Vorwort
Grammatik begleitet uns, sobald wir beginnen, eine Sprache bewusst zu lernen. Wir begegnen Regeln, Begriffen, Formen und Ausnahmen. Wir lernen, was richtig und was falsch ist, und mit zunehmender Erfahrung lernen wir auch, diese Regeln anzuwenden.
Doch eine Frage bleibt erstaunlich oft im Hintergrund:
Warum ist es so?
Diese Frage hat mich über viele Jahre begleitet – zunächst als Lernender, später als Student und schließlich als Lehrer.
Besonders beim Unterrichten der deutschen Grammatik fiel mir immer wieder auf, dass Lernende eine Regel kennen und richtig wiedergeben konnten, ohne den Zusammenhang hinter ihr wirklich zu verstehen. Das zeigte sich beispielsweise bei den vier Kasus. Die bekannten Fragen Wer? Wen? Wem? Wessen? können dabei helfen, einen Kasus zu bestimmen. Aber sie erklären noch nicht, warum in einer bestimmten Beziehung gerade dieser Kasus gebraucht wird.
Mit der Zeit entstand daraus ein Gedanke: Vielleicht sollten wir Grammatik nicht zuerst von ihren Regeln und Begriffen aus betrachten.
Vielleicht sollten wir einen Schritt zurückgehen.
Bevor es Grammatik gab, gab es die Wirklichkeit. Menschen nahmen Dinge wahr, unterschieden sie voneinander, erkannten Gemeinsamkeiten und Beziehungen, bildeten Begriffe und gaben den Dingen Namen. Sprache entwickelte sich als Mittel, über diese Wirklichkeit mit anderen Menschen zu kommunizieren.
Was geschieht, wenn wir von dort aus wieder zur Grammatik zurückkehren?
Aus dieser Frage entwickelte sich nach und nach der Ansatz, der in diesem Buch untersucht wird. Er soll die klassische Grammatik nicht ersetzen. Ihre Begriffe und Kategorien sind das Ergebnis einer langen wissenschaftlichen Entwicklung und bilden die Grundlage, auf der auch dieses Modell aufbaut.
Der Unterschied liegt im Ausgangspunkt.
Wir beginnen nicht mit Nomen, Verb, Kasus oder Satzglied. Wir beginnen mit der Wirklichkeit und fragen, wie der Mensch sie wahrnimmt, ordnet und schließlich sprachlich ausdrückt. Erst auf diesem Weg gelangen wir zu den grammatischen Kategorien und Regeln. Diese Grundidee ist aus meiner langjährigen Erfahrung beim Lernen und Unterrichten entstanden und wurde später im Dialog mit ChatGPT systematisch geprüft, hinterfragt und weiterentwickelt.
Ob dieser Weg tatsächlich zu einem besseren Verständnis grammatischer Zusammenhänge führt, soll nicht durch eine Behauptung im Vorwort entschieden werden. Das Modell muss sich an seinen Erklärungen, an Beispielen und schließlich an seiner praktischen Anwendbarkeit messen lassen.
Dieses Buch ist deshalb auch eine Einladung zum kritischen Mitdenken.
Nicht jede Überlegung muss sich am Ende als richtig erweisen. Wo das Modell überzeugen kann, soll begründet werden, warum. Wo seine Grenzen liegen, sollen auch diese sichtbar werden.
Denn das Ziel ist nicht, möglichst viele neue Regeln aufzustellen. Das Ziel ist, die bereits vorhandenen Strukturen der Sprache aus einem anderen Blickwinkel verständlich zu machen.
Der Gedanke, von dem wir dabei ausgehen, lässt sich in einem Satz zusammenfassen:
Nicht die Grammatik erklärt die Wirklichkeit. Die Wirklichkeit erklärt die Grammatik.