortbildungsaffixgehen → das Gehen

Komposition, Derivation und Konversion sind dabei nicht als starre oder vollständig voneinander abgeschlossene Verfahren zu verstehen. Sie beschreiben grundlegende strukturelle Prinzipien der Wortbildung. Bei komplexeren Bildungen können mehrere dieser Prinzipien aufeinander aufbauen oder miteinander zusammenwirken. Daneben kennt die Sprache weitere besondere Möglichkeiten der Wortbildung, die sich nicht immer vollständig auf einen einzigen dieser Grundtypen reduzieren lassen.

Die drei Verfahren unterscheiden sich somit in ihrer morphologischen Struktur, haben jedoch einen gemeinsamen Ausgangspunkt: Sie greifen auf bereits vorhandenes sprachliches Material zurück und ermöglichen daraus die Bildung neuer Lexeme.

Aus der Sicht dieses Grammatikmodells stehen diese Möglichkeiten im Zusammenhang mit Erkenntnis und Kommunikation. Ein Bedürfnis nach neuen oder differenzierteren Benennungen kann dazu führen, dass vorhandenes sprachliches Material neu kombiniert, erweitert oder in eine andere Wortart überführt wird.

Dabei ist keine starre zeitliche Abfolge zwischen Erkenntnis, Begriffsbildung und sprachlicher Form anzunehmen. Sprache dient nicht nur dazu, bereits vollständig ausgebildete Begriffe zu benennen, sondern kann ihrerseits dazu beitragen, begriffliche Unterscheidungen zu stabilisieren und weiterzuentwickeln.

Weitere und kombinierte Wortbildungsverfahren

Die bisher behandelten Verfahren Komposition, Derivation und Konversion beschreiben grundlegende strukturelle Prinzipien der Wortbildung. Sie sind jedoch nicht als starre und vollständig voneinander getrennte Verfahren zu verstehen.

Bei komplexeren Bildungen können mehrere Wortbildungsprinzipien miteinander zusammenwirken. Daneben gibt es weitere Möglichkeiten, vorhandenes sprachliches Material zur Bildung oder Veränderung lexikalischer Einheiten zu nutzen.

Solche Bildungen zeigen, dass die sprachliche Wirklichkeit nicht immer vollständig in voneinander abgegrenzte Kategorien zerfällt. Die grammatischen Kategorien dienen vielmehr dazu, unterschiedliche strukturelle Prinzipien sichtbar und beschreibbar zu machen.

1. Zusammenbildung

Ein Beispiel für das Zusammenwirken verschiedener Wortbildungsprinzipien ist die Zusammenbildung.

Dabei bildet nicht notwendig ein einzelnes Wort die Grundlage der Wortbildung. Auch eine komplexere sprachliche Verbindung kann als Basis für die Bildung eines neuen Lexems dienen.

Beispiel:

früh aufstehen → Frühaufsteher

Die Bedeutung von Frühaufsteher steht in Beziehung zu der Verbindung früh aufstehen. Gleichzeitig enthält das neu gebildete Lexem das Wortbildungssuffix -er, mit dem unter anderem Personenbezeichnungen gebildet werden können.

Die Bildung lässt sich deshalb nicht allein als einfache Komposition zweier selbstständiger Wörter beschreiben. Ebenso reicht die Beschreibung als einfache Derivation eines einzelnen vorhandenen Wortes nicht aus. Mehrere strukturelle Beziehungen greifen ineinander.

Ein weiteres Beispiel ist:

Gesetz + geben + -er → Gesetzgeber

Auch hier wirken mehrere sprachliche Bestandteile bei der Bildung eines neuen Lexems zusammen.

Die Zusammenbildung macht damit sichtbar, dass grundlegende Wortbildungsprinzipien innerhalb komplexer Wortstrukturen miteinander verbunden sein können.

Dabei darf die morphologische Analyse nicht mit einer historischen Entstehungsreihenfolge verwechselt werden. Aus der heutigen Struktur eines Wortes lässt sich nicht ohne Weiteres ableiten, in welcher zeitlichen Reihenfolge seine Bestandteile tatsächlich miteinander verbunden wurden.

Für die morphologische Beschreibung ist deshalb vor allem die strukturelle Beziehung entscheidend:

komplexe sprachliche Basis + Wortbildungsmittel → neues Lexem

Die Zusammenbildung muss somit nicht als völlig eigenständiges Grundprinzip neben Komposition, Derivation und Konversion verstanden werden. Sie zeigt vielmehr, dass mehrere grundlegende Wortbildungsprinzipien innerhalb einer komplexen Bildung zusammenwirken können.

2. Kurzwortbildung

Ein weiteres Verfahren zur Veränderung und Erweiterung des Wortschatzes ist die Kurzwortbildung.

Dabei wird eine längere sprachliche Bezeichnung verkürzt, und die verkürzte Form kann als selbstständige lexikalische Einheit verwendet werden.

Beispiel:

Universität → Uni

Uni ist nicht lediglich eine verkürzte Schreibweise. Die Form wird selbstständig gesprochen und wie ein Wort in Aussagen verwendet:

Die Uni beginnt im Oktober.
Sie fährt zur Uni.

Kurzwörter können auf unterschiedliche Weise entstehen.

Kurzwörter aus einem Teil der Vollform

Bei manchen Kurzwörtern bleibt ein Teil der ursprünglichen Bezeichnung erhalten.

Beispiele:

Universität → Uni
Fotografie → Foto

Die verkürzte Form kann sich im Sprachgebrauch weitgehend verselbstständigen.

Initialkurzwörter

Andere Kurzwörter werden aus den Anfangsbuchstaben mehrerer Bestandteile gebildet.

Beispiele:

Lastkraftwagen → Lkw
Bundeskriminalamt → BKA

Solche Formen können als Folge einzelner Buchstabennamen ausgesprochen werden:

L-k-w
B-k-a

Akronyme

Werden Anfangsbuchstaben oder andere Bestandteile einer längeren Bezeichnung so verbunden, dass die Kurzform als zusammenhängendes Wort ausgesprochen wird, spricht man häufig von einem Akronym.

Beispiel:

NATO

Im Unterschied zu Lkw wird NATO nicht als Folge einzelner Buchstabennamen, sondern als zusammenhängende Wortform ausgesprochen.

Kurzwort und Abkürzung

Von Kurzwörtern müssen reine Schreibabkürzungen unterschieden werden.

Beispiel:

z. B. → zum Beispiel

Die Form z. B. verkürzt in erster Linie die geschriebene Darstellung. Beim Sprechen wird gewöhnlich die vollständige Form zum Beispiel verwendet.

Daraus ergibt sich der grundlegende Unterschied:

Kurzwort → verkürzte Form wird selbstständig als sprachliche Einheit verwendet

Abkürzung → verkürzt in erster Linie die schriftliche Darstellung

Die Grenzen können im tatsächlichen Sprachgebrauch teilweise fließend sein. Entscheidend ist deshalb nicht allein die äußere Kürze einer Form, sondern auch, wie sie verwendet und ausgesprochen wird.

Kommunikative Funktion der Kurzwortbildung

Kurzwortbildung kann dem Bedürfnis nach sprachlicher Ökonomie dienen. Häufig verwendete oder komplexe Bezeichnungen lassen sich dadurch kürzer und schneller ausdrücken.

Dabei entsteht eine Kurzform nicht zwangsläufig allein deshalb, weil eine Bezeichnung lang ist. Entscheidend ist der tatsächliche Sprachgebrauch innerhalb einer Sprachgemeinschaft.

Eine zunächst aus einer längeren Bezeichnung entstandene Kurzform kann sich mit der Zeit als selbstständige lexikalische Einheit etablieren.

Aus der Sicht dieses Grammatikmodells zeigt sich damit erneut das Zusammenspiel von Kommunikationsbedürfnis und sprachlicher Gestaltung:

häufiger oder komplexer Ausdruck → mögliches Bedürfnis nach sprachlicher Ökonomie → Verkürzung → mögliche Etablierung eines Kurzwortes

Wortbildung nach der entstehenden Wortart

Die bisher behandelten Wortbildungsverfahren unterscheiden sich danach, wie neue Lexeme gebildet werden. Wortbildung kann jedoch auch aus einer anderen Perspektive betrachtet werden: nach der Wortart des entstehenden Lexems.

So können beispielsweise Nomen, Adjektive oder Verben durch unterschiedliche Wortbildungsverfahren entstehen.

Beispiele:

gesund → Gesundheit

→ Nomenbildung durch Derivation

gehen → das Gehen

→ substantivische Bildung durch Konversion

Freund → freundlich

→ Adjektivbildung durch Derivation

modern → modernisieren

→ Verbbildung durch Derivation

Damit müssen zwei Betrachtungsebenen unterschieden werden:

Wortbildungsverfahren → Wie wird das neue Lexem gebildet?

entstehende Wortart → Zu welcher Wortart gehört das Ergebnis?

Diese beiden Perspektiven schließen einander nicht aus. Sie beschreiben denselben Wortbildungsprozess unter unterschiedlichen Gesichtspunkten.

1. Nomenbildung

Neue Nomen können durch unterschiedliche Wortbildungsverfahren entstehen. Die Bezeichnung Nomenbildung beschreibt dabei zunächst das Ergebnis: Das neu gebildete Lexem oder die neu verwendete sprachliche Einheit hat substantivischen Charakter.

Welches morphologische Verfahren dabei vorliegt, muss gesondert betrachtet werden.

Nomenbildung durch Derivation

Nomen können durch die Verbindung einer sprachlichen Basis mit einem Wortbildungssuffix entstehen.

Beispiele:

gesund + -heit → Gesundheit

frei + -heit → Freiheit

Freund + -schaft → Freundschaft

Hier entstehen neue Nomen durch Derivation.

Die Wortart des Ergebnisses ist somit das Nomen; das verwendete Wortbildungsverfahren ist die Derivation.

Nomenbildung durch Konversion

Auch Verben können ohne zusätzliches Wortbildungsaffix substantivisch verwendet werden.

Beispiele:

gehen → das Gehen

lesen → das Lesen

spielen → das Spielen

Vergleichen wir:

Die Kinder spielen.

Das Spielen macht den Kindern Spaß.

Im ersten Satz wird spielen als Verb verwendet und bezeichnet einen Vorgang. Im zweiten Satz wird der Vorgang selbst zum Gegenstand der Aussage.

Morphologisch kann dieser Wortartwechsel als Konversion beschrieben werden, da kein zusätzliches Wortbildungsaffix hinzukommt.

Damit lässt sich dieselbe Bildung aus zwei Perspektiven betrachten:

Nomenbildung → beschreibt die entstehende Wortart

Konversion → beschreibt das Wortbildungsverfahren

Substantivierter Gebrauch von Adjektiven

Auch Adjektive können substantivisch verwendet werden.

Beispiele:

der Kranke

die Kranke

ein Bekannter

eine Bekannte

Solche Formen übernehmen syntaktisch Funktionen, die typischerweise von Nomen erfüllt werden. Gleichzeitig behalten sie wesentliche morphologische Eigenschaften des Adjektivs bei.

Vergleichen wir:

der kranke Mann → der Kranke

ein kranker Mann → ein Kranker

mit einem kranken Mann → mit einem Kranken

Die Flexionsformen zeigen, dass die substantivisch verwendeten Formen weiterhin dem adjektivischen Flexionsmuster folgen.

Substantivierung bedeutet daher nicht in jedem Fall, dass eine sprachliche Form sämtliche Eigenschaften ihrer ursprünglichen Wortart verliert und zu einem gewöhnlichen Nomen mit allen dessen morphologischen Eigenschaften wird.

Für die Analyse muss vielmehr berücksichtigt werden, welche substantivischen Funktionen eine Form übernimmt und welche morphologischen Eigenschaften sie beibehält.

Nomenbildung und Substantivierung

Die Begriffe Nomenbildung, Substantivierung und Konversion betrachten verwandte Erscheinungen aus unterschiedlichen Perspektiven.

Nomenbildung richtet den Blick auf die entstehende Wortart.

Substantivierung bezeichnet den Übergang beziehungsweise die substantivische Verwendung einer ursprünglich nichtsubstantivischen sprachlichen Einheit.

Konversion beschreibt einen Wortartwechsel, der ohne zusätzliches Wortbildungsaffix erfolgt.

Die Begriffe müssen deshalb nicht miteinander konkurrieren. Sie können unterschiedliche Aspekte desselben sprachlichen Vorgangs beschreiben.

2. Adjektivbildung

Neue Adjektive können durch unterschiedliche Wortbildungsverfahren entstehen. Besonders häufig werden sie durch Derivation gebildet.

Dabei wird eine vorhandene sprachliche Basis mit einem Wortbildungssuffix verbunden.

Beispiele:

Freund + -lich → freundlich

Kind + -lich → kindlich

Hoffnung + -los → hoffnungslos

lesen + -bar → lesbar

Das Ergebnis dieser Bildungen ist jeweils ein Adjektiv; das verwendete Wortbildungsverfahren ist die Derivation.

Die Adjektivbildung ermöglicht es, bereits vorhandene sprachliche Inhalte in einer Form verfügbar zu machen, mit der insbesondere Eigenschaften, Merkmale, Beziehungen oder Möglichkeiten ausgedrückt werden können.

Die verwendeten Wortbildungssuffixe können dabei unterschiedliche Bedeutungsbeziehungen ausdrücken.

Beispiele:

freundlich
→ durch Freundlichkeit gekennzeichnet

hoffnungslos
→ ohne Hoffnung

lesbar
→ kann gelesen werden

Die gemeinsame Wortart des Ergebnisses bedeutet daher nicht, dass alle gebildeten Adjektive dieselbe semantische Beziehung zu ihrer jeweiligen Basis besitzen.

Auch hier müssen somit zwei Betrachtungsebenen unterschieden werden:

Adjektivbildung → beschreibt die Wortart des entstehenden Lexems

Derivation → beschreibt in diesen Beispielen das verwendete Wortbildungsverfahren

Die Adjektivbildung zeigt damit, wie vorhandenes sprachliches Material so weitergebildet werden kann, dass verwandte begriffliche Inhalte für adjektivische Funktionen sprachlich verfügbar werden.

3. Verbbildung

Neue Verben können durch unterschiedliche Wortbildungsverfahren entstehen. Die Bezeichnung Verbbildung beschreibt dabei zunächst das Ergebnis: Das neu gebildete Lexem ist ein Verb.

Dabei können Verben sowohl aus Einheiten anderer Wortarten als auch aus bereits vorhandenen Verben gebildet werden.

Bildung eines Verbs aus einer anderen Wortart

Eine sprachliche Basis kann so weitergebildet werden, dass ein neues Verb entsteht.

Beispiele:

modern → modernisieren
Film → filmen

Bei modernisieren wird aus der adjektivischen Basis modern ein Verb gebildet.

Bei filmen steht dem Nomen Film ein gleichlautender verbaler Stamm gegenüber. Eine solche Bildung kann als Konversion zum Verb beschrieben werden, da kein zusätzliches Wortbildungsaffix erforderlich ist, das den Wortartwechsel sichtbar markiert.

Die Verbbildung kann somit dazu dienen, einen bereits vorhandenen begrifflichen Inhalt in einer Form verfügbar zu machen, mit der insbesondere Handlungen, Vorgänge oder Zustände ausgedrückt werden können.

Bildung neuer Verben aus vorhandenen Verben

Neue Verblexeme können auch aus bereits vorhandenen Verben gebildet werden.

Beispiele:

kaufen → verkaufen
suchen → besuchen

In diesen Fällen findet kein Wortartwechsel statt. Sowohl die Basis als auch das neu gebildete Lexem gehören zur Wortart Verb.

Die Wortbildung verändert oder differenziert hier vor allem die lexikalische Bedeutung:

kaufen ≠ verkaufen
suchen ≠ besuchen

Damit zeigt sich, dass Verbbildung nicht notwendig bedeutet, dass eine andere Wortart in ein Verb überführt wird. Entscheidend ist vielmehr, dass durch den Wortbildungsprozess ein neues Verblexem entsteht.

Auch hier müssen deshalb zwei Betrachtungsebenen unterschieden werden:

Verbbildung → beschreibt die Wortart des entstehenden Lexems

Wortbildungsverfahren → beschreibt, auf welche Weise dieses Lexem gebildet wird

Welche morphologischen Mittel dabei eingesetzt werden, hängt von der jeweiligen Bildung ab. Präfixe spielen insbesondere bei der Bildung neuer Verblexeme eine wichtige Rolle und werden im folgenden Teil dieses Kapitels noch genauer betrachtet.

Präfix- und Partikelverben

Bei der Bildung neuer Verblexeme können vorhandene Verben mit sprachlichen Elementen verbunden werden, die ihre Bedeutung verändern oder genauer bestimmen.

Dabei muss im Deutschen zwischen untrennbaren Präfixverben und trennbaren Partikelverben unterschieden werden.

Diese Unterscheidung betrifft nicht nur den Aufbau der Wörter, sondern zeigt sich auch in ihrer Betonung, ihrer Formenbildung und ihrer Stellung innerhalb des Satzes.

1. Untrennbare Präfixverben

Bei untrennbaren Präfixverben wird eine verbale Basis mit einem gebundenen Präfix verbunden.

Typische untrennbare Präfixe sind:

be-
ent-
er-
ver-
zer-

Beispiele:

be- + zahlen → bezahlen
ent- + decken → entdecken
er- + kennen → erkennen
ver- + kaufen → verkaufen
zer- + brechen → zerbrechen

Die Präfixe können in dieser Funktion nicht selbstständig als Wörter auftreten. Sie bilden mit der jeweiligen Basis ein neues Verblexem.

Dabei kann sich die lexikalische Bedeutung der Basis unterschiedlich stark verändern.

Vergleichen wir:

kaufen → verkaufen

brechen → zerbrechen

kennen → erkennen

Die Bedeutung des neu gebildeten Verbs steht in einer Beziehung zur Basis, lässt sich jedoch nicht in jedem Fall vollständig aus einer einzelnen, konstanten Bedeutung des Präfixes ableiten.

Das wird besonders deutlich bei Bildungen wie:

stehen → verstehen

Die heutige Bedeutung von verstehen kann nicht einfach aus den heutigen Bedeutungen von ver- und stehen zusammengesetzt werden.

Die morphologische Struktur eines Wortes kann somit erkennbar sein, ohne dass seine gesamte lexikalische Bedeutung unmittelbar aus den Bedeutungen seiner Bestandteile erschlossen werden kann.

2. Trennbare Partikelverben

Von den untrennbaren Präfixverben müssen trennbare Partikelverben unterschieden werden.

Beispiele:

aufstehen
einkaufen
mitkommen

In bestimmten Satzstrukturen wird die Verbpartikel vom verbalen Bestandteil getrennt:

Ich stehe früh auf.

Wir kaufen heute ein.

Er kommt morgen mit.

Die Bestandteile auf, ein und mit verhalten sich damit anders als die gebundenen Präfixe be-, ent-, er-, ver- oder zer-.

Der Unterschied zeigt sich auch beim Partizip II:

verkaufen → verkauft

aufstehen → aufgestanden

einkaufen → eingekauft

Bei trennbaren Partikelverben tritt ge- typischerweise zwischen Verbpartikel und verbalen Bestandteil:

auf + ge + standen → aufgestanden

ein + ge + kauft → eingekauft

Bei untrennbaren Präfixverben tritt dieses ge- dagegen nicht auf:

verkaufen → verkauft

bezahlen → bezahlt

entdecken → entdeckt

Die Trennbarkeit ist somit nicht lediglich eine Frage der Schreibweise. Sie gehört zum grammatischen Verhalten der jeweiligen Verbbildung.

3. Betonung und Trennbarkeit

Präfix- und Partikelverben unterscheiden sich häufig auch durch ihre Betonung.

Bei trennbaren Partikelverben wird die Verbpartikel gewöhnlich betont:

aufstehen
einkaufen
mitkommen

Bei untrennbaren Präfixverben liegt die Hauptbetonung dagegen gewöhnlich nicht auf dem Präfix:

verstehen
bezahlen
entdecken

Betonung und Trennbarkeit stehen damit in einem engen Zusammenhang.

4. Trennbare und untrennbare Bildungen mit gleicher Form

Besonders deutlich wird die Bedeutung von Betonung und grammatischem Verhalten bei Elementen wie:

durch-
über-
um-
unter-

Solche Formen können je nach Verb und Bedeutung Bestandteil einer trennbaren oder einer untrennbaren Bildung sein.

Vergleichen wir:

Der Fährmann setzt die Reisenden über.

Hier ist über eine trennbare Verbpartikel:

übersetzen → er setzt über

Dagegen:

Sie übersetzt den Text ins Deutsche.

Hier ist über- untrennbar:

übersetzen → sie übersetzt

Auch die Betonung unterscheidet die beiden Bildungen:

übersetzen
→ mit einem Boot auf die andere Seite bringen

übersetzen
→ einen Text in einer anderen Sprache wiedergeben

Die äußerlich gleiche Laut- und Buchstabenfolge muss daher nicht dieselbe morphologische Funktion besitzen.

Für die Analyse sind Bedeutung, Betonung und grammatisches Verhalten gemeinsam zu berücksichtigen.

5. Bedeutung von Präfixen und Verbpartikeln

Präfixe und Verbpartikeln können die Bedeutung einer verbalen Basis verändern oder differenzieren.

Dabei besitzen manche Bildungen eine relativ transparente Bedeutungsbeziehung:

aufstehen
mitkommen
zerbrechen

Bei anderen Verben ist die Beziehung zwischen den einzelnen Bestandteilen und der Gesamtbedeutung weniger unmittelbar erkennbar:

verstehen
bekommen

Daraus folgt ein allgemeines Prinzip der morphologischen Analyse:

Die Struktur eines komplexen Wortes und seine lexikalische Bedeutung hängen miteinander zusammen, sind aber nicht dasselbe.

Die Kenntnis der einzelnen Morpheme ermöglicht daher nicht in jedem Fall, die Bedeutung eines komplexen Lexems vollständig vorherzusagen.

Aus der Sicht dieses Grammatikmodells zeigt sich hier erneut, dass sprachliche Formen nicht isoliert betrachtet werden können. Für ihr Verständnis müssen morphologische Struktur, grammatisches Verhalten, Bedeutung und Verwendung im Kontext gemeinsam berücksichtigt werden.

Rückblick

Die Morphologie untersucht die innere Struktur und die Formen der Wörter. Ihre Grundlage bilden die kleinsten bedeutungs- oder funktionstragenden sprachlichen Einheiten, die Morpheme.

Bei der Analyse morphologischer Strukturen können unter anderem Wurzel, Stamm, Basis und Affix unterschieden werden. Diese Begriffe beschreiben unterschiedliche Aspekte des inneren Aufbaus und der Weiterverarbeitung sprachlicher Einheiten.

Zwei grundlegende Bereiche der Morphologie sind Flexion und Wortbildung.

Bei der Flexion entstehen unterschiedliche grammatische Formen eines bereits vorhandenen Lexems:

Kind → Kinder

gehen → gehst → ging

Bei der Wortbildung entstehen dagegen neue Lexeme aus bereits vorhandenem sprachlichem Material:

Haus + Tür → Haustür

Freund + -lich → freundlich

gehen → das Gehen

Komposition, Derivation und Konversion beschreiben dabei grundlegende strukturelle Prinzipien der Wortbildung. Diese Prinzipien sind jedoch nicht als starre und vollständig voneinander getrennte Verfahren zu verstehen. Sie können aufeinander aufbauen oder innerhalb komplexerer Bildungen zusammenwirken.

Wortbildung kann außerdem aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Die Bezeichnungen Komposition, Derivation und Konversion richten den Blick vor allem darauf, wie eine Bildung strukturiert ist. Bezeichnungen wie Nomenbildung, Adjektivbildung und Verbbildung richten den Blick dagegen darauf, welche Wortart als Ergebnis entsteht.

Damit zeigt die Morphologie, dass Wörter keine unveränderlichen sprachlichen Blöcke sind. Sie besitzen innere Strukturen, können grammatisch unterschiedliche Formen annehmen und können selbst wieder zum Ausgangsmaterial für weitere sprachliche Bildungen werden.

Schlussgedanke

Morphologische Strukturen entstehen und funktionieren nicht unabhängig von menschlicher Erkenntnis und Kommunikation. Menschen unterscheiden Gegenstände, Eigenschaften, Handlungen und Zusammenhänge und benötigen sprachliche Mittel, um solche Unterscheidungen auszudrücken, zu differenzieren und weiterzugeben.

Dabei besteht keine starre Einbahnstraße von der Wirklichkeit zur Sprache. Wahrnehmung und Erkenntnis beeinflussen die sprachliche Gestaltung; Sprache kann ihrerseits dazu beitragen, begriffliche Unterscheidungen zu ordnen, zu stabilisieren und weiterzuentwickeln.

Die Morphologie beschreibt somit die strukturellen Möglichkeiten innerhalb des Wortes, durch die Sprache grammatische Beziehungen ausdrücken und den Wortschatz differenzieren kann. Die Wirklichkeit bildet den Ausgangspunkt unserer Wahrnehmung und Erkenntnis; die Sprache gibt uns Mittel, das Erkannte zu ordnen, zu gestalten und miteinander zu teilen.

Autor: Khyal Aryubi

Version: 1.0

Veröffentlicht: 04.09.2026

Lizenz: CC BY-NC 4.0

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