Kapitel 14
Syntax (Satzlehre)
Einleitung
Menschen nehmen die Wirklichkeit nicht nur in Form einzelner Einheiten und Erscheinungen wahr. Menschen, Gegenstände, Eigenschaften, Handlungen, Vorgänge und Zustände werden auch in räumlichen, zeitlichen, kausalen und anderen Beziehungen zueinander erfasst und können gemeinsam Sachverhalte bilden.
Der Mensch nimmt solche Sachverhalte wahr, erkennt Zusammenhänge zwischen ihren Bestandteilen und möchte sie anderen Menschen mitteilen. Dafür genügt es nicht, einzelne Erscheinungen lediglich zu benennen oder einzelne Wörter bereitzustellen. Die sprachlichen Einheiten müssen miteinander verbunden und so strukturiert werden, dass ihre Beziehungen zueinander erkennbar werden.
Diese Aufgabe übernimmt die Syntax.
Die Syntax untersucht, wie sprachliche Einheiten miteinander verbunden und strukturiert werden, sodass aus ihnen größere sprachliche Einheiten und insbesondere Sätze entstehen.
Während die Morphologie untersucht, wie Wörter aufgebaut und grammatisch geformt werden, richtet die Syntax den Blick darauf, wie Wörter und Wortgruppen miteinander verbunden werden und welche Funktionen sie innerhalb größerer sprachlicher Strukturen übernehmen.
Damit setzt sich der Weg unseres Grammatikmodells fort:
Wirklichkeit → Wahrnehmung und Erkenntnis von Sachverhalten und Beziehungen → Kommunikationsbedürfnis → sprachliche Verbindung und Strukturierung → Syntax
1. Von einzelnen Wörtern zum Satz
Wörter und Wortgruppen ermöglichen es uns, Erscheinungen zu benennen, auf sie Bezug zu nehmen oder sie näher zu bestimmen. Für die Darstellung eines Sachverhalts genügt es jedoch häufig nicht, einzelne sprachliche Einheiten lediglich nebeneinanderzustellen:
der Mann – müde – schlafen – Sofa – Wohnzimmer
Die sprachlichen Mittel sind vorhanden, aber ihr Zusammenhang ist noch nicht grammatisch strukturiert.
Werden sie miteinander verbunden und grammatisch geordnet, kann daraus eine zusammenhängende Aussage entstehen:
Der müde Mann schläft auf dem Sofa im Wohnzimmer.
Die einzelnen Wörter stehen nun nicht mehr lediglich nebeneinander. Sie sind miteinander verbunden und übernehmen innerhalb einer größeren sprachlichen Struktur unterschiedliche Funktionen.
2. Von der Benennung zur Aussage
Eine sprachliche Einheit kann zunächst etwas benennen oder auf etwas Bezug nehmen:
der Mann
Sie kann auch näher bestimmt werden:
der müde Mann
der müde Mann auf dem Sofa
Damit wissen wir immer genauer, von welchem Mann die Rede ist. Eine vollständige Aussage darüber, was mit diesem Mann der Fall ist, liegt jedoch noch nicht vor.
Erst mit:
Der müde Mann schläft auf dem Sofa.
wird über den Mann etwas ausgesagt. Die einzelnen sprachlichen Einheiten werden Bestandteile eines gemeinsam dargestellten Sachverhalts.
Dieser Übergang von bloßer Benennung oder Bezugnahme zu einer Aussage ist für die Satzbildung grundlegend.
3. Die zentrale Rolle des Verbs
Bei der Bildung einer Aussage übernimmt das Verb eine zentrale grammatische Funktion. Dies lässt sich erkennen, wenn wir einen Satz schrittweise auf seine wesentlichen Bestandteile reduzieren:
Der müde Mann schläft auf dem Sofa im Wohnzimmer.
Zunächst können nähere Bestimmungen weggelassen werden:
Der Mann schläft auf dem Sofa.
Der Mann schläft.
Der Satz wird kürzer und enthält weniger Informationen, doch die grundlegende Aussage bleibt bestehen.
Entfernen wir dagegen das Verb, erhalten wir:
der müde Mann auf dem Sofa
Die sprachlichen Einheiten stehen weiterhin miteinander in Beziehung. müde bestimmt den Mann näher, und auf dem Sofa kann ebenfalls zu seiner näheren Bestimmung beitragen. Die Wortgruppe kann also auf eine bestimmte Einheit Bezug nehmen:
Welchen Mann meinst du? – Den müden Mann auf dem Sofa.
Sie bildet jedoch für sich noch keine vollständige Aussage darüber, was mit diesem Mann der Fall ist.
Erst durch:
Der müde Mann schläft auf dem Sofa.
wird über den Mann etwas ausgesagt und damit ein Sachverhalt als Aussage dargestellt.
Die zentrale Rolle des Verbs darf jedoch nicht mit der traditionellen Vorstellung verwechselt werden, ein Verb sei einfach ein „Tuwort“. Verben können zwar Handlungen ausdrücken:
Das Kind öffnet die Tür.
Sie können aber ebenso Vorgänge, Zustände oder Beziehungen darstellen:
Das Kind wächst.
Der Mann schläft.
Anna kennt Peter.
Das Haus gehört meiner Schwester.
Entscheidend ist also nicht, ob eine sichtbare Tätigkeit oder räumliche Bewegung stattfindet. Entscheidend ist die grammatische Rolle des Verbs bei der Bildung und Strukturierung einer Aussage über einen Sachverhalt.
Wie stark das Verb an dieser Strukturierung beteiligt ist, zeigt sich auch daran, dass ein ähnlicher Sachverhalt mit verschiedenen Verben grammatisch unterschiedlich organisiert werden kann:
Das Haus gehört meiner Schwester.
Meine Schwester besitzt das Haus.
Im ersten Satz ist das Haus das Subjekt und meiner Schwester das Dativobjekt. Im zweiten Satz ist meine Schwester das Subjekt und das Haus das Akkusativobjekt.
Der dargestellte Sachverhalt betrifft in beiden Fällen eine Besitzbeziehung. Seine sprachliche Strukturierung ist jedoch verschieden. Das jeweilige Verb trägt wesentlich dazu bei, wie die beteiligten Größen grammatisch in den Satz eingebunden werden.
Damit zeigt sich ein grundlegendes Prinzip:
Die Wirklichkeit und ihre sprachliche Strukturierung sind nicht identisch.
Eine reale Einheit ist nicht von sich aus Subjekt oder Objekt. Subjekt, Prädikat und Objekt sind grammatische Funktionen, die sprachliche Einheiten innerhalb einer Satzstruktur übernehmen.
4. Der einfache Satz
Betrachten wir zunächst einen sehr einfachen Fall:
Der Mann schläft.
Hier wird auf eine Einheit Bezug genommen:
der Mann
und über diese Einheit wird etwas ausgesagt:
schläft
Grammatisch können wir die beiden Bestandteile genauer bestimmen:
Der Mann schläft
(Nominalgruppe) (Verb)
│ │
Subjekt Prädikat
\ /
\ /
einfacher Satz
Dabei müssen verschiedene grammatische Ebenen auseinandergehalten werden:
Mann ist seiner Wortart nach ein Nomen.
der Mann bildet eine Nominalgruppe.
Diese Nominalgruppe übernimmt im Satz die syntaktische Funktion des Subjekts.
schläft ist seiner Wortart nach ein Verb und übernimmt in diesem einfachen Satz allein die Funktion des Prädikats.
Schon dieser einfache Satz zeigt deshalb, worum es in der Syntax geht: Wörter werden nicht nur aneinandergereiht. Sie treten in grammatische Beziehungen zueinander und übernehmen innerhalb einer größeren Struktur bestimmte Funktionen.
Daraus ergibt sich für dieses Kapitel die Leitfrage:
Wie werden sprachliche Einheiten miteinander verbunden und grammatisch organisiert, damit aus ihnen strukturierte Sätze entstehen, mit denen Sachverhalte dargestellt und kommunikative Bedürfnisse erfüllt werden können?
5. Kasus in der Satzstruktur
In der Morphologie haben wir die Kasus vor allem an ihren Formen betrachtet. In der Syntax stellt sich eine andere Frage:
Warum steht eine nominale Einheit innerhalb eines Satzes im Nominativ, Akkusativ, Dativ oder Genitiv?
Die Kasus entstehen nicht alle aufgrund derselben syntaktischen Beziehung. Ihre Verwendung hängt davon ab, welche Funktion eine nominale Einheit im Satz übernimmt und wodurch diese Funktion beziehungsweise ihr Kasus bestimmt wird.
5.1 Subjekt und Nominativ
Betrachten wir zunächst einen einfachen Satz:
Der Mann schläft.
Das Verb schlafen stellt einen Sachverhalt dar, an dem in diesem einfachen Fall nur eine ausdrücklich genannte Einheit beteiligt ist: der Mann.
Grammatisch übernimmt die Nominalgruppe der Mann die Funktion des Subjekts. Das Subjekt steht im Deutschen grundsätzlich im Nominativ.
Der Mann schläft.
→ Wer schläft? – der Mann
→ Subjekt
→ Nominativ
Damit begegnet uns der Nominativ innerhalb der Satzstruktur in seiner zentralen Funktion als Subjektkasus.
5.2 Verb und Objektkasus
Nicht alle Verben bilden ihre grundlegende Satzstruktur auf dieselbe Weise.
Das Verb schlafen kann ohne Objekt einen vollständigen Satz bilden:
Der Mann schläft.
Andere Verben eröffnen aufgrund ihrer Bedeutung und grammatischen Eigenschaften weitere Stellen für beteiligte Größen.
Vergleichen wir:
Der Mann sieht den Hund.
Neben dem Sehenden wird eine weitere beteiligte Einheit genannt: das, was gesehen wird. Das Verb sehen verbindet diese Einheit grammatisch als Akkusativobjekt mit dem Satz:
der Mann → Subjekt → Nominativ
den Hund → Akkusativobjekt → Akkusativ
Das Verb helfen verlangt dagegen für die entsprechende Ergänzung den Dativ:
Der Lehrer hilft dem Schüler.
der Lehrer → Subjekt → Nominativ
dem Schüler → Dativobjekt → Dativ
Manche Verben können mehrere Objekte in ihre Satzstruktur einbinden:
Der Mann gibt dem Kind einen Bleistift.
der Mann → Subjekt → Nominativ
dem Kind → Dativobjekt → Dativ
einen Bleistift → Akkusativobjekt → Akkusativ
Hier zeigt sich eine wichtige Eigenschaft des Verbs: Das Verb trägt wesentlich dazu bei, wie viele und welche Ergänzungen in die Satzstruktur eingebunden werden können und in welchem Kasus bestimmte Objekte stehen.
Diese Fähigkeit eines Verbs, bestimmte Stellen für Ergänzungen zu eröffnen, bezeichnet man als Valenz. Die Bestimmung der grammatischen Form einer Ergänzung durch ein Verb wird als Rektion bezeichnet.
So können unterschiedliche Verben unterschiedliche Strukturen hervorbringen:
jemand schläft
jemand sieht jemanden/etwas
jemand hilft jemandem
jemand gibt jemandem etwas
Die Kasus der Objekte sind daher nicht beliebig. Sie gehören zur grammatischen Struktur, die das jeweilige Verb ermöglicht beziehungsweise verlangt.
5.3 Der Genitiv innerhalb der Nominalgruppe
Der Genitiv kann auf eine andere Weise in die Satzstruktur eintreten. Er muss nicht als Objekt unmittelbar vom Verb abhängen, sondern kann eine nominale Einheit näher bestimmen.
Vergleichen wir:
Das Kind schläft.
und:
Das Kind der Frau schläft.
Das Verb bleibt dasselbe. Auch seine grundlegende Satzstruktur hat sich nicht verändert:
jemand schläft
Das Subjekt wurde jedoch erweitert:
das Kind
→ das Kind der Frau
Die Wortgruppe der Frau bestimmt das Kind näher und übernimmt die Funktion eines Genitivattributs.
Die Struktur lässt sich vereinfacht darstellen:
[Das Kind der Frau] schläft.
→ gesamte Nominalgruppe: Subjekt
→ das Kind: Kern der Nominalgruppe
→ der Frau: Genitivattribut
Ein Genitivattribut kann unterschiedliche nominale Bestandteile eines Satzes näher bestimmen:
Der Vater des Kindes gibt dem Schüler einen Bleistift.
Der Mann gibt dem Kind der Nachbarin einen Bleistift.
Der Mann gibt dem Kind den Bleistift seiner Schwester.
Dadurch verändert sich nicht notwendigerweise die Valenz des Verbs. Vielmehr wird eine bereits am Sachverhalt beteiligte und sprachlich ausgedrückte Einheit genauer bestimmt.
Damit unterscheidet sich das Genitivattribut grundsätzlich von einem Objekt des Verbs.
5.4 Präpositionen und Kasus
Kasus können außerdem durch Präpositionen bestimmt werden.
Beispiele:
Der Mann spricht mit dem Lehrer.
Das Geschenk ist für den Lehrer.
mit verlangt den Dativ:
mit dem Lehrer
für verlangt den Akkusativ:
für den Lehrer
Hier wird der Kasus der Nominalgruppe durch die Rektion der Präposition bestimmt.
Bei Wechselpräpositionen kann die Wahl des Kasus zusätzlich von der dargestellten Beziehung abhängen:
Das Buch liegt auf dem Tisch.
→ auf + Dativ: Lage
Der Mann legt das Buch auf den Tisch.
→ auf + Akkusativ: Richtung beziehungsweise Ziel einer Ortsveränderung
Präpositionalgruppen können dabei unterschiedliche syntaktische Funktionen übernehmen. Sie können beispielsweise vom Verb verlangte Ergänzungen sein:
Der Mann wartet auf den Bus.
oder zusätzliche Angaben machen:
Der Mann schläft auf dem Sofa.
Im ersten Fall gehört auf den Bus eng zur verwendeten Bedeutung von warten auf. Im zweiten Fall ist auf dem Sofa für die grundlegende Satzstruktur von schlafen nicht erforderlich:
Der Mann schläft.
Der Satz bleibt vollständig.
Damit begegnen uns innerhalb der Satzstruktur verschiedene Wege der Kasusbestimmung:
Subjekt → Nominativ
regierendes Verb → Kasus seiner Objektergänzung
Genitivattribut → Genitiv innerhalb einer Nominalgruppe
Präposition → von ihr regierter Kasus
Die Kasus sind somit nicht nur Formen einzelner Wörter. In der Syntax werden sie zu Mitteln, mit denen grammatische Beziehungen zwischen sprachlichen Einheiten sichtbar gemacht werden.
6. Die Stellung der Satzglieder
Wie die Einheiten, Handlungen, Vorgänge, Zustände und Eigenschaften innerhalb eines Sachverhalts zusammenhängen, ist eine Sache. Wie eine Sprache diese Zusammenhänge grammatisch darstellt, ist eine andere.
Sprachen verfügen über unterschiedliche grammatische Mittel und Strukturen, um Sachverhalte sprachlich zu organisieren. Auch die Stellung der Satzglieder kann sich von Sprache zu Sprache unterscheiden.
Im Deutschen ist die Wortstellung vergleichsweise flexibel. Sie ist jedoch keineswegs beliebig. Für die Stellung der Satzglieder bestehen bestimmte Grundstrukturen und Grundtendenzen, die zugleich durch grammatische Funktion, Informationsstruktur und kommunikative Absicht beeinflusst werden können.
6.1 Die Grundstellung im Aussagesatz
In einem einfachen deutschen Aussagesatz steht häufig das Subjekt am Anfang:
Der Mann sieht den Hund.
Daraus könnte zunächst der Eindruck entstehen, die Grundstruktur des deutschen Aussagesatzes sei:
Subjekt – Prädikat – Objekt
Diese Beschreibung reicht jedoch nicht aus. Ein anderes Satzglied kann ebenfalls an die erste Position treten:
Den Hund sieht der Mann.
Heute sieht der Mann den Hund.
Im Garten sieht der Mann den Hund.
Obwohl unterschiedliche Satzglieder an erster Stelle stehen, bleibt eine wichtige Eigenschaft erhalten: In einem Aussagehauptsatz steht das finite Verb grundsätzlich an zweiter Position.
Dabei bedeutet „zweite Position“ nicht unbedingt „zweites Wort“. Auch eine Wortgruppe kann gemeinsam eine Position besetzen:
Der müde Mann aus dem Nachbarhaus sieht den Hund.
Die gesamte Nominalgruppe der müde Mann aus dem Nachbarhaus steht vor dem finiten Verb und besetzt gemeinsam die erste Position.
Die Grundstruktur lässt sich daher zunächst so darstellen:
erste Position – finites Verb – weitere Satzglieder
Welche Einheit an der ersten Position steht, hängt unter anderem davon ab, was bereits bekannt ist, woran der Sprecher anknüpft oder was er besonders hervorheben möchte.
6.2 Die Stellung der Objekte
Enthält ein Satz mehrere Objekte, folgt ihre Stellung bestimmten Grundtendenzen.
Stehen Dativ- und Akkusativobjekt als nominale Wortgruppen, steht in neutraler Wortstellung gewöhnlich das Dativobjekt vor dem Akkusativobjekt:
Der Mann gibt dem Kind den Bleistift.
dem Kind → Dativobjekt
den Bleistift → Akkusativobjekt
Grundtendenz:
Dativobjekt – Akkusativobjekt
Werden dagegen beide Objekte durch Personalpronomen ausgedrückt, steht gewöhnlich das Akkusativpronomen vor dem Dativpronomen:
Der Mann gibt ihn ihm.
ihn → Akkusativobjekt
ihm → Dativobjekt
Grundtendenz:
Akkusativpronomen – Dativpronomen
Steht nur eines der beiden Objekte als Personalpronomen, steht das Pronomen gewöhnlich vor der nominalen Wortgruppe:
Der Mann gibt ihm den Bleistift.
Der Mann gibt ihn dem Kind.
Damit ergeben sich für die neutrale Wortstellung wichtige Grundtendenzen:
zwei nominale Objekte: Dativ → Akkusativ
zwei Personalpronomen: Akkusativ → Dativ
Personalpronomen + nominales Objekt: Pronomen → nominales Objekt
Diese Reihenfolgen sind keine unveränderlichen mechanischen Gesetze. Je nach Kontext, Hervorhebung und Informationsstruktur können Satzglieder auch anders angeordnet werden.
6.3 Die Stellung von Attributen innerhalb eines Satzglieds
Nicht jede Einheit innerhalb eines Satzes bildet ein eigenständiges Satzglied. Attribute können Bestandteile einer größeren Nominalgruppe sein:
Der Vater des Kindes gibt dem Schüler einen Bleistift.
Die gesamte Nominalgruppe der Vater des Kindes übernimmt die Funktion des Subjekts. Das Genitivattribut des Kindes gehört innerhalb dieser Nominalgruppe zu Vater.
Wird das Subjekt an eine andere Position verschoben, bleibt diese innere Verbindung erhalten:
Der Vater des Kindes gibt dem Schüler einen Bleistift.
Dem Schüler gibt der Vater des Kindes einen Bleistift.
Einen Bleistift gibt der Vater des Kindes dem Schüler.
Das Genitivattribut erhält also nicht unabhängig von seiner Bezugsgruppe eine eigene Stellung im Satz, sondern bewegt sich grundsätzlich mit der Nominalgruppe, zu der es gehört.
Die Stellung eines Satzglieds im Satz und die innere Struktur dieses Satzglieds müssen daher voneinander unterschieden werden.
Auf die innere Struktur von Satzgliedern und die verschiedenen Arten von Attributen kommen wir später ausführlicher zurück.
7. Adverbiale Bestimmungen
Ein Sachverhalt kann sprachlich unterschiedlich genau dargestellt werden. Neben den beteiligten Einheiten kann der Sprecher beispielsweise angeben, wann, wo, warum, zu welchem Zweck oder auf welche Weise etwas geschieht, besteht oder sich entwickelt.
Solche näheren Bestimmungen des dargestellten Sachverhalts können durch adverbiale Bestimmungen ausgedrückt werden.
Betrachten wir einen einfachen Satz:
Wir fahren.
Der Satz kann bereits eine vollständige Aussage bilden. Der dargestellte Sachverhalt lässt sich jedoch schrittweise näher bestimmen:
Wir fahren heute.
→ Wann fahren wir?
→ temporale Bestimmung
Wir fahren wegen des schönen Wetters.
→ Warum fahren wir?
→ kausale Bestimmung
Wir fahren mit dem Auto.
→ Wie beziehungsweise womit fahren wir?
→ modale Bestimmung
Wir fahren in den Park.
→ Wohin fahren wir?
→ lokale Bestimmung
Wir fahren zum Grillen in den Park.
→ Zu welchem Zweck fahren wir in den Park?
→ finale Bestimmung
Die adverbialen Bestimmungen erweitern damit die Darstellung eines Sachverhalts um unterschiedliche Umstände.
| Frage | Art der adverbialen Bestimmung | Beispiel |
| Wann? | temporal | Wir treffen uns morgen. |
| Warum? | kausal | Er weint aus Trauer. |
| Wie? / Womit? | modal | Sie fährt mit dem Fahrrad. |
| Wo? / Wohin? / Woher? | lokal | Er sitzt im Garten. |
| Wozu? / Zu welchem Zweck? | final | Wir fahren zum Grillen in den Park. |
7.1 Die Stellung adverbialer Bestimmungen
Treffen mehrere adverbiale Bestimmungen in einem Satz zusammen, besteht im Deutschen eine typische neutrale Grundtendenz:
Temporal → Kausal → Modal → Lokal
Diese Reihenfolge wird häufig mit dem Merkwort TeKaMoLo bezeichnet.
Beispiel:
Ich fahre heute wegen des Termins mit dem Fahrrad in die Stadt.
heute → temporal
wegen des Termins → kausal
mit dem Fahrrad → modal
in die Stadt → lokal
TeKaMoLo beschreibt jedoch keine unveränderliche Wortstellungsregel. Die Reihenfolge kann sich verändern, wenn der Sprecher eine bestimmte Information hervorheben, an bereits Bekanntes anknüpfen oder den Satz kommunikativ anders gliedern möchte.
So kann beispielsweise eine adverbiale Bestimmung an die erste Position treten:
Heute fahre ich mit dem Fahrrad in die Stadt.
Wegen des Termins fahre ich heute mit dem Fahrrad in die Stadt.
Mit dem Fahrrad fahre ich heute in die Stadt.
In die Stadt fahre ich heute mit dem Fahrrad.
Auch hier bleibt die bereits beobachtete Grundregel des Aussagehauptsatzes erhalten: Das finite Verb steht an zweiter Position.
Damit zeigt sich erneut, dass die deutsche Satzstellung einerseits grammatischen Strukturen und Grundtendenzen folgt, andererseits aber genügend Beweglichkeit besitzt, um unterschiedliche kommunikative Schwerpunkte auszudrücken.
8. Attribute und die innere Struktur der Satzglieder
Ein Satzglied kann aus einem einzelnen Wort bestehen, aber auch eine komplexe innere Struktur besitzen. Dabei können einzelne Bestandteile eine nominale Einheit näher bestimmen und dadurch die Bezugnahme genauer machen.
Betrachten wir zunächst:
Frau Müller ist sehr nett und kompetent.
Die Nominalgruppe Frau Müller übernimmt hier die Funktion des Subjekts. In einer konkreten Kommunikationssituation kann jedoch eine genauere Bestimmung notwendig oder hilfreich sein, beispielsweise wenn nicht alle Hörer wissen, welche Frau Müller gemeint ist:
Die nette Frau Müller ist sehr kompetent.
Frau Müller, unsere Dozentin, ist sehr nett und kompetent.
Frau Müller, die Mutter des Kindes, ist sehr nett.
Solche Erweiterungen zeigen, dass ein Satzglied selbst aus mehreren miteinander verbundenen Bestandteilen bestehen kann.
8.1 Attribute
Ein Attribut bestimmt eine nominale Bezugsgröße näher. Es ist keine eigene Wortart, sondern eine syntaktische Funktion innerhalb einer nominalen Struktur.
Diese Funktion kann durch unterschiedliche sprachliche Mittel übernommen werden.
Adjektivattribut
Das schnelle Auto hat sein Ziel erreicht.
Das Adjektiv schnelle bestimmt Auto näher.
Genitivattribut
Der Hund unseres Nachbarn bellt.
Die Genitivgruppe unseres Nachbarn bestimmt Hund näher.
Präpositionalattribut
Der Spielfilm mit dem bekannten Schauspieler war spannend.
Die Präpositionalgruppe mit dem bekannten Schauspieler bestimmt Spielfilm näher.
Attributiv verwendetes Adverb
Die Leute dort warten bereits.
Das Adverb dort bestimmt hier Leute näher.
Das gleiche Adverb kann jedoch auch eine andere syntaktische Funktion übernehmen:
Die Leute warten dort.
Hier bestimmt dort nicht die nominale Einheit die Leute näher, sondern bezeichnet den Ort des Wartens und wird adverbial verwendet.
Relativsatz als Attribut
Auch ein ganzer Nebensatz kann eine nominale Einheit näher bestimmen:
Der Mann, der dort lacht, ist ein berühmter Komiker.
Der Relativsatz der dort lacht bestimmt der Mann näher und übernimmt damit eine attributive Funktion.
Damit zeigt sich:
Nicht die Form einer sprachlichen Einheit allein entscheidet darüber, ob sie attributiv verwendet wird. Entscheidend ist ihre syntaktische Beziehung zu einer nominalen Bezugsgröße.
8.2 Attributive und prädikative Verwendung
Besonders deutlich wird die Bedeutung der syntaktischen Funktion bei Adjektiven.
Vergleichen wir:
Die nette Frau Müller ist sehr kompetent.
und:
Frau Müller ist sehr nett und kompetent.
Im ersten Satz steht nette innerhalb der Nominalgruppe die nette Frau Müller und bestimmt Frau Müller näher:
die nette Frau Müller
→ nette = attributiv verwendetes Adjektiv
Im zweiten Satz ist nett Bestandteil dessen, was über Frau Müller ausgesagt wird:
Frau Müller ist nett.
→ nett = prädikativ verwendetes Adjektiv
Auch in der Form wird der Unterschied sichtbar:
nette → attributiv und flektiert
nett → prädikativ und unflektiert
Das Lexem gehört in beiden Fällen zur Wortart Adjektiv, übernimmt innerhalb der syntaktischen Struktur jedoch unterschiedliche Aufgaben.
8.3 Die Apposition
Eine nominale Einheit kann auch durch eine weitere nominale Einheit näher bestimmt werden, die sich auf denselben Referenten bezieht:
Frau Müller, unsere Dozentin, ist sehr nett und kompetent.
Frau Müller und unsere Dozentin bezeichnen hier dieselbe Person. Die Nominalgruppe unsere Dozentin ist eine Apposition zu Frau Müller.
Die gesamte Einheit übernimmt weiterhin gemeinsam die Funktion des Subjekts:
[Frau Müller, unsere Dozentin,] ist sehr nett und kompetent.
Die Apposition kann ihrerseits eine innere Struktur besitzen:
Frau Müller, die Mutter des Kindes, ist sehr nett.
Hier gilt:
[Frau Müller, [die Mutter [des Kindes]],]
Frau Müller → Bezugsgröße
die Mutter des Kindes → Apposition
des Kindes → Genitivattribut innerhalb der Apposition
Bei einer solchen lockeren Apposition zeigt sich die syntaktische Verbindung zur Bezugsgröße häufig auch in der Kasusübereinstimmung. Das wird sichtbar, wenn die gesamte Einheit beispielsweise im Dativ steht:
Ich spreche mit Frau Müller, unserer Dozentin.
Frau Müller → Dativ
unserer Dozentin → Apposition im Dativ
8.4 Die Stellung der Attribute
Attribute stehen in einer engen syntaktischen Beziehung zu der nominalen Einheit, die sie näher bestimmen. Dadurch kann der Hörer oder Leser erkennen, auf welche Einheit sich die zusätzliche Information bezieht.
Je nach Art des Attributs unterscheidet sich seine Stellung.
Das Adjektivattribut steht gewöhnlich vor dem Nomen:
Das schnelle Auto hat sein Ziel erreicht.
Viele andere Attribute stehen gewöhnlich nach dem Nomen:
Der Hund unseres Nachbarn bellt.
Der Spielfilm mit dem bekannten Schauspieler war spannend.
Die Leute dort warten bereits.
Der Mann, der dort lacht, ist ein berühmter Komiker.
Entscheidend ist dabei nicht allein die räumliche Nähe zum Nomen, sondern die syntaktische Zugehörigkeit zur nominalen Bezugsgröße. Ein Attribut kann selbst umfangreich sein:
Der Mann, der gestern nach langer Reise aus Italien zurückgekehrt ist, wartet vor dem Haus.
Der gesamte Relativsatz bestimmt weiterhin der Mann näher.
8.5 Satzglied und innere Struktur
Die bisherigen Beispiele zeigen einen grundlegenden Unterschied zwischen der Funktion eines Satzglieds im Satz und seiner inneren Struktur.
Betrachten wir:
Die nette Frau Müller, die Mutter des Kindes, ist sehr kompetent.
Das gesamte Subjekt lautet:
[Die nette Frau Müller, die Mutter des Kindes,]
Innerhalb dieses Satzglieds finden wir mehrere Ebenen:
nette → Adjektivattribut
die Mutter des Kindes → Apposition
des Kindes → Genitivattribut innerhalb der Apposition
Die gesamte komplexe Einheit übernimmt dennoch gemeinsam eine syntaktische Funktion im Satz: die Funktion des Subjekts.
Damit lässt sich ein wichtiges Prinzip der Syntax formulieren:
Satzglieder können selbst aus komplexen sprachlichen Strukturen bestehen. Ihre Bestandteile können eigene syntaktische Beziehungen und Funktionen besitzen, ohne dass dadurch die Funktion des gesamten Satzglieds aufgehoben wird.
9. Satzarten und kommunikative Funktion
Ein Sachverhalt kann sprachlich auf unterschiedliche Weise dargestellt werden. Entscheidend ist dabei nicht nur, was der Sprecher ausdrücken möchte, sondern auch, mit welcher kommunikativen Absicht er sich auf den dargestellten Sachverhalt und auf seinen Gesprächspartner bezieht.
Ein Sprecher kann einen Sachverhalt als Aussage darstellen, nach seiner Gültigkeit oder nach einzelnen Informationen fragen, einen Hörer zu einer Handlung auffordern oder einen Sachverhalt als erwünscht darstellen.
Diesen unterschiedlichen kommunikativen Funktionen entsprechen verschiedene Satzarten.
9.1 Der Aussagesatz
Mit einem Aussagesatz stellt der Sprecher einen Sachverhalt als Aussage dar.
Die Schüler spielen in der Turnhalle.
In fünfzehn Tagen geht der Sommer zu Ende.
Dabei muss es sich nicht um einen unmittelbar beobachteten Sachverhalt handeln. Auch Vermutungen, Annahmen, zukünftige Ereignisse oder verneinte Sachverhalte können in Form eines Aussagesatzes dargestellt werden:
Vielleicht spielen die Schüler in der Turnhalle.
Die Schüler spielen heute nicht in der Turnhalle.
Im nächsten Jahr werden die Schüler wieder hier spielen.
Im Aussagehauptsatz steht das finite Verb gewöhnlich an zweiter Position:
Die Schüler spielen in der Turnhalle.
Heute spielen die Schüler in der Turnhalle.
Dabei muss das Subjekt nicht an erster Position stehen. Unterschiedliche Satzglieder können diese Position einnehmen, während das finite Verb an zweiter Position bleibt.
9.2 Der Fragesatz
Mit einem Fragesatz stellt der Sprecher einen Sachverhalt oder einen Teil davon als fraglich dar. Gewöhnlich richtet er die Frage an einen Hörer, um eine Information zu erhalten.
Dabei lassen sich zwei grundlegende Formen unterscheiden: Entscheidungsfragen und Ergänzungsfragen.
9.2.1 Entscheidungsfragen
Mit einer Entscheidungsfrage wird danach gefragt, ob ein dargestellter Sachverhalt gilt oder nicht gilt. Die Antwort kann daher grundsätzlich bestätigend oder verneinend ausfallen.
Kommst du morgen?
Hat sie den Brief gelesen?
Bei Entscheidungsfragen steht das finite Verb gewöhnlich an erster Position:
Kommst du morgen?
Hat sie den Brief gelesen?
Damit zeigt sich ein deutlicher Unterschied zum Aussagehauptsatz:
Du kommst morgen.
→ Aussagesatz: finites Verb an zweiter Position
Kommst du morgen?
→ Entscheidungsfrage: finites Verb an erster Position
9.2.2 Ergänzungsfragen
Bei einer Ergänzungsfrage wird nicht allgemein nach der Gültigkeit des gesamten Sachverhalts gefragt, sondern nach einer bestimmten fehlenden oder als fraglich dargestellten Information.
Wer hat angerufen?
→ Mein Bruder hat angerufen.
→ oder einfach: Mein Bruder.
Wann beginnt der Unterricht?
→ Der Unterricht beginnt in zwei Stunden.
→ oder einfach: In zwei Stunden.
Die Antwort muss also nicht als vollständiger Satz formuliert werden. Informationen, die aus der Frage und der Kommunikationssituation bereits bekannt sind, können unausgesprochen bleiben.
Ergänzungsfragen beginnen gewöhnlich mit einem Fragewort oder einer Fragewortgruppe. Das finite Verb folgt an zweiter Position:
Wann beginnt der Unterricht?
Warum kommt der Mann heute nicht?
Das Fragewort kann dabei zugleich eine syntaktische Funktion im Satz übernehmen:
Wer hat angerufen?
→ wer = Subjekt
Wen hast du gesehen?
→ wen = Akkusativobjekt
Wem hast du geholfen?
→ wem = Dativobjekt
Direkte Fragesätze werden in der geschriebenen Sprache gewöhnlich mit einem Fragezeichen (?) abgeschlossen.
9.3 Der Aufforderungssatz
Mit einem Aufforderungssatz versucht der Sprecher, einen Hörer zu einer Handlung oder zu einem bestimmten Verhalten zu veranlassen.
Je nach Kommunikationssituation kann die Aufforderung beispielsweise als Bitte, Anweisung oder Befehl formuliert werden:
Geh nach Hause!
Komm bitte herein!
Lies den Text sorgfältig!
Seid pünktlich!
Aufforderungssätze enthalten typischerweise eine Imperativform des Verbs, die gewöhnlich am Anfang steht.
Die angesprochene Person muss dabei nicht ausdrücklich genannt werden:
Komm!
Geht!
Wer angesprochen wird, ist gewöhnlich aus der Verbform und der Kommunikationssituation erkennbar.
Aufforderungssätze werden häufig mit einem Ausrufezeichen (!) abgeschlossen. Je nach Formulierung und Ton kann jedoch auch ein Punkt stehen:
Bitte kommen Sie herein.
9.4 Der Wunschsatz
Ein Sachverhalt muss nicht als Wirklichkeit dargestellt werden. Der Sprecher kann auch wünschen oder hoffen, dass er eintritt, besteht oder eingetreten ist.
Solche Inhalte können durch einen Wunschsatz ausgedrückt werden:
Wäre doch schon Wochenende!
Mögest du immer gesund bleiben!
Wenn es doch endlich regnen würde!
Auch ein vergangener, nicht mehr veränderbarer Sachverhalt kann Gegenstand eines Wunsches sein:
Wenn es gestern doch geregnet hätte!
Wunschsätze stehen häufig im Konjunktiv, weil der betreffende Sachverhalt nicht einfach als tatsächlich bestehend oder eintretend behauptet, sondern als erwünscht dargestellt wird.
Wunschsätze werden besonders bei emotionaler Hervorhebung häufig mit einem Ausrufezeichen (!) abgeschlossen.
9.5 Satzart und Satzstruktur
Die verschiedenen Satzarten zeigen, dass die grammatische Struktur eines Satzes mit seiner kommunikativen Funktion zusammenhängen kann.
Vergleichen wir:
Du kommst morgen.
→ Aussage
Kommst du morgen?
→ Frage
Komm morgen!
→ Aufforderung
Wenn du doch morgen kommen könntest!
→ Wunsch
Ähnliche Inhalte können somit je nach Kommunikationsbedürfnis unterschiedlich sprachlich strukturiert werden.
Dabei ist die Einteilung in Aussage-, Frage-, Aufforderungs- und Wunschsätze von einer anderen syntaktischen Unterscheidung zu trennen: Hauptsatz und Nebensatz bezeichnen nicht dieselben kommunikativen Funktionen, sondern unterschiedliche strukturelle Verhältnisse innerhalb von Sätzen und Satzverbindungen.
Diese Unterscheidung wird im weiteren Verlauf gesondert betrachtet.
10. Hauptsatz und Nebensatz
Ein sprachlich dargestellter Sachverhalt kann für sich stehen. Häufig stehen jedoch mehrere Sachverhalte miteinander in Beziehung. Der Sprecher kann solche Beziehungen sprachlich ausdrücken, indem er Sätze miteinander verbindet.
Dabei können Satzstrukturen gleichrangig miteinander verbunden oder einander grammatisch untergeordnet werden.
Vergleichen wir:
Der Hund schläft, und die Katze spielt.
und:
Der Hund schläft, während die Katze spielt.
Im ersten Beispiel werden zwei grammatisch selbstständige Hauptsätze miteinander verbunden. Im zweiten Beispiel wird während die Katze spielt dem Hauptsatz Der Hund schläft grammatisch untergeordnet.
Damit gelangen wir zur Unterscheidung zwischen Hauptsatz und Nebensatz.
10.1 Der Hauptsatz
Ein Hauptsatz ist grammatisch selbstständig und kann grundsätzlich allein stehen:
Der Mann arbeitet.
Der Hund schläft.
Die Schauspielerin lacht.
Mehrere Hauptsätze können gleichrangig miteinander verbunden werden:
Der Hund schläft, und die Katze spielt.
Die Schauspielerin lacht, und der Regisseur ist verärgert.
Obwohl zwischen den dargestellten Sachverhalten eine inhaltliche Beziehung bestehen kann, bleiben die miteinander verbundenen Hauptsätze grammatisch selbstständig.
Das zeigt sich daran, dass jeder von ihnen auch allein stehen kann:
Der Hund schläft.
Die Katze spielt.
Im Aussagehauptsatz steht das finite Verb gewöhnlich an zweiter Position:
Der Hund schläft.
Die Katze spielt.
Auch bei einer gleichrangigen Verbindung behält jeder Hauptsatz seine eigene syntaktische Struktur:
Der Hund schläft, und die Katze spielt.
Dabei muss nicht jeder wiederholte Bestandteil ausdrücklich genannt werden. Bezieht sich beispielsweise dasselbe Subjekt auf mehrere koordinierte Prädikate, kann eine kompaktere Struktur entstehen:
Der Mann arbeitet und geht nach Hause.
Hier werden nicht zwei vollständig ausgedrückte Hauptsätze aneinandergereiht. Vielmehr beziehen sich die beiden koordinierten Verbgruppen arbeitet und geht nach Hause auf dasselbe Subjekt der Mann.
10.2 Der Nebensatz
Ein Nebensatz ist grammatisch in eine größere Satzstruktur eingebunden und einem anderen Satz oder Satzbestandteil untergeordnet.
Betrachten wir zunächst zwei selbstständige Aussagen:
Ich bleibe zu Hause.
Es regnet.
Der Sprecher kann zwischen beiden Sachverhalten eine kausale Beziehung herstellen:
Ich bleibe zu Hause, weil es regnet.
Der Hauptsatz
Ich bleibe zu Hause
stellt den Sachverhalt dar, zu dem der Nebensatz
weil es regnet
den Grund angibt.
Die grammatische Unterordnung wird hier auch an der Verbposition sichtbar:
Hauptsatz:
Ich bleibe zu Hause.
→ finites Verb an zweiter Position
Nebensatz:
…, weil es regnet.
→ finites Verb am Ende
Der Nebensatz wird in diesem Beispiel durch die unterordnende Konjunktion weil eingeleitet.
Damit entsteht eine charakteristische Struktur:
Aussagehauptsatz: Verbzweitstellung
eingeleiteter Nebensatz: Verbendstellung
Der Nebensatz muss dabei nicht hinter dem Hauptsatz stehen. Er kann auch vorangestellt werden:
Weil es regnet, bleibe ich zu Hause.
Auch hier bleibt weil es regnet ein Nebensatz. Zugleich zeigt sich eine weitere wichtige Eigenschaft der deutschen Satzstruktur: Steht der Nebensatz vor dem Hauptsatz, besetzt er als ganze Einheit das Vorfeld des Hauptsatzes. Deshalb folgt unmittelbar danach das finite Verb:
[Weil es regnet] | bleibe | ich zu Hause.
10.3 Funktionen von Nebensätzen
Nebensätze können innerhalb größerer Satzstrukturen unterschiedliche Funktionen übernehmen.
Sie können beispielsweise einen Grund angeben:
Ich bleibe zu Hause, weil es regnet.
→ weil es regnet = kausaler Nebensatz
Sie können selbst die Funktion eines Satzglieds übernehmen:
Dass er kommt, freut mich.
→ dass er kommt übernimmt die Funktion des Subjekts.
Ich weiß, dass er kommt.
→ dass er kommt übernimmt die Funktion eines Objekts.
Nebensätze können außerdem eine nominale Einheit näher bestimmen:
Der Mann, der dort steht, ist mein Vater.
→ der dort steht bestimmt der Mann näher und übernimmt eine attributive Funktion.
Auch zeitliche, bedingende, finale und weitere Beziehungen können durch Nebensätze ausgedrückt werden:
Ich rufe dich an, wenn ich zu Hause bin.
Wenn es regnet, bleiben wir zu Hause.
Er spricht langsam, damit alle ihn verstehen.
Damit zeigt sich ein grundlegendes Prinzip:
Ein Nebensatz ist eine in eine größere syntaktische Struktur eingebettete satzförmige Einheit. Je nach seiner Beziehung zur übergeordneten Struktur kann er unterschiedliche syntaktische und semantische Funktionen übernehmen. Dabei können Nebensätze nach unterschiedlichen Gesichtspunkten beschrieben werden. Bezeichnungen wie Subjektsatz, Objektsatz oder Attributsatz beziehen sich vor allem auf ihre syntaktische Funktion beziehungsweise Beziehung innerhalb der übergeordneten Struktur, während Bezeichnungen wie Temporalsatz, Kausalsatz oder Finalsatz die semantische Beziehung zwischen Sachverhalten näher kennzeichnen.
Welche Arten von Nebensätzen sich daraus ergeben und wie sie gebildet werden, lässt sich anschließend genauer untersuchen.
10.4 Der Subjektsatz
Die Funktion des Subjekts muss nicht von einem einzelnen Nomen oder einer Nominalgruppe übernommen werden. Auch ein ganzer Nebensatz kann innerhalb einer größeren Satzstruktur die Funktion des Subjekts übernehmen.
Vergleichen wir:
Das Ereignis freut mich.
→ das Ereignis = Subjekt
Dass sie gekommen ist, freut mich.
→ dass sie gekommen ist = Subjektsatz
In beiden Sätzen wird dieselbe syntaktische Stelle unterschiedlich besetzt. Im ersten Satz übernimmt eine Nominalgruppe die Funktion des Subjekts, im zweiten ein vollständiger Nebensatz.
Dasselbe zeigt sich in:
Der Mann erhält den Preis.
→ der Mann = Subjekt
Wer zuerst ankommt, erhält den Preis.
→ wer zuerst ankommt = Subjektsatz
Ein Subjektsatz ist somit ein Nebensatz, der innerhalb der übergeordneten Satzstruktur die Funktion eines Subjekts übernimmt.
Die Frageprobe
Ein Subjektsatz kann häufig mit derselben Frage ermittelt werden wie ein nominales Subjekt:
Was freut mich?
→ Das Ereignis.
Was freut mich?
→ Dass sie gekommen ist.
Die Frageprobe kann damit helfen, die syntaktische Funktion des Nebensatzes zu erkennen.
Einleitung des Subjektsatzes
Subjektsätze können auf unterschiedliche Weise eingeleitet werden.
Mit dass:
Dass du gekommen bist, freut mich.
Mit ob:
Ob er kommt, ist noch unklar.
Mit einem Fragewort:
Wer zuerst ankommt, erhält den Preis.
Wann der Zug kommt, ist noch unbekannt.
Unabhängig von der Art der Einleitung übernimmt der gesamte Nebensatz die Funktion des Subjekts innerhalb der übergeordneten Satzstruktur.
Stellung des Subjektsatzes
Ein Subjektsatz kann vor dem übergeordneten Hauptsatz stehen:
Dass du gekommen bist, freut mich.
Er kann auch nachgestellt werden:
Es freut mich, dass du gekommen bist.
Bei der Nachstellung kann im Hauptsatz ein es als Korrelat auftreten, das auf den nachfolgenden Subjektsatz vorausweist:
Es freut mich, dass du gekommen bist.
Das Korrelat es und der nachgestellte Subjektsatz stehen dabei in enger syntaktischer Beziehung. Der Nebensatz dass du gekommen bist enthält den Inhalt, auf den das vorausweisende es verweist, und übernimmt innerhalb der Gesamtkonstruktion die Subjektfunktion.
Satzförmige Einheiten als Satzglieder
Der Subjektsatz macht ein grundlegendes Prinzip der Syntax besonders deutlich:
Eine syntaktische Funktion ist nicht an eine bestimmte Größe oder Form der sprachlichen Einheit gebunden.
Vergleichen wir:
Das Ereignis freut mich.
→ Nominalgruppe als Subjekt
Dass sie gekommen ist, freut mich.
→ Nebensatz als Subjekt
Ein Satzglied muss somit nicht aus einem einzelnen Wort oder einer Wortgruppe bestehen. Auch eine satzförmige Einheit kann eine Satzgliedfunktion übernehmen.
Dadurch kann die Sprache auch umfangreiche und komplexe Inhalte als Subjekt in eine größere Satzstruktur einbetten.
10.5 Der Objektsatz
Ein Verb kann innerhalb seiner Satzstruktur eine Stelle für ein Objekt eröffnen. Diese Funktion muss nicht von einem Nomen, Pronomen oder einer Nominalgruppe übernommen werden. Auch ein ganzer Nebensatz kann die Funktion eines Objekts erfüllen.
Vergleichen wir:
Ich weiß die Antwort.
→ die Antwort = Objekt
Ich weiß, dass du recht hast.
→ dass du recht hast = Objektsatz
Oder:
Sie fragte ihn.
→ ihn = Objekt
Sie fragte, wer die Tür geöffnet hatte.
→ wer die Tür geöffnet hatte = Objektsatz
Ein Objektsatz ist somit ein Nebensatz, der innerhalb der übergeordneten Satzstruktur die Funktion eines Objekts übernimmt und eine vom Verb eröffnete syntaktische Stelle besetzt.
Einleitung des Objektsatzes
Objektsätze können auf unterschiedliche Weise eingeleitet werden.
Mit dass:
Ich weiß, dass du recht hast.
Mit ob:
Niemand weiß, ob der Zug pünktlich ankommt.
Mit einem Fragewort:
Sie fragte, wer die Tür geöffnet hatte.
Ich weiß nicht, wann der Unterricht beginnt.
Unabhängig von der Art der Einleitung übernimmt der gesamte Nebensatz die Objektfunktion innerhalb der übergeordneten Satzstruktur.
Die Stellung des Objektsatzes
Objektsätze stehen häufig nach dem übergeordneten Hauptsatz:
Ich glaube, dass er morgen kommt.
Wir hoffen, dass alles gut ausgeht.
In bestimmten Fällen kann der Objektsatz auch vorangestellt werden:
Dass er morgen kommt, glaube ich nicht.
Ob der Zug pünktlich ankommt, weiß niemand.
Die Stellung verändert dabei den kommunikativen Schwerpunkt, nicht jedoch die syntaktische Funktion des Nebensatzes.
Subjektsatz und Objektsatz im Vergleich
Subjekt- und Objektsätze zeigen dasselbe grundlegende syntaktische Prinzip:
Das Ereignis freut mich.
→ Nominalgruppe als Subjekt
Dass sie gekommen ist, freut mich.
→ Nebensatz als Subjekt
Ich weiß die Antwort.
→ Nominalgruppe als Objekt
Ich weiß, dass du recht hast.
→ Nebensatz als Objekt
Eine Satzgliedfunktion ist somit nicht an eine bestimmte Wortart oder an eine bestimmte Größe der sprachlichen Einheit gebunden. Auch ein ganzer Nebensatz kann die Funktion eines Satzglieds übernehmen.
10.6 Der Attributsatz
Nominale Einheiten können innerhalb eines Satzes näher bestimmt werden. Diese nähere Bestimmung kann durch unterschiedliche sprachliche Mittel erfolgen.
Vergleichen wir:
Der fleißige Schüler erhält ein Lob.
→ fleißige = Adjektivattribut
Der Schüler, der besonders fleißig arbeitet, erhält ein Lob.
→ der besonders fleißig arbeitet = Attributsatz
Oder:
Der Vater meines Freundes kauft dem Kind einen Bleistift.
→ meines Freundes = Genitivattribut
Der Vater, dessen Sohn mein Freund ist, kauft dem Kind einen Bleistift.
→ dessen Sohn mein Freund ist = Attributsatz
In beiden Fällen wird eine nominale Einheit näher bestimmt. Im ersten Fall übernimmt ein Wort oder eine Wortgruppe die attributive Funktion, im zweiten Fall ein ganzer Nebensatz.
Ein Attributsatz ist somit ein Nebensatz, der eine nominale Bezugsgröße innerhalb einer größeren syntaktischen Struktur näher bestimmt.
Attributsätze innerhalb verschiedener Satzglieder
Ein Attributsatz ist nicht darauf beschränkt, ein Subjekt näher zu bestimmen. Er kann sich auf nominale Einheiten mit unterschiedlichen syntaktischen Funktionen beziehen.
Im Subjekt:
Der Schüler, der besonders fleißig arbeitet, erhält ein Lob.
Im Dativobjekt:
Der Vater hilft dem Kind, das dort wartet.
Im Akkusativobjekt:
Der Vater kauft den Bleistift, der fürs Zeichnen geeignet ist.
Der Attributsatz verändert dabei nicht die syntaktische Funktion des gesamten Satzglieds. Er bildet vielmehr einen Bestandteil seiner inneren Struktur.
Die Frageprobe
Attributsätze können häufig mit Fragen wie welcher?, welche?, welches? oder was für ein? ermittelt werden:
Der Mann, der dort steht, winkt.
→ Welcher Mann?
→ der dort steht
Die Frageprobe kann helfen, die attributive Beziehung zu erkennen. Entscheidend ist jedoch, dass der Nebensatz eine nominale Bezugsgröße näher bestimmt.
Einleitung durch Relativpronomen
Attributsätze werden sehr häufig als Relativsätze gebildet und durch ein Relativpronomen eingeleitet:
Der Mann, der dort steht, ist mein Vater.
Das Buch, das du empfohlen hast, ist sehr interessant.
Die Frau, deren Auto gestohlen wurde, verständigte die Polizei.
Die Form des Relativpronomens wird dabei von zwei Beziehungen bestimmt:
Genus und Numerus richten sich nach dem Bezugswort; der Kasus richtet sich nach der syntaktischen Funktion des Relativpronomens innerhalb des Nebensatzes.
Vergleichen wir:
Der Mann, der dort steht, …
→ der = Nominativ
Der Mann, den ich sehe, …
→ den = Akkusativ
Der Mann, dem ich helfe, …
→ dem = Dativ
Der Mann, dessen Auto gestohlen wurde, …
→ dessen = Genitiv
Damit zeigt sich erneut, dass die grammatische Form einer Einheit durch mehrere syntaktische Beziehungen bestimmt sein kann.
Präposition und Relativpronomen
Steht das Relativpronomen innerhalb des Nebensatzes in einer Präpositionalgruppe, steht die Präposition vor dem Relativpronomen:
Das Haus, in dem wir wohnen, ist sehr alt.
Der Tag, an dem wir uns kennenlernten, bleibt unvergesslich.
Die Frau, mit der ich gesprochen habe, ist meine Nachbarin.
Dabei bestimmt die Präposition den Kasus des Relativpronomens:
in dem Haus → das Haus, in dem …
mit der Frau → die Frau, mit der …
Auch Relativadverbien können attributive Relativsätze einleiten:
Der Ort, wo wir uns trafen, ist nicht weit von hier.
Die Art, wie er das Problem löste, überraschte mich.
Die Stellung des Attributsatzes
Attributsätze stehen gewöhnlich nahe bei der nominalen Einheit, auf die sie sich beziehen:
Der Mann, der dort steht, winkt.
Das Buch, das auf dem Tisch liegt, gehört meiner Schwester.
Diese Nähe erleichtert die eindeutige Zuordnung des Attributsatzes zu seiner Bezugsgröße. Entscheidend ist jedoch nicht allein die unmittelbare lineare Nachbarschaft, sondern die syntaktische Beziehung zwischen Attributsatz und Bezugswort.
Attributsatz, Subjektsatz und Objektsatz im Vergleich
Damit unterscheidet sich der Attributsatz in einem wichtigen Punkt von Subjekt- und Objektsätzen.
Ein Subjektsatz übernimmt selbst die Funktion eines Subjekts:
[Dass sie gekommen ist], freut mich.
Ein Objektsatz übernimmt selbst die Funktion eines Objekts:
Ich weiß [dass sie gekommen ist].
Ein Attributsatz übernimmt dagegen gewöhnlich nicht selbst die Funktion des gesamten Satzglieds, sondern bestimmt eine nominale Einheit innerhalb eines Satzglieds näher:
[Der Schüler, [der besonders fleißig arbeitet]], erhält ein Lob.
Der gesamte Ausdruck der Schüler, der besonders fleißig arbeitet bildet das Subjekt. Innerhalb dieses Subjekts bestimmt der Attributsatz der besonders fleißig arbeitet das Nomen Schüler näher.
Damit können Nebensätze nicht nur selbst Satzgliedfunktionen übernehmen, sondern auch Bestandteile der inneren Struktur eines Satzglieds bilden.
10.7 Adverbialsätze
Sachverhalte stehen nicht isoliert nebeneinander. Handlungen, Vorgänge und Zustände können in zeitlichen, räumlichen, kausalen, modalen und anderen Beziehungen zueinander stehen. Ein Sachverhalt kann beispielsweise stattfinden, während ein anderer besteht, weil ein anderer Sachverhalt vorliegt, unter der Bedingung, dass etwas geschieht, oder mit dem Ziel, einen anderen Sachverhalt herbeizuführen.
Solche Beziehungen können sprachlich auf unterschiedliche Weise ausgedrückt werden.
Vergleichen wir:
Ich bleibe wegen des Regens zu Hause.
→ wegen des Regens = kausale adverbiale Bestimmung
Ich bleibe zu Hause, weil es regnet.
→ weil es regnet = kausaler Adverbialsatz
Oder:
Wir fahren zum Grillen in den Park.
→ zum Grillen = finale adverbiale Bestimmung
Wir fahren in den Park, damit wir dort grillen können.
→ damit wir dort grillen können = finaler Adverbialsatz
In beiden Fällen wird der Sachverhalt des übergeordneten Satzes durch eine nähere Bestimmung beziehungsweise Beziehung genauer eingeordnet. Diese Funktion kann von einem einzelnen Wort, einer Wortgruppe oder einem ganzen Nebensatz übernommen werden.
Ein Adverbialsatz ist ein Nebensatz, der innerhalb einer übergeordneten Satzstruktur eine adverbiale Funktion übernimmt. Er kann insbesondere zeitliche, kausale, konditionale, finale, konzessive oder modale Beziehungen ausdrücken.
Adverbialsatz und Adverb
Die Bezeichnung Adverbialsatz bedeutet nicht, dass ein solcher Nebensatz aus einem Adverb bestehen muss. Hier müssen wir zwischen Wortart und syntaktischer Funktion unterscheiden.
Die Kinder spielen hier.
→ hier = Adverb; syntaktisch eine lokale adverbiale Bestimmung
Der Hund bellt laut.
→ laut = Adjektiv; syntaktisch adverbial verwendet
Der Hund bellt, wenn ein Fremder den Garten betritt.
→ wenn ein Fremder den Garten betritt = Adverbialsatz
Die sprachlichen Formen sind verschieden, doch sie können innerhalb einer Satzstruktur eine vergleichbare adverbiale Funktion übernehmen.
Adverb bezeichnet somit eine Wortart, während adverbial eine syntaktische Funktion bezeichnet.
Beziehungen zwischen Sachverhalten
Bei Adverbialsätzen tritt ein weiterer wichtiger Aspekt hervor. Ein solcher Nebensatz kann nicht nur einen einzelnen Bestandteil des Hauptsatzes näher bestimmen, sondern einen ganzen Sachverhalt zu einem anderen Sachverhalt in Beziehung setzen.
Ich bleibe zu Hause, weil es regnet.
Hier werden zwei Sachverhalte dargestellt:
Ich bleibe zu Hause.
Es regnet.
Durch die Konjunktion weil werden beide Sachverhalte in eine kausale Beziehung gebracht:
Es regnet → deshalb bleibe ich zu Hause.
Ebenso können andere Beziehungen hergestellt werden:
Ich rufe dich an, wenn ich zu Hause bin.
→ zeitliche Beziehung
Wenn es regnet, bleiben wir zu Hause.
→ konditionale Beziehung
Ich spreche langsam, damit alle mich verstehen.
→ finale Beziehung
Obwohl es regnet, gehen wir spazieren.
→ konzessive Beziehung
Er löste das Problem, indem er die Gleichung umformte.
→ modale Beziehung
Funktion und Bedeutung
Bei der Einteilung der Adverbialsätze müssen zwei Ebenen unterschieden werden.
Adverbialsatz bezeichnet die syntaktische Funktion des Nebensatzes innerhalb der übergeordneten Satzstruktur.
Die Bezeichnungen Temporalsatz, Kausalsatz, Konditionalsatz, Finalsatz, Konzessivsatz und Modalsatz kennzeichnen dagegen die jeweilige semantische Beziehung, die zwischen den dargestellten Sachverhalten ausgedrückt wird.
Daraus ergibt sich folgende Ordnung:
Adverbialsatz
→ Temporalsatz – zeitliche Beziehung
→ Kausalsatz – Ursache oder Grund
→ Konditionalsatz – Bedingung
→ Finalsatz – Zweck oder Ziel
→ Konzessivsatz – Gegengrund oder Einräumung
→ Modalsatz – Art und Weise
Ein Nebensatz wie
weil es regnet
kann daher auf zwei verschiedenen Ebenen beschrieben werden:
syntaktisch: Adverbialsatz
semantisch: Kausalsatz
Diese Unterscheidung verhindert, dass syntaktische Funktion und semantische Bedeutung miteinander vermischt werden.
Ein grundlegendes syntaktisches Prinzip
Damit setzt sich ein bereits beobachtetes Prinzip fort: Syntaktische Funktionen und semantische Beziehungen können durch unterschiedlich große sprachliche Einheiten realisiert werden.
Nebensätze erweitern damit die Möglichkeiten der Syntax: Funktionen und Beziehungen, die durch einzelne Wörter oder Wortgruppen ausgedrückt werden können, lassen sich auch durch satzförmige Einheiten ausdrücken.
10.7.1 Temporalsätze
Handlungen, Vorgänge und Zustände stehen in zeitlichen Beziehungen. Sie können zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfinden, eine bestimmte Dauer haben oder zeitlich vor, nach oder gleichzeitig mit einem anderen Sachverhalt auftreten.
Solche zeitlichen Bestimmungen können durch unterschiedliche sprachliche Mittel ausgedrückt werden.
Die Leute fangen morgen mit der Arbeit an.
→ morgen = temporales Adverb in der Funktion einer adverbialen Bestimmung
Eine zeitliche Beziehung kann jedoch auch durch einen ganzen Nebensatz ausgedrückt werden:
Die Leute haben mit der Arbeit angefangen, nachdem die Sonne aufgegangen war.
→ nachdem die Sonne aufgegangen war = temporaler Adverbialsatz
Ein Temporalsatz ist somit ein Adverbialsatz, der den im übergeordneten Satz dargestellten Sachverhalt zeitlich bestimmt oder ihn zu einem anderen Sachverhalt in eine zeitliche Beziehung setzt.
Die Frageprobe
Temporalsätze können unterschiedliche Fragen nach zeitlichen Umständen beantworten.
Wann rufst du mich an?
→ Ich rufe dich an, sobald ich am Bahnhof angekommen bin.
Seit wann hat er kein Auto mehr?
→ Er hat kein Auto mehr, seit er den Führerschein abgeben musste.
Bis wann müssen wir warten?
→ Wir müssen warten, bis der Regen endlich nachlässt.
Wie lange muss ich im Bett bleiben?
→ Solange du Fieber hast, musst du im Bett bleiben.
Auch wiederholte zeitliche Beziehungen können ausgedrückt werden:
Wie oft kann ich dich besuchen?
→ Du kannst mich besuchen, sooft du möchtest.
Die Frageprobe hilft dabei, die temporale Funktion des Nebensatzes zu erkennen.
Zeitliche Beziehungen zwischen Sachverhalten
Temporalsätze können unterschiedliche zeitliche Beziehungen zwischen dem Sachverhalt des Hauptsatzes und dem Sachverhalt des Nebensatzes ausdrücken.
Gleichzeitigkeit
Die beiden Sachverhalte bestehen oder vollziehen sich gleichzeitig beziehungsweise überschneiden sich zeitlich:
Während die Kinder spielen, lesen die Eltern.
Ich höre Musik, wenn ich arbeite.
Vorzeitigkeit des Nebensatzes
Der im Nebensatz dargestellte Sachverhalt liegt zeitlich vor dem Sachverhalt des Hauptsatzes:
Nachdem der Regen aufgehört hatte, gingen wir spazieren.
Nachdem der Unterricht geendet hatte, gingen alle nach Hause.
Zuerst endet beispielsweise der Unterricht, danach gehen alle nach Hause.
Nachzeitigkeit des Nebensatzes
Der im Nebensatz dargestellte Sachverhalt liegt zeitlich nach dem Sachverhalt des Hauptsatzes:
Bevor wir essen, waschen wir uns die Hände.
Ehe die Gäste eintreffen, decken wir den Tisch.
Zuerst werden beispielsweise die Hände gewaschen, danach wird gegessen.
Konjunktionen der Temporalsätze
Welche Konjunktion verwendet wird, hängt unter anderem davon ab, welche zeitliche Beziehung zwischen den dargestellten Sachverhalten ausgedrückt werden soll.
| Zeitliche Beziehung | Häufige Konjunktionen |
| Gleichzeitigkeit | während, wenn, als |
| Vorzeitigkeit des Nebensatzes | nachdem |
| Nachzeitigkeit des Nebensatzes | bevor, ehe |
| Beginn eines Zeitraums | seit, seitdem |
| Ende eines Zeitraums | bis |
| unmittelbare zeitliche Folge | sobald |
| zeitliche Dauer | solange |
| wiederholte Beziehung | sooft |
Die Konjunktion trägt dazu bei, die zeitliche Beziehung zwischen den beiden Sachverhalten genauer zu bestimmen.
Dabei kann dieselbe Konjunktion je nach Kontext unterschiedliche zeitliche Zusammenhänge ausdrücken. Die Konjunktion wenn kann je nach Kontext unterschiedliche zeitliche Beziehungen kennzeichnen:
Wenn ich arbeite, höre ich gleichzeitig Musik.
→ Gleichzeitigkeit beziehungsweise regelmäßiges zeitliches Zusammentreffen
Wenn ich meine Großeltern besuche, bringe ich ihnen Blumen mit.
→ wiederholte zeitliche Beziehung
10.7.2 Kausalsätze
Handlungen, Vorgänge und Zustände können Gründe oder Ursachen haben. Ein Sprecher kann einen Sachverhalt darstellen, ohne seinen Grund ausdrücklich zu nennen:
Wir bleiben zu Hause.
Der Satz ist grammatisch vollständig. Warum wir zu Hause bleiben, wird nicht ausgedrückt.
Der Grund kann jedoch durch eine adverbiale Bestimmung ergänzt werden:
Wegen des Regens bleiben wir zu Hause.
→ wegen des Regens = kausale adverbiale Bestimmung
Er kann auch durch einen ganzen Nebensatz ausgedrückt werden:
Weil es regnet, bleiben wir zu Hause.
→ weil es regnet = kausaler Adverbialsatz
Ein Kausalsatz ist somit ein Adverbialsatz, der den Grund oder die Ursache für den im übergeordneten Satz dargestellten Sachverhalt angibt.
Die Frageprobe
Kausalsätze beantworten insbesondere Fragen nach dem Grund:
Warum bleibst du heute zu Hause?
→ Ich bleibe heute zu Hause, weil ich mich nicht wohlfühle.
Weshalb fällt der Ausflug aus?
→ Da es stark regnet, fällt der Ausflug aus.
Aus welchem Grund kamen wir später an?
→ Wir kamen später an, weil der Zug Verspätung hatte.
Die Frageprobe macht deutlich, dass der Nebensatz eine kausale Beziehung zum Sachverhalt des Hauptsatzes herstellt.
Einleitung des Kausalsatzes
Kausalsätze werden besonders häufig durch die subordinierenden Konjunktionen weil und da eingeleitet:
Die Pflanzen wachsen gut, weil sie regelmäßig gegossen werden.
Da der Zug Verspätung hatte, kamen wir später an.
In beiden Fällen steht das finite Verb des Nebensatzes am Ende:
weil sie regelmäßig gegossen werden
da der Zug Verspätung hatte
Kausale Bedeutung und syntaktische Form
Ein Grund kann auch durch andere syntaktische Strukturen ausgedrückt werden:
Ich nehme den Regenschirm mit, denn es zieht ein Gewitter auf.
Die Konjunktion denn drückt hier ebenfalls eine kausale Beziehung aus. Sie leitet jedoch keinen untergeordneten Kausalsatz ein, sondern verbindet zwei gleichrangige Hauptsätze:
Ich nehme den Regenschirm mit+
es zieht ein Gewitter auf
Das zeigt erneut, dass semantische Beziehung und syntaktische Form nicht identisch sind.
Vergleichen wir:
Ich nehme den Regenschirm wegen des Gewitters mit.
→ kausale adverbiale Bestimmung
Ich nehme den Regenschirm mit, weil ein Gewitter aufzieht.
→ kausaler Adverbialsatz
Ich nehme den Regenschirm mit, denn es zieht ein Gewitter auf.
→ kausale Beziehung zwischen zwei gleichrangigen Hauptsätzen
In allen drei Fällen wird ein Grund ausgedrückt, aber mit unterschiedlichen syntaktischen Mitteln.
Die Beziehung zwischen den Sachverhalten
Ein Kausalsatz stellt den Sachverhalt des Nebensatzes als Grund oder Ursache für den Sachverhalt des Hauptsatzes dar:
Da der Zug Verspätung hatte, kamen wir später an.
Der Zug hatte Verspätung → deshalb kamen wir später an.
Ich bleibe zu Hause, weil ich mich nicht wohlfühle.
Ich fühle mich nicht wohl → deshalb bleibe ich zu Hause.
Die kausale Beziehung verbindet somit zwei Sachverhalte, von denen der eine als Grund für den anderen dargestellt wird.
10.7.3 Finalsätze
Handlungen und Verhaltensweisen können auf ein bestimmtes Ziel oder einen bestimmten Zweck ausgerichtet sein. Ein Sprecher kann einen Sachverhalt zunächst darstellen, ohne dieses Ziel ausdrücklich zu nennen:
Wir lernen täglich.
Der Satz ist grammatisch vollständig. Zu welchem Zweck wir täglich lernen, bleibt jedoch unausgedrückt.
Das Ziel kann durch eine adverbiale Bestimmung ergänzt werden:
Zur Vorbereitung auf die Prüfung lernen wir täglich.
→ zur Vorbereitung auf die Prüfung = finale adverbiale Bestimmung
Es kann auch durch einen ganzen Nebensatz ausgedrückt werden:
Wir lernen täglich, damit wir die Prüfung bestehen.
→ damit wir die Prüfung bestehen = finaler Adverbialsatz
Ein Finalsatz ist somit ein Adverbialsatz, der das Ziel oder den Zweck angibt, auf den der im übergeordneten Satz dargestellte Sachverhalt ausgerichtet ist.
Die Frageprobe
Finalsätze beantworten insbesondere Fragen nach dem Zweck oder Ziel:
Wozu lernen wir täglich?
→ Wir lernen täglich, damit wir die Prüfung bestehen.
Zu welchem Zweck spricht der Lehrer langsam?
→ Der Lehrer spricht langsam, damit die Schüler ihn verstehen.
Die Frageprobe macht deutlich, dass der Nebensatz nicht den Grund für den Sachverhalt angibt, sondern das mit ihm verbundene Ziel.
Einleitung durch damit
Finalsätze werden häufig durch die subordinierende Konjunktion damit eingeleitet:
Ich schreibe alles auf, damit ich nichts vergesse.
Wir beeilen uns, damit wir den Zug erreichen.
Der Lehrer spricht langsam, damit die Schüler ihn verstehen.
Wie bei anderen eingeleiteten Nebensätzen steht das finite Verb am Ende:
damit ich nichts vergesse
damit wir den Zug erreichen
damit die Schüler ihn verstehen
Finale Bedeutung durch um … zu
Eine finale Beziehung kann auch durch eine Infinitivgruppe mit um … zu ausgedrückt werden:
Wir lernen täglich, um die Prüfung zu bestehen.
Ich schreibe alles auf, um nichts zu vergessen.
Der Vogel fliegt weg, um dem Fuchs zu entkommen.
Die um … zu-Konstruktion erfüllt hier eine finale Funktion, ist jedoch kein finiter Finalsatz, sondern eine finale Infinitivgruppe.
Zwischen damit und um … zu besteht ein wichtiger struktureller Unterschied.
Bei damit können Haupt- und Nebensatz unterschiedliche Subjekte haben:
Der Lehrer spricht langsam, damit die Schüler ihn verstehen.
→ der Lehrer spricht
→ die Schüler verstehen
Bei um … zu wird das nicht ausgedrückte Subjekt der Infinitivgruppe gewöhnlich aus dem übergeordneten Satz erschlossen:
Der Lehrer spricht langsam, um deutlich verstanden zu werden.
→ der Lehrer spricht
→ der Lehrer soll verstanden werden
Grund und Ziel
Kausal- und Finalsätze stehen semantisch in enger Beziehung, betrachten den Zusammenhang zwischen Sachverhalten jedoch aus unterschiedlichen Richtungen.
Vergleichen wir:
Ich bleibe zu Hause, weil ich krank bin.
→ Warum bleibe ich zu Hause?
→ weil ich krank bin = Grund
Ich bleibe zu Hause, damit ich mich erhole.
→ Wozu bleibe ich zu Hause?
→ damit ich mich erhole = Ziel
Der Kausalsatz gibt an, auf welches angestrebte Ziel oder welchen Zweck ein Sachverhalt ausgerichtet ist.
Der Finalsatz gibt an, auf welches Ziel oder welchen Zweck ein Sachverhalt ausgerichtet ist.
Finale Bestimmung und Finalsatz
Eine finale Beziehung kann mit unterschiedlichen syntaktischen Mitteln ausgedrückt werden:
Zur Vorbereitung auf die Prüfung lernen wir täglich.
→ finale adverbiale Bestimmung
Wir lernen täglich, damit wir die Prüfung bestehen.
→ finaler Adverbialsatz
Wir lernen täglich, um die Prüfung zu bestehen.
→ finale Infinitivgruppe
Die gemeinsame finale Bedeutung ist daher von der jeweiligen syntaktischen Struktur zu unterscheiden.
10.7.4 Konditionalsätze
Handlungen, Vorgänge und Zustände können davon abhängig sein, dass bestimmte Bedingungen oder Voraussetzungen erfüllt sind. Ein Sprecher kann eine solche Bedingung durch unterschiedliche sprachliche Mittel ausdrücken.
Bei gutem Wetter gehen wir spazieren.
→ bei gutem Wetter = konditionale adverbiale Bestimmung
Die Bedingung kann auch durch einen ganzen Nebensatz ausgedrückt werden:
Wenn das Wetter gut ist, gehen wir spazieren.
→ wenn das Wetter gut ist = konditionaler Adverbialsatz
Ein Konditionalsatz ist somit ein Adverbialsatz, der eine Bedingung oder Voraussetzung dafür nennt, dass der im übergeordneten Satz dargestellte Sachverhalt gilt, eintritt oder verwirklicht wird.
Die Frageprobe
Konditionalsätze beantworten insbesondere Fragen nach einer Bedingung oder Voraussetzung:
Unter welcher Bedingung gehen wir in den Park?
→ Wenn die Sonne scheint, gehen wir in den Park.
In welchem Fall machen wir eine Pizza?
→ Falls du Hunger hast, machen wir eine Pizza.
Unter welcher Voraussetzung wird der Vorschlag angenommen?
→ Sofern keine Einwände bestehen, wird der Vorschlag angenommen.
Die Frageprobe macht deutlich, dass der Nebensatz weder einen Grund noch einen Zweck, sondern eine Bedingung für den Sachverhalt des Hauptsatzes angibt.
Die Beziehung zwischen Bedingung und Folge
Der Konditionalsatz stellt zwei Sachverhalte in eine Bedingungsbeziehung:
Wenn es morgen regnet, bleiben wir zu Hause.
Dabei gilt:
Es regnet morgen → unter dieser Bedingung bleiben wir zu Hause.
Weitere Beispiele:
Falls du Hilfe brauchst, ruf mich an.
Sofern alle zustimmen, beginnen wir sofort.
Der Nebensatz nennt jeweils die Bedingung, unter der der Sachverhalt des Hauptsatzes gilt, eintritt oder verwirklicht wird.
Dabei ist eine Bedingung nicht dasselbe wie eine Ursache:
Weil es regnet, bleiben wir zu Hause.
→ Der Regen wird als Grund für das Zuhausebleiben dargestellt.
Wenn es regnet, bleiben wir zu Hause.
→ Der Regen wird als Bedingung für das Zuhausebleiben dargestellt.
Derselbe Sachverhalt kann somit je nach kommunikativer Perspektive in unterschiedliche semantische Beziehungen eingebunden werden.
Einleitung des Konditionalsatzes
Konditionalsätze werden häufig durch subordinierende Konjunktionen wie wenn, falls und sofern eingeleitet:
Wenn du Zeit hast, besuchen wir deine Großeltern.
Falls der Bus Verspätung hat, nehmen wir den Zug.
Sofern keine Einwände bestehen, wird der Vorschlag angenommen.
Auch die Verbindung vorausgesetzt, dass kann eine Bedingung ausdrücken:
Vorausgesetzt, dass du den Test bestehst, bekommst du ein Fahrrad.
Eine Bedingung kann außerdem durch eine Konstruktion mit unter der Bedingung, dass ausdrücklich formuliert werden:
Du darfst das Auto nutzen, unter der Bedingung, dass du vorsichtig fährst.
Diese verschiedenen Formen drücken dieselbe grundlegende semantische Beziehung aus, sind jedoch grammatisch nicht in jeder Hinsicht gleich aufgebaut.
Uneingeleitete Konditionalsätze
Eine konditionale Beziehung kann auch ohne eine einleitende Konjunktion ausgedrückt werden:
Hast du morgen Zeit, besuchen wir das Museum.
Brauchst du Hilfe, ruf mich an.
Regnet es morgen, bleiben wir zu Hause.
In solchen uneingeleiteten Konditionalsätzen steht das finite Verb an erster Stelle.
Vergleichen wir:
Wenn du morgen Zeit hast, besuchen wir das Museum.
→ eingeleiteter Konditionalsatz mit wenn
Hast du morgen Zeit, besuchen wir das Museum.
→ uneingeleiteter Konditionalsatz mit Verb-Erst-Stellung
Die Form verändert sich, die konditionale Beziehung bleibt bestehen.
10.7.5 Konzessivsätze
Zwischen Sachverhalten können Beziehungen bestehen, bei denen aufgrund eines bestimmten Umstands normalerweise eine bestimmte Folge erwartet werden könnte. Die tatsächlich dargestellte Folge kann jedoch von dieser Erwartung abweichen.
Vergleichen wir:
Es regnet.
Aus diesem Sachverhalt könnte beispielsweise die Erwartung entstehen, dass wir nicht spazieren gehen.
Tatsächlich kann aber etwas anderes geschehen:
Trotz des Regens gehen wir spazieren.
→ trotz des Regens = konzessive adverbiale Bestimmung
Dieselbe Beziehung kann durch einen ganzen Nebensatz ausgedrückt werden:
Obwohl es regnet, gehen wir spazieren.
→ obwohl es regnet = konzessiver Adverbialsatz
Ein Konzessivsatz ist somit ein Adverbialsatz, der einen Sachverhalt nennt, aus dem eine bestimmte Folge erwartet werden könnte, obwohl diese erwartete Folge nicht eintritt.
Die Frageprobe
Konzessivsätze können insbesondere durch Fragen nach einem Gegengrund oder einem nicht wirksam werdenden Hindernis erkannt werden:
Trotz welchen Umstands gehen wir spazieren?
→ Obwohl es regnet, gehen wir spazieren.
Trotz welchen Umstands arbeitet er weiter?
→ Obwohl er müde ist, arbeitet er weiter.
Die Frageprobe ist hier allerdings weniger unmittelbar als bei Temporal- oder Kausalsätzen. Entscheidend ist die Beziehung zwischen Erwartung und tatsächlichem Sachverhalt.
Erwartung und tatsächliche Folge
Die konzessive Beziehung lässt sich besonders deutlich darstellen:
Es regnet.
→ erwartbare Folge: Wir bleiben zu Hause.
Obwohl es regnet, gehen wir spazieren.
→ tatsächliche Folge: Wir gehen spazieren.
Oder:
Er ist müde.
→ erwartbare Folge: Er hört auf zu arbeiten.
Obwohl er müde ist, arbeitet er weiter.
→ tatsächliche Folge: Er arbeitet weiter.
Der im Nebensatz dargestellte Sachverhalt wird also eingeräumt, ohne dass die daraus möglicherweise erwartete Folge eintritt.
Deshalb wird die konzessive Beziehung auch als Einräumung bezeichnet.
Einleitung des Konzessivsatzes
Konzessivsätze werden häufig durch subordinierende Konjunktionen wie obwohl, obgleich und obschon eingeleitet:
Obwohl sie krank war, ging sie zur Arbeit.
Obgleich der Zug Verspätung hatte, erreichten wir den Anschluss.
Obschon er müde war, arbeitete er weiter.
Auch die Verbindung auch wenn kann eine konzessive Beziehung ausdrücken:
Auch wenn der Weg weit ist, kommen wir pünktlich an.
Auch wenn Schwierigkeiten auftreten, setzen wir die Arbeit fort.
Die Wahl der Einleitungsform verändert die grundlegende syntaktische Funktion des Nebensatzes nicht. In allen Fällen wird ein Sachverhalt eingeräumt, obwohl die daraus naheliegende Erwartung im übergeordneten Satz nicht erfüllt wird.
Kausalität und Konzessivität
Der Unterschied zum Kausalsatz lässt sich besonders gut an denselben Sachverhalten zeigen:
Weil es regnet, bleiben wir zu Hause.
→ Der Regen wird als Grund für das Zuhausebleiben dargestellt.
Obwohl es regnet, gehen wir spazieren.
→ Der Regen könnte einen Grund für das Zuhausebleiben darstellen, aber die erwartbare Folge tritt nicht ein.
Vereinfacht lässt sich die Beziehung so darstellen:
Kausalsatz: Grund → entsprechende Folge
Konzessivsatz: möglicher Gegengrund → erwartete Folge tritt nicht ein
Der Konzessivsatz hebt den im Nebensatz dargestellten Sachverhalt also nicht auf. Er zeigt vielmehr, dass dieser Sachverhalt nicht zu der Folge führt, die unter den gegebenen Umständen erwartet werden könnte.
10.7.6 Modalsätze
Bisher haben wir gesehen, dass Sachverhalte in zeitlichen, kausalen, finalen, konditionalen und konzessiven Beziehungen zueinander stehen können. Darüber hinaus kann von Bedeutung sein, auf welche Art und Weise eine Handlung ausgeführt wird oder ein Vorgang beziehungsweise Zustand zustande kommt.
Die Art und Weise kann durch eine adverbiale Bestimmung ausgedrückt werden:
Er arbeitet mit großer Sorgfalt.
→ mit großer Sorgfalt = modale adverbiale Bestimmung
Er löst die Aufgabe geschickt.
→ geschickt = Adjektiv in adverbialer Funktion
Die modale Bestimmung kann auch durch einen ganzen Nebensatz ausgedrückt werden:
Er arbeitet, indem er jeden Schritt sorgfältig überprüft.
→ indem er jeden Schritt sorgfältig überprüft = modaler Adverbialsatz
Ein Modalsatz ist somit ein Adverbialsatz, der insbesondere angibt, auf welche Art und Weise oder mit welchem Mittel der im übergeordneten Satz dargestellte Sachverhalt verwirklicht wird.
Die Frageprobe
Modalsätze können insbesondere Fragen nach der Art und Weise oder dem Mittel beantworten:
Wie löste er das Problem?
→ Er löste das Problem, indem er alle Möglichkeiten prüfte.
Wie hältst du dich fit?
→ Ich halte mich fit, indem ich jeden Morgen jogge.
Wie helfen wir der Umwelt?
→ Wir helfen der Umwelt, indem wir weniger Auto fahren.
Auch die Frage wodurch? kann auf eine modale Beziehung führen:
Wodurch wird er immer besser?
→ Er wird dadurch immer besser, dass er viel übt.
indem und dadurch, dass
Eine Art und Weise oder ein Mittel kann häufig durch indem ausgedrückt werden:
Die Stadt verbessert die Luftqualität, indem sie den Autoverkehr reduziert.
Eine ähnliche Beziehung kann durch dadurch, dass ausgedrückt werden:
Die Stadt verbessert die Luftqualität dadurch, dass sie den Autoverkehr reduziert.
Dabei weist dadurch im übergeordneten Satz auf den folgenden Nebensatz voraus.
Vergleichen wir:
Er wird durch regelmäßiges Üben besser.
→ modale adverbiale Bestimmung
Er wird besser, indem er regelmäßig übt.
→ modaler Adverbialsatz
Er wird dadurch besser, dass er regelmäßig übt.
→ dadurch weist auf den folgenden Nebensatz voraus
Die Art und Weise beziehungsweise das Mittel kann somit durch unterschiedliche syntaktische Strukturen ausgedrückt werden.
Modalsätze mit ohne dass
Eine modale Beziehung kann auch dadurch ausgedrückt werden, dass ein begleitender oder erwartbarer Sachverhalt nicht eintritt:
Sie ging hinaus, ohne dass jemand sie bemerkte.
Er verließ das Haus, ohne dass er sich verabschiedete.
Die Verbindung ohne dass bezeichnet einen Begleitumstand, der beim dargestellten Sachverhalt nicht eintritt.
Eine ähnliche Bedeutung kann bei gleichem Bezug durch eine Infinitivgruppe mit ohne … zu ausgedrückt werden:
Er verließ das Haus, ohne sich zu verabschieden.
Auch hier sehen wir wieder, dass eine ähnliche semantische Beziehung durch unterschiedliche syntaktische Mittel ausgedrückt werden kann.
Vergleichende Modalsätze
Eine Art und Weise kann außerdem durch einen Vergleich charakterisiert werden:
Er tut so, als ob er nichts gehört hätte.
Sie spricht, als wäre sie die Leiterin.
Solche Nebensätze werden als vergleichende Modalsätze oder Komparativsätze bezeichnet. Sie beschreiben die Art und Weise des übergeordneten Sachverhalts durch einen Vergleich.
Die Einleitungsformen als ob, als wenn oder als können dabei unterschiedliche Vergleichskonstruktionen bilden:
Er tut so, als ob er nichts gehört hätte.
Er verhält sich, als wenn nichts geschehen wäre.
Er sieht aus, als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen.
Die konkrete Form der Konstruktion kann sich unterscheiden; ihre Funktion besteht darin, den Sachverhalt des übergeordneten Satzes durch eine vergleichende Beziehung näher zu bestimmen.
Damit schließt sich die Reihe der hier behandelten Adverbialsätze. Sie haben gemeinsam, dass sie eine adverbiale Funktion übernehmen, unterscheiden sich jedoch darin, welche semantische Beziehung sie ausdrücken.
Rückblick
Die Syntax untersucht, wie sprachliche Einheiten miteinander verbunden und strukturiert werden, sodass größere sprachliche Einheiten und insbesondere Sätze entstehen.
Ein zentraler Ausgangspunkt ist dabei der Sachverhalt. Menschen nehmen Einheiten, Handlungen, Vorgänge, Zustände und Beziehungen wahr und können sie sprachlich auf unterschiedliche Weise strukturieren. Je nach Kommunikationsbedürfnis können daraus unter anderem Aussagen, Fragen, Aufforderungen oder Wünsche entstehen.
Dabei sind Wirklichkeit und grammatische Struktur voneinander zu unterscheiden. Eine reale Einheit ist nicht von sich aus Subjekt oder Objekt. Erst ihre sprachliche Darstellung innerhalb einer konkreten Satzstruktur übernimmt eine bestimmte syntaktische Funktion.
In prototypischen Sätzen spielt das Verb eine zentrale Rolle. Es strukturiert den dargestellten Sachverhalt auf eine bestimmte Weise und kann syntaktische Stellen für beteiligte Größen eröffnen. Dabei können unter anderem Subjekt- und Objektbeziehungen entstehen.
Auch Wortart und syntaktische Funktion sind nicht identisch. Welche syntaktische Funktion eine sprachliche Einheit übernimmt, ergibt sich aus ihrer Beziehung zu anderen Einheiten innerhalb der jeweiligen Struktur.
Satzglieder können ihrerseits komplex aufgebaut sein. Deshalb müssen die äußere Funktion eines Satzglieds und seine innere syntaktische Struktur voneinander unterschieden werden. Attribute können beispielsweise Bestandteile einer Nominalgruppe sein, ohne selbst die Satzgliedfunktion der gesamten Gruppe zu übernehmen.
Syntaktische Funktionen sind außerdem nicht an eine bestimmte Größe oder Form sprachlicher Einheiten gebunden. Nicht nur Wörter und Wortgruppen, sondern auch satzförmige Einheiten können syntaktische Funktionen übernehmen. Nebensätze können beispielsweise als Subjekt oder Objekt auftreten, eine nominale Bezugsgröße attributiv näher bestimmen oder als Adverbialsätze unterschiedliche Beziehungen zwischen Sachverhalten ausdrücken.
Dabei können unter anderem zeitliche, kausale, finale, konditionale, konzessive und modale Beziehungen sprachlich dargestellt werden. Die semantische Beziehung und die syntaktische Form sind jedoch nicht identisch: Ähnliche Beziehungen können durch unterschiedliche sprachliche Strukturen ausgedrückt werden.
Damit zeigt sich ein grundlegendes Prinzip der Syntax:
Sprachliche Einheiten erhalten ihre syntaktische Funktion nicht allein aufgrund ihrer Form oder ihrer Bedeutung, sondern aufgrund ihrer Beziehung zu anderen Einheiten innerhalb einer konkreten sprachlichen Struktur.
Syntax bedeutet daher nicht lediglich, Wörter nach bestimmten Regeln nebeneinanderzustellen. Sie ermöglicht es, sprachliche Einheiten miteinander zu verbinden, Sachverhalte zu strukturieren, Beziehungen zwischen ihnen auszudrücken und unterschiedliche kommunikative Bedürfnisse sprachlich zu verwirklichen.
Damit setzt die Syntax den Weg fort, der bereits in der Morphologie begonnen wurde:
Die Morphologie untersucht die innere Struktur und grammatische Form der Wörter.
Die Syntax untersucht, wie sprachliche Einheiten miteinander verbunden werden und innerhalb größerer Strukturen bestimmte Funktionen und Beziehungen übernehmen.
Beide Ebenen wirken zusammen, wenn aus einzelnen sprachlichen Mitteln strukturierte Äußerungen entstehen, mit denen Menschen ihre Wahrnehmungen, Erkenntnisse, Absichten und kommunikativen Bedürfnisse ausdrücken können.
Autor: Khyal Aryubi
Version: 1.0
Veröffentlicht: 11.09.2026
Lizenz: CC BY-NC 4.0
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