Kapitel 1

Wie eine Niederlage mein Leben veränderte

Als ich heute auf mein Leben zurückblicke, wird mir bewusst, dass viele Gedanken, die ich in diesem Buch beschreibe, nicht in Bibliotheken oder Universitäten entstanden sind. Sie sind aus Erlebnissen, Fehlern, Niederlagen und Erfahrungen meines eigenen Lebens hervorgegangen.

Meine Kindheit unterschied sich zunächst kaum von den anderen Kindern. Vielleicht war ich in manchen Bereichen etwas begabter als einige meiner Altersgenossen, doch ich war ein ganz normaler Junge mit denselben Träumen, derselben Neugier und demselben Spieltrieb.

Noch bevor ich eingeschult wurde, schickten mich meine Eltern gemeinsam mit meinen Brüdern und Cousins in die Moschee. Dort lernte ich bei unserem Mullah die Bagdadi-Qaida und Teile des Korans zu lesen. Damals konnte ich natürlich nicht ahnen, welche Bedeutung diese ersten Schritte für mein späteres Leben haben würden. Als ich eingeschult wurde, konnten viele meiner Mitschüler die Buchstaben noch nicht sicher erkennen, während ich bereits flüssig lesen konnte. Dieser Vorsprung verschaffte mir einen guten Start. Ich wurde in der ersten Klasse Klassenbester.

Nach der zweiten Klasse zog unsere Familie in einen anderen Stadtteil Kabuls. Auch an der neuen Schule wurde ich bei der ersten Dreimonatsprüfung Klassenbester. Damals hatte jeder Klassenbeste eine besondere Bedeutung, nicht nur für sich selbst, sondern oft auch für seine Familie.

Einer meiner Mitschüler, der bis dahin immer der Beste der Klasse gewesen war, begann nach der Bekanntgabe der Ergebnisse zu weinen. Die Lehrerin fragte ihn nach dem Grund. Er antwortete: „Ich bin nicht mehr der Erste. Was soll ich jetzt meinen Eltern sagen?“

Darauf fragte die Lehrerin, wer den ersten Platz erreicht habe. Als ich mich meldete, geschah etwas, das ich als Kind nicht verstehen konnte. Anstatt sich über meinen Erfolg zu freuen, begann sie, mich wegen meines Aussehens herabzusetzen und zu beleidigen. In den folgenden Prüfungen gab sie mir schlechtere Noten. Für mich als Kind stand fest, dass ihr bisheriger Klassenbester dadurch wieder an die Spitze kommen sollte.

Damals verstand ich die Welt nicht mehr.

Noch schwerwiegender war jedoch die Schlussfolgerung, die ich daraus zog. Als Kind dachte ich: Wenn Fleiß und Leistung nicht gerecht beurteilt werden, warum sollte ich mich überhaupt anstrengen?

Diese Überzeugung wurde zum Wendepunkt meiner Schulzeit.

Ich verlor allmählich die Freude am Lernen. Von da an lernte ich nur noch so viel, dass ich die Klasse bestehen konnte. Ehrgeiz und Neugier verschwanden. Ich gab mich mit dem Nötigsten zufrieden.

Als ich später das Gymnasium besuchte, wurde der Unterricht deutlich anspruchsvoller. Gleichzeitig fehlten mir inzwischen wichtige Grundlagen. Statt den Stoff wirklich zu verstehen, begann ich zu schummeln. Die siebte und achte Klasse schaffte ich mit Hilfe von Spickzetteln.

In der neunten Klasse entfernte ich mich noch weiter von der Schule. Ich ging häufig ins Kino, vernachlässigte den Unterricht und durfte schließlich wegen meiner Fehlzeiten nicht einmal mehr an den Abschlussprüfungen teilnehmen. Ich blieb sitzen.

Mit meinem Zeugnis ging ich nach Hause. Ich erzählte meiner Mutter, was geschehen war, und bat sie eindringlich, meinem älteren Bruder nichts davon zu sagen. Ich bewunderte ihn sehr. Er war nicht nur mein Bruder, sondern auch mein Trainer im Boxen und Taekwondo.

Doch als er nach Hause kam, erzählte ihm meine Mutter alles.

Während seiner Abwesenheit hatte ich oft das Training unseres Sportclubs geleitet. Als mein Bruder von meiner schulischen Niederlage erfuhr, kam er direkt in den Club. Vor meinen Freunden und den anderen Sportlern zog er mir die Boxhandschuhe aus.

Er schlug mich nicht. Schlagen war damals selbstverständlich.

Er sah mich nur an und sagte:

„Du bist ein Lump. Geh lieber auf die Straße, streite dich mit den Leuten, geh ins Kino und verschwende deine Zeit. Mit einem solchen Verhalten hast du den sportlichen Geist verloren.“

Diese wenigen Sätze trafen mich tiefer als jede körperliche Strafe.

In diesem Augenblick schämte ich mich so sehr, dass ich mir wünschte, die Erde würde sich auftun und mich verschlingen.

Damals wusste ich noch nicht, dass genau dieser Tag mein Leben verändern würde.

Ich ging in mein Zimmer, schloss die Tür hinter mir und weinte lange. Irgendwann schlief ich erschöpft ein.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, lag ich noch lange wach und dachte über die Worte meines Bruders nach. Zum ersten Mal stellte ich mir nicht die Frage, dass die andere schuld sind. Ich fragte mich vielmehr, was ich selbst aus meinem Leben gemacht hatte.

Schließlich fasste ich einen Entschluss, der mein weiteres Leben bestimmen sollte.

Ich sagte mir:

„Ich werde meinem Bruder beweisen, dass er sich in mir getäuscht hat. Ich werde so leben und arbeiten, dass er eines Tages stolz auf mich sein kann.“

Damals ahnte ich noch nicht, dass dieser Entschluss weit mehr verändern würde als nur meine schulischen Leistungen.

In Afghanistan dauerten die Winterferien damals wegen der strengen Kälte etwa dreieinhalb Monate – ungefähr 105 Tage. Ich beschloss, diese Zeit vollständig dem Lernen zu widmen.

Während der gesamten Winterferien blieb ich fast ausschließlich zu Hause. Ich ging weder spielen noch besuchte ich Freunde oder Verwandte. Jeden Morgen stand ich früh auf. Nach dem Morgengebet begann ich zu lesen. Beim Frühstück lag ein Buch neben meinem Teller. Dasselbe tat ich beim Mittag- und Abendessen. Oft schlief ich sogar mit einem Buch in der Hand ein.

Nach meiner Erinnerung las ich in diesen 105 Tagen weit über zweihundert kleine und große Bücher.

Heute weiß ich, dass nicht die Anzahl der Bücher entscheidend war. Entscheidend war, dass ich die Freude am Lesen wiedergefunden hatte. Zum ersten Mal las ich nicht, weil ich musste, sondern weil ich verstehen wollte.

Ich begann bewusst mit einfachen Büchern. Zunächst las ich Abenteuer- und Kriminalromane. Ihre Sprache war leicht verständlich und machte mir Freude. Danach folgten gesellschaftliche Romane und später anspruchsvollere Werke aus Literatur, Geschichte, Politik und Naturwissenschaften. Ohne es damals zu wissen, hatte ich einen Weg gefunden, mein Sprachverständnis Schritt für Schritt zu erweitern.

Als die Schule nach den Winterferien wieder begann, erhielten wir die neuen Schulbücher und den Stundenplan. Noch bevor der Unterricht richtig begonnen hatte, hatte ich bereits alle Lehrbücher gelesen.

Wenn die Lehrkräfte im Unterricht fragten, wer den Stoff erklären könne, war meine Hand neben den Besten oben.

Von diesem Zeitpunkt an veränderte sich mein schulisches Leben grundlegend. Nicht nur in den naturwissenschaftlichen Fächern, sondern in nahezu allen Unterrichtsfächern erzielte ich sehr gute Leistungen. Die Fächer, die ich früher für besonders schwierig gehalten hatte, bereiteten mir plötzlich keine besonderen Probleme mehr.

Erst viele Jahre später verstand ich, warum sich mein Lernen so grundlegend verändert hatte.

Aus dieser Zeit nahm ich mehrere Erkenntnisse mit, die mein späteres Denken und meine Arbeit als Lehrer nachhaltig geprägt haben.

Erstens: Was ich damals als tiefe Beschämung empfand, verstehe ich heute anders. Mein Bruder hatte mir einen Spiegel vorgehalten. Zum ersten Mal sah ich mich so, wie ich tatsächlich geworden war, und nicht so, wie ich mich selbst sehen wollte.

Zweitens: Es ist niemals zu spät, einen neuen Anfang zu machen. Solange ein Mensch bereit ist, sein eigenes Verhalten zu hinterfragen und konsequent an sich zu arbeiten, kann er seinen Weg verändern.

Drittens: Die Schulbücher waren nie das eigentliche Problem gewesen. Meine Schwierigkeiten lagen vielmehr darin, dass meine Sprachkenntnisse nicht ausreichten, um die Inhalte wirklich zu verstehen.

Rückblickend erkenne ich, dass ich damals weit mehr gewonnen hatte als bessere Schulnoten.

Ich hatte begonnen, mich selbst zu verändern.

Die Niederlage in der Schule, die Worte meines Bruders und die 105 Tage intensiven Lesens hatten mein weiteres Denken entscheidend geprägt. Besonders eine Überzeugung sollte mich von da an begleiten:

Die Sprache ist das Tor zum Wissen.

Noch wusste ich nicht, dass dies nur der erste Teil einer viel größeren Erkenntnis war. Erst Jahre später sollte ich verstehen, dass jede Wissenschaft ihre eigene Sprache, ihre eigene Denkweise und ihre eigene innere Logik besitzt.

Doch bevor ich dies erkannte, veränderte sich zunächst etwas anderes.

Nicht nur mein Lernen hatte sich verändert.

Auch mein Blick auf andere Menschen begann sich zu wandeln.

Rückblick

Die Niederlage hat mich gelehrt, dass ein Mensch sich verändern kann.

Mein Bruder zeigte mir, wie wichtig Ehrlichkeit sich selbst gegenüber ist.

Die Winterferien lehrten mich, dass die Sprache das Tor zum Wissen ist.

Damals wusste ich jedoch noch nicht, dass Sprache allein nicht genügt. Erst später sollte ich erkennen, dass jede Wissenschaft ihre eigene Denkweise besitzt.

Autor: Khyal Aryubi

Version: 1.0

Veröffentlicht: 12.08.2026

Lizenz: CC BY-NC 4.0

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