Kapitel 2
Von der Wirklichkeit bis zur Sprache und zu grammatischen Regeln
Einleitung
Jede Sprache dient dazu, Wirklichkeit auszudrücken. Menschen sprechen über Dinge, Lebewesen, Eigenschaften, Handlungen, Zustände und Beziehungen. Daraus ergibt sich eine grundlegende Frage: Wie führt der Weg von der Wirklichkeit zur Sprache und schließlich zur Grammatik?
Grammatische Beschreibungen und der Grammatikunterricht beginnen häufig mit Wortarten, Kasus oder Satzgliedern. Unser Modell wählt einen anderen Ausgangspunkt. Es beginnt nicht mit der Sprache, sondern mit der Wirklichkeit.
Die Wirklichkeit ist nicht erst mit der Sprache entstanden. Der Mensch begegnet ihr durch Wahrnehmung und Handeln. Er unterscheidet Erscheinungen voneinander, erkennt Gemeinsamkeiten und Unterschiede und bildet auf dieser Grundlage Begriffe. Sprache ermöglicht es ihm, Wahrnehmungen, Erkenntnisse und Erfahrungen auszudrücken und anderen mitzuteilen.
Für die folgende Darstellung unterscheiden wir zwei eng miteinander verbundene Entwicklungslinien: die Entwicklung der menschlichen Erkenntnis und die Entwicklung der Sprache.
Die Entwicklung der menschlichen Erkenntnis
Der Mensch tritt über seine Sinne mit der Wirklichkeit in Beziehung. Er sieht, hört, fühlt, riecht und schmeckt. Dadurch nimmt er Erscheinungen seiner Umwelt wahr.
Neue Wahrnehmungen werden mit früheren Wahrnehmungen und Erfahrungen verglichen. Dabei erkennt der Mensch Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Er kann unterscheiden, was gleich oder ähnlich ist und wodurch sich Erscheinungen voneinander unterscheiden.
In diesem Zusammenspiel von Wahrnehmung, Vergleich und Erfahrung gewinnt der Mensch Erkenntnisse. Er erfasst nicht nur einzelne Erscheinungen, sondern erkennt zunehmend auch Zusammenhänge und gemeinsame Merkmale.
Eine weitere entscheidende Fähigkeit ist die Abstraktion. Sie ermöglicht es, von einzelnen konkreten Erscheinungen abzusehen und das ihnen Gemeinsame gedanklich zu erfassen. Aus vielen einzelnen Wahrnehmungen kann so ein allgemeiner Begriff entstehen. Der Begriff „Tier“ beispielsweise bezeichnet nicht nur ein bestimmtes Tier, sondern kann sehr unterschiedliche Lebewesen aufgrund gemeinsamer Merkmale gedanklich zusammenfassen.
Mit zunehmender Abstraktionsfähigkeit kann der Mensch nicht nur konkrete Dinge und Lebewesen, sondern auch Handlungen, Eigenschaften und Zustände als eigenständige Gegenstände des Denkens erfassen. So kann er nicht nur wahrnehmen, dass jemand geht, sondern über das Gehen selbst nachdenken, und nicht nur etwas als schön wahrnehmen, sondern Schönheit als Begriff erfassen.
Für unser Modell lässt sich dieser Erkenntnisweg vereinfacht so darstellen:
Wirklichkeit → Wahrnehmung → Vergleich → Erkenntnis → Abstraktion → Begriff
Sobald ein Begriff gebildet ist, stellt sich für die Kommunikation die Frage nach seiner sprachlichen Benennung. Damit beginnt der nächste Schritt auf dem Weg von der Erkenntnis zur Sprache.
Die Entwicklung der Sprache
Der Mensch lebt nicht isoliert, sondern in Gemeinschaft. Um Wahrnehmungen, Erfahrungen und Erkenntnisse mit anderen zu teilen, müssen begrifflich erfasste Inhalte sprachlich ausdrückbar werden.
Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Benennung. Ein erkannter Begriff wird mit einer sprachlichen Bezeichnung verbunden und dadurch sprachlich mitteilbar.
Benennung ist dabei zunächst in einem allgemeinen Sinn zu verstehen. Der Mensch kann nicht nur Dinge und Lebewesen benennen, sondern auch Handlungen, Eigenschaften, Zustände und Beziehungen sprachlich bezeichnen. Ein Begriff wird dadurch mit einem sprachlichen Ausdruck verbunden und kann zum Gegenstand der Kommunikation werden.
So ermöglicht Sprache dem Menschen, nicht nur auf unmittelbar Wahrgenommenes zu reagieren, sondern auch über begrifflich Erfasstes zu sprechen. Das Wahrgenommene und Erkannte wird durch seine sprachliche Benennung mitteilbar.
Für unser Modell lässt sich dieser Übergang zunächst vereinfacht so darstellen:
Begriff → Benennung
Warum entstehen grammatische Regeln?
Die Benennung ermöglicht es, begrifflich Erfasstes sprachlich mitteilbar zu machen. Für eine umfassende Verständigung genügt es jedoch nicht, einzelne Begriffe lediglich zu benennen. Menschen möchten nicht nur mitteilen, wovon sie sprechen, sondern auch ausdrücken, was geschieht, welche Eigenschaften etwas besitzt, in welchem Zustand sich etwas befindet und wie verschiedene Einheiten miteinander in Beziehung stehen.
Sobald mehrere sprachliche Ausdrücke miteinander verbunden werden, müssen auch ihre Beziehungen zueinander erkennbar werden. Es macht einen Unterschied, wer handelt, worauf sich eine Handlung richtet, wem etwas gehört, wo oder wann etwas geschieht oder welche Eigenschaft einer bestimmten Einheit zugeschrieben wird.
Sprachen verfügen über unterschiedliche Mittel, um solche Zusammenhänge auszudrücken. Dazu gehören beispielsweise Wortformen, Wortstellungen, Funktionswörter und andere sprachliche Strukturen. Welche Mittel verwendet werden und wie sie zusammenwirken, unterscheidet sich von Sprache zu Sprache.
Grammatische Regeln beschreiben Formen, Verwendung und Zusammenwirken solcher sprachlichen Mittel sowie die Beziehungen, die durch sie ausgedrückt werden. Grammatik ist deshalb in unserem Modell kein von der Wirklichkeit losgelöstes Regelsystem. Sie steht im Zusammenhang mit dem menschlichen Bedürfnis, Wahrgenommenes und Erkanntes sprachlich differenziert und möglichst verständlich mitzuteilen.
Dabei müssen die Kategorien der Wirklichkeit und die Kategorien der Grammatik klar voneinander unterschieden werden. Gegenstand, Handlung, Zustand, Eigenschaft, Ort, Zeit und Beziehung bezeichnen Aspekte dessen, was wir wahrnehmen oder gedanklich erfassen können. Nomen, Verb, Adjektiv, Adverb, Präposition oder Kasus dagegen sind grammatische Kategorien und Mittel, mit denen Sprache solche Inhalte und Beziehungen auf unterschiedliche Weise ausdrücken kann.
Für unser Modell lässt sich der Zusammenhang daher vereinfacht so darstellen:
Wirklichkeit → Wahrnehmung und Erkenntnis → Begriff → Benennung → sprachlicher Ausdruck und Beziehungen → grammatische Strukturen
Grammatik ist die Ordnung sprachlich ausgedrückter Erkenntnis.
Logisch begründetes Entwicklungsmodell
Die bisher dargestellte Abfolge ist nicht als historisch vollständig nachgewiesene Rekonstruktion der Entstehung menschlicher Sprache zu verstehen. Über die frühesten Entwicklungsstufen von Erkenntnis und Sprache liegen keine direkten Zeugnisse vor, aus denen sich eine solche Entwicklung lückenlos ableiten ließe.
Das hier vorgestellte Modell verfolgt daher einen anderen Zweck. Es versucht, einen logisch nachvollziehbaren Zusammenhang zwischen Wirklichkeit, menschlicher Erkenntnis und sprachlichem Ausdruck herzustellen.
Sein Ausgangspunkt ist die Annahme, dass der Mensch einer Wirklichkeit begegnet, diese wahrnimmt, Unterschiede und Gemeinsamkeiten erkennt und auf dieser Grundlage Begriffe bildet. Durch sprachliche Benennung können solche Begriffe sprachlich mitteilbar werden. Sobald nicht nur einzelne Begriffe benannt, sondern auch Eigenschaften, Handlungen, Zustände und Beziehungen sprachlich ausgedrückt werden sollen, werden differenziertere sprachliche Strukturen erforderlich.
Die einzelnen Schritte dieses Modells sind dabei nicht als streng voneinander getrennte oder ausschließlich nacheinander ablaufende Entwicklungsstufen zu verstehen. Wahrnehmung, Vergleich, Erkenntnis, Abstraktion, Begriffsbildung und sprachliche Entwicklung können sich gegenseitig beeinflussen und miteinander weiterentwickeln.
Auch Beobachtungen aus der individuellen menschlichen Entwicklung können einzelne Grundgedanken dieses Modells veranschaulichen. Kinder setzen sich zunächst mit ihrer konkreten Umwelt auseinander und erwerben im Verlauf ihrer Entwicklung zunehmend die Fähigkeit, komplexere und abstraktere Zusammenhänge sprachlich auszudrücken. Solche Beobachtungen können jedoch nicht unmittelbar als Beweis für die historische Entstehung der menschlichen Sprache herangezogen werden.
Dieser Erklärungsansatz versteht sich deshalb als Arbeitshypothese. Seine Stärke soll nicht darin liegen, eine nicht mehr rekonstruierbare Frühgeschichte der Sprache zu behaupten, sondern darin, grammatische Strukturen aus einem nachvollziehbaren Zusammenhang zwischen Wirklichkeit, Erkenntnis und sprachlichem Ausdruck zu untersuchen.
Er bleibt damit offen für wissenschaftliche Prüfung, Ergänzung und Korrektur.
Ausblick
Der bisher beschriebene Weg führt von der Wirklichkeit über Wahrnehmung, Erkenntnis und Begriffsbildung zur sprachlichen Benennung. Damit ist jedoch noch nicht erklärt, wie das Erkannte sprachlich und grammatisch organisiert wird.
Benennung ist zunächst in einem allgemeinen Sinn zu verstehen. Nicht nur Dinge und Lebewesen können sprachlich bezeichnet werden, sondern auch Handlungen, Eigenschaften, Zustände und Beziehungen. Die sprachliche Benennung allein entscheidet daher noch nicht darüber, welcher grammatischen Kategorie ein Ausdruck angehört.
Für die weitere Untersuchung benötigt unser Modell deshalb einen Ausgangspunkt. Es beginnt bei Dingen und anderen als eigenständig erkannten Einheiten. Sie stehen im Zentrum vieler Zusammenhänge und Beziehungen, die wir in der Wirklichkeit wahrnehmen oder gedanklich erfassen: Einheiten können Eigenschaften besitzen, sich in bestimmten Zuständen befinden, sich in Raum und Zeit bewegen und an Handlungen oder Veränderungen beteiligt sein.
Dabei können auch mehrere Einheiten miteinander in Beziehung treten. Eine Handlung kann von einer Einheit ausgehen und eine andere unmittelbar oder mittelbar betreffen. Einheiten können außerdem in Beziehungen der Zugehörigkeit oder Zuordnung zueinander stehen. Solche Beziehungen werden später für die Untersuchung grammatischer Strukturen – unter anderem von Kasusbeziehungen – von besonderer Bedeutung sein.
Der Ausgangspunkt bei Einheiten ist jedoch nicht auf materielle Dinge beschränkt. Durch Abstraktion kann der Mensch auch Handlungen, Eigenschaften, Zustände und andere Zusammenhänge als eigenständige gedankliche Einheiten erfassen. Gerade diese Möglichkeit wird später wichtig, wenn wir untersuchen, wie unterschiedliche Inhalte sprachlich als Nomen erscheinen können. Das folgende Kapitel beginnt deshalb mit dem Nomen. Es untersucht zunächst, wie Dinge und andere Einheiten als eigenständig erfassbar werden, wie sie sprachlich benannt werden und welche ihrer Unterschiede und Beziehungen für die grammatische Struktur relevant werden können.
Autor: Khyal Aryubi
Version: 1.0
Veröffentlicht: 25.08.2026
Lizenz: CC BY-NC 4.0
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