Kapitel 5
Das Adjektiv
Einleitung
Wie bereits bei der Betrachtung des Nomens und des Verbs gezeigt wurde, nehmen Menschen die Wirklichkeit nicht als eine ungegliederte Gesamtheit wahr. Sie unterscheiden Einheiten, erkennen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ihnen und ordnen sie aufgrund ihrer Wahrnehmungen und Erkenntnisse begrifflich ein.
Bei dieser Unterscheidung spielen neben der Struktur und weiteren Merkmalen einer Einheit besonders ihre Eigenschaften eine wichtige Rolle.
Menschen können beispielsweise wahrnehmen, dass Einheiten unterschiedlich groß, lang, schwer, hell, hart oder warm sind. Sie können beobachten, dass sich Materialien unterschiedlich anfühlen und verhalten, dass manche Tiere schneller laufen als andere oder dass Menschen bei ihren Tätigkeiten unterschiedliche Verhaltensweisen zeigen.
So werden beispielsweise Unterschiede wahrgenommen wie:
groß – klein
lang – kurz
hell – dunkel
hart – weich
warm – kalt
schnell – langsam
Solche Eigenschaften helfen Menschen dabei, Einheiten der Wirklichkeit voneinander zu unterscheiden, miteinander zu vergleichen und aufgrund ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu klassifizieren.
Eigenschaft und menschliche Erkenntnis
Die Eigenschaften einer Einheit dürfen jedoch nicht mit der menschlichen Erkenntnis dieser Eigenschaften gleichgesetzt werden.
Eine Einheit kann Eigenschaften besitzen, deren Ursachen einem Menschen zunächst unbekannt sind. Was Menschen an einer Einheit erkennen und wie sie deren Eigenschaften erklären, hängt deshalb auch von ihrem jeweiligen Wissen und Erkenntnisstand ab.
Schon lange bevor Menschen die wissenschaftlichen Ursachen bestimmter Eigenschaften erklären konnten, konnten sie diese durch Wahrnehmung und praktische Erfahrung erkennen und nutzen.
Die historische Verwendung unterschiedlicher Materialien bietet dafür ein anschauliches Beispiel. Menschen verwendeten Stein und später unter anderem Bronze und Eisen, weil sie praktisch erfahren konnten, dass verschiedene Materialien unterschiedliche Eigenschaften besitzen und sich deshalb für unterschiedliche Zwecke eignen.
Sie mussten die atomare Struktur eines Metalls nicht kennen, um beispielsweise feststellen zu können, dass es sich erhitzen, formen, härten oder zu Werkzeugen verarbeiten lässt.
Damit kann die praktische Wahrnehmung und Nutzung einer Eigenschaft ihrer wissenschaftlichen Erklärung lange vorausgehen.
Mit zunehmender Erkenntnis können Menschen später auch Zusammenhänge verstehen, die durch unmittelbare Sinneswahrnehmung allein nicht erkennbar sind.
Viele physikalische und chemische Eigenschaften von Stoffen stehen beispielsweise mit ihrer Zusammensetzung und der Struktur und Anordnung ihrer Bestandteile in Zusammenhang. Unterschiede auf dieser Ebene können dazu führen, dass Stoffe unterschiedliche Eigenschaften aufweisen.
Ähnliches lässt sich bei komplexeren Einheiten beobachten. Die Beschaffenheit und Struktur eines magnetischen Tonbandes ermöglicht die magnetische Speicherung und Wiedergabe von Informationen. Ein Computerprozessor besitzt aufgrund seiner Struktur und Funktionsweise wesentlich umfangreichere Möglichkeiten der Informationsverarbeitung. Das menschliche Gehirn weist wiederum eine außerordentlich komplexe Struktur auf, mit der zahlreiche Fähigkeiten verbunden sind.
Damit können wir drei Ebenen voneinander unterscheiden:
Wirklichkeit:
Eine Einheit besitzt beziehungsweise zeigt bestimmte Eigenschaften.
Erkenntnis:
Menschen nehmen Eigenschaften wahr, vergleichen sie, erkennen Zusammenhänge und bilden Begriffe dafür.
Sprache:
Menschen geben diesen begrifflich erfassten Eigenschaften sprachliche Bezeichnungen und können sie Einheiten oder Sachverhalten zuordnen.
Auf dieser sprachlichen Ebene begegnet uns das Adjektiv als eine wichtige Möglichkeit, Eigenschaften auszudrücken.
Zum Beispiel:
der große Baum
das harte Metall
die helle Lampe
Das Adjektiv ermöglicht es somit, eine Einheit hinsichtlich einer Eigenschaft näher zu bestimmen oder zu beschreiben.
Unterschiede und Gegensätze von Eigenschaften
Eigenschaften werden für Menschen besonders dadurch erkennbar, dass Einheiten miteinander verglichen werden können.
Ein Gegenstand erscheint beispielsweise nicht unabhängig von jedem Vergleich als groß oder klein. Ein Baum kann gegenüber einer jungen Pflanze groß, gegenüber einem wesentlich größeren Baum jedoch klein erscheinen.
Viele Eigenschaften, die Menschen an Einheiten der Natur wahrnehmen, können dabei in gegensätzlichen Ausprägungen auftreten:
lang ↔ kurz
hell ↔ dunkel
warm ↔ kalt
hart ↔ weich
schwer ↔ leicht
schnell ↔ langsam
Zwischen solchen gegensätzlichen Ausprägungen liegen häufig zahlreiche Abstufungen.
Eine Einheit muss daher nicht einfach nur warm oder kalt sein. Sie kann gegenüber einer anderen Einheit wärmer und gegenüber einer weiteren kälter sein.
Solche Unterschiede und Gegensätze erleichtern es Menschen, Einheiten miteinander zu vergleichen, voneinander zu unterscheiden und zu klassifizieren.
Dabei sollte jedoch nicht angenommen werden, dass jedes sprachliche Adjektiv einen natürlichen Gegenpol besitzen muss.
Grade von Eigenschaften
Beim Vergleich von Einheiten erkennen Menschen nicht nur unterschiedliche oder gegensätzliche Eigenschaften. Viele Eigenschaften können auch in unterschiedlichen Graden wahrgenommen werden.
Betrachten wir drei Tiere:
Tier A läuft schnell.
Tier B läuft schneller.
Tier C läuft am schnellsten.
Die Eigenschaft wird hier zunächst ohne Vergleich in einem bestimmten Grad ausgedrückt:
schnell
Anschließend wird dieselbe Eigenschaft bei mehreren Einheiten miteinander verglichen:
schnell → schneller → am schnellsten
Ebenso:
groß → größer → am größten
hell → heller → am hellsten
lang → länger → am längsten
Die Möglichkeit solcher Abstufungen bildet die Grundlage für die grammatische Steigerung oder Komparation bestimmter Adjektive.
Auch hier muss jedoch zwischen der Eigenschaft in der Wirklichkeit, ihrer Beurteilung durch den Menschen und ihrer sprachlichen Darstellung unterschieden werden.
Nicht jedes Adjektiv bezeichnet eine Eigenschaft, die sinnvoll in unterschiedlichen Graden verglichen werden kann. Die grammatische Wortart des Adjektivs ist deshalb umfassender als die Gruppe der unmittelbar wahrgenommenen und abstufbaren Eigenschaften.
Eigenschaften von Einheiten und Geschehen
Eigenschaften bleiben Eigenschaften, unabhängig davon, ob Menschen sie an einer Einheit oder an deren Handlungen, Vorgängen oder Zuständen feststellen.
In beiden Fällen können Eigenschaften zur Erkenntnis und Klassifikation der Wirklichkeit beitragen.
Vergleichen wir beispielsweise einen Menschen mit einem Tiger hinsichtlich ihrer Geschwindigkeit:
Der Tiger ist schnell.
Der Mensch ist langsam.
Die Eigenschaften schnell und langsam werden hier unmittelbar den Einheiten Tiger und Mensch zugeschrieben.
Dieselben Eigenschaften können jedoch auch mit deren Bewegung verbunden werden:
Der Tiger läuft schnell.
Der Mensch läuft langsam.
Für die begriffliche Unterscheidung zwischen Mensch und Tiger hinsichtlich ihrer Geschwindigkeit macht es zunächst keinen grundlegenden Unterschied, ob die Eigenschaft der Einheit oder der Art ihrer Bewegung zugeschrieben wird. In beiden Fällen wird eine erkannte Eigenschaft zur Beschreibung und zum Vergleich verwendet.
Für die grammatische Analyse ist diese Beziehung jedoch von Bedeutung.
Ein Adjektiv kann im Deutschen unterschiedlich verwendet werden:
Der schnelle Tiger läuft.
→ schnell bestimmt das Nomen Tiger unmittelbar: attributiver Gebrauch
Der Tiger ist schnell.
→ schnell wird über das Kopulaverb sein auf den Tiger bezogen: prädikativer Gebrauch
Der Tiger läuft schnell.
→ schnell bestimmt die Art des Laufens näher: adverbialer Gebrauch
In allen drei Fällen bleibt schnell grammatisch ein Adjektiv. Es verändert jedoch seine Verwendung und seine Beziehung zu den anderen Bestandteilen des Satzes.
Davon müssen eigentliche Adverbien unterschieden werden, beispielsweise:
Der Tiger läuft dort.
Der Tiger läuft heute.
Dort und heute bestimmen ebenfalls das Geschehen näher, gehören aber bereits als Wörter zur Wortart der Adverbien.
Rückblick
Eigenschaften spielen eine wichtige Rolle bei der menschlichen Wahrnehmung und Erkenntnis der Wirklichkeit. Menschen erkennen an Einheiten Gemeinsamkeiten und Unterschiede und können diese nutzen, um Einheiten voneinander zu unterscheiden, miteinander zu vergleichen und begrifflich zu klassifizieren.
Dabei müssen Eigenschaft, menschliche Erkenntnis und sprachliche Bezeichnung voneinander unterschieden werden. Eine Einheit kann Eigenschaften besitzen, unabhängig davon, ob Menschen diese bereits erkannt oder wissenschaftlich erklärt haben. Menschen nehmen Eigenschaften wahr, erschließen weitere durch zunehmendes Wissen und entwickeln sprachliche Möglichkeiten, um sie auszudrücken.
Für unser Modell können daher drei Ebenen unterschieden werden:
Wirklichkeit → Eigenschaften von Einheiten und Geschehen
Erkenntnis → Wahrnehmung, Vergleich und begriffliche Erfassung dieser Eigenschaften
Sprache → sprachliche Bezeichnung und Zuordnung der erkannten Eigenschaften
Eine wichtige sprachliche Möglichkeit zum Ausdruck solcher Eigenschaften bildet das Adjektiv.
Das Adjektiv ermöglicht der Sprache somit, Eigenschaften auszudrücken und Einheiten oder Geschehen hinsichtlich ihrer Eigenschaften näher zu bestimmen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten darzustellen und Eigenschaften miteinander zu vergleichen.Während das Nomen Einheiten sprachlich benennbar und das Verb Handlungen, Vorgänge und Zustände im zeitlichen Verlauf darstellbar macht, ermöglicht das Adjektiv, Einheiten und Geschehen hinsichtlich ihrer Eigenschaften näher zu bestimmen und miteinander zu vergleichen.
Autor: Khyal Aryubi
Version: 1.0
Veröffentlicht: 26.08.2026
Lizenz: CC BY-NC 4.0
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