Kapitel 18

Alphabetisierung

Kapitel 18 – Alphabetisierung

Sprache, Schrift und Alphabetisierung

Die Entwicklung der menschlichen Sprache und Schrift lässt sich heute nur noch teilweise rekonstruieren. Wie die ersten Menschen ihre Gedanken genau sprachlich ausdrückten, ob sie zunächst einzelne Wörter, kurze Äußerungen oder bereits einfache Sätze verwendeten, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Ebenso ist nicht eindeutig bekannt, wann und auf welchem Weg sich aus der mündlichen Kommunikation die ersten Schriftsysteme entwickelten. Darüber können nur wissenschaftlich begründete Hypothesen aufgestellt werden.

Sprache und Schrift erfüllen jedoch ein grundlegendes menschliches Kommunikationsbedürfnis: Menschen nehmen die Wirklichkeit wahr, gewinnen Erkenntnisse und haben das Bedürfnis, diese anderen Menschen mitzuteilen. Während Sprache zunächst vor allem der unmittelbaren Verständigung diente, eröffnete die Schrift eine neue Dimension der Kommunikation. Sie machte es möglich, Erfahrungen, Wissen und Erkenntnisse dauerhaft festzuhalten und über räumliche und zeitliche Grenzen hinweg weiterzugeben.

Bevor Schrift zur Verfügung stand, konnten Erfahrungen und Erkenntnisse vor allem durch unmittelbare Kommunikation und mündliche Überlieferung weitergegeben werden. Mit der Entstehung der Schrift konnten Erfahrungen und Erkenntnisse in größerem Umfang dauerhaft festgehalten und unabhängig von der unmittelbaren mündlichen Weitergabe überliefert werden. Neue Generationen konnten dadurch leichter auf bereits vorhandenem Wissen aufbauen, es erweitern und an kommende Generationen weitergeben. Dadurch beschleunigte sich die Entwicklung von Wissenschaft, Technik und Kultur erheblich.

Sprache ist deshalb weit mehr als ein Mittel der Verständigung. Sie ist ein Mittel der Erkenntnis und der Kommunikation. Die Schrift erweitert diese Funktion, indem sie Erkenntnisse bewahrt und für andere Menschen und spätere Generationen zugänglich macht. Ohne die schriftliche Überlieferung von Wissen wären die heutigen Wissenschaften in ihrer heutigen Form kaum denkbar.

Der Zugang zu diesem schriftlich überlieferten Wissen setzt jedoch voraus, dass Menschen lesen und schreiben können. Die Alphabetisierung bildet deshalb das Tor zur schriftlichen Kommunikation, zur Bildung und zum Erwerb wissenschaftlicher Erkenntnisse. Wer sicher lesen und schreiben kann, erhält Zugang zu den Erfahrungen, Entdeckungen und Gedanken unzähliger Generationen und kann selbst zu ihrer Weiterentwicklung beitragen.

Viele Sprachen verwenden Buchstaben als Grundlage ihres Schriftsystems. Gemeinsam ist ihnen, dass sie mit einer begrenzten Anzahl von Schriftzeichen Wörter, Sätze und Texte bilden. Dennoch unterscheiden sich die Schriftsysteme der Welt erheblich. Neben dem lateinischen Alphabet existieren unter anderem das griechische, kyrillische und arabische Schriftsystem. Auch innerhalb derselben Schriftfamilie unterscheiden sich die Zuordnung von Lauten und Buchstaben sowie die Regeln der Schreibung.

So weist das Arabische beispielsweise ein Konsonantenschriftsystem auf, in dem kurze Vokale im gewöhnlichen Schriftgebrauch häufig nicht mitgeschrieben werden. Das Deutsche besitzt im Vergleich zu vielen anderen Sprachen eine relativ enge Beziehung zwischen Schrift und Aussprache, auch wenn es Ausnahmen gibt. Im Englischen dagegen weichen Schreibung und Aussprache häufig deutlich voneinander ab. Dies bringt der bekannte scherzhafte Ausspruch zum Ausdruck:

„Das Englische ist eine höchst merkwürdige Sprache: Man schreibt Bonn und liest Konstantinopel.“

Der Ausspruch ist natürlich humorvoll übertrieben. Er macht jedoch anschaulich, dass sich die Beziehung zwischen Schrift und Aussprache von Sprache zu Sprache erheblich unterscheiden kann.

Das vorliegende Grammatikmodell endet daher nicht mit einzelnen grammatischen Regeln. Es versteht Sprache als ein zusammenhängendes System, das dem Menschen ermöglicht, die Wirklichkeit wahrzunehmen und zu erkennen, sie sprachlich zu beschreiben und Erkenntnisse weiterzugeben. Sprache, Schrift, Lesen und Schreiben bilden gemeinsam eine wichtige Grundlage dafür, dass Wissen über Generationen hinweg bewahrt, erweitert und weitergegeben werden kann.

Von den Buchstaben zu den Wörtern

Beim Lesen und Schreiben begegnen uns verschiedene sprachliche Einheiten. Für unsere Methode sind vor allem Laute, Buchstaben, Silben und Wörter wichtig.

  • Laut: Ein Laut ist eine kleine hörbare Einheit der gesprochenen Sprache, zum Beispiel das gesprochene m, a oder sch. Laute werden gesprochen und mit dem Gehör wahrgenommen.
  • Buchstabe: Ein Buchstabe ist ein Schriftzeichen, mit dem Laute der gesprochenen Sprache schriftlich dargestellt werden können, zum Beispiel a, b oder m. Dabei entspricht einem Laut nicht immer genau ein Buchstabe. Der Laut sch wird beispielsweise im Deutschen durch die drei Buchstaben s, c und h dargestellt.
  • Silbe: Eine Silbe ist ein sprechbarer Baustein eines Wortes. Sie besitzt einen Silbenkern, um den sich weitere Laute gruppieren können. In einfachen deutschen Wörtern wird dieser Kern gewöhnlich durch einen Vokal beziehungsweise eine entsprechende Vokalschreibung erkennbar. So besteht das Wort Lampe aus den beiden Silben Lam-pe.
  • Wort: Ein Wort ist eine selbstständige sprachliche Einheit, die aus einer oder mehreren Silben bestehen kann. Wörter können beispielsweise Gegenstände, Eigenschaften, Handlungen, Vorgänge oder Beziehungen ausdrücken und unterschiedliche grammatische Funktionen übernehmen.

Wir wollen diese Begriffe hier nicht in allen sprachwissenschaftlichen Einzelheiten untersuchen. Für unsere Methode ist vor allem die Silbe wichtig, weil sie eine Verbindung zwischen der gesprochenen und der geschriebenen Form eines Wortes herstellt.

Beim Sprechen können Wörter in Silben gegliedert werden. Beim Lesen hilft die Silbenstruktur dabei, die Buchstaben beziehungsweise Buchstabenverbindungen schrittweise in gesprochene Sprache umzusetzen. Beim Schreiben kann sie dabei helfen, die Lautstruktur eines Wortes zu erkennen und dafür die entsprechenden Buchstaben und Buchstabenverbindungen zu finden.

Wir gehen deshalb im Folgenden schrittweise vor:

Buchstaben und Laute → Silben → Wörter

Zunächst betrachten wir die Buchstaben und die Laute, die mit ihnen dargestellt werden können. Anschließend untersuchen wir, wie sich Laute zu Silben verbinden und wie die Silbenstruktur beim Lesen und Schreiben von Wörtern genutzt werden kann.

Buchstaben und ihre lautlichen Funktionen

Ein Buchstabe ist ein Schriftzeichen. In alphabetischen Schriftsystemen dienen Buchstaben dazu, Laute und Lautverbindungen der gesprochenen Sprache schriftlich darzustellen.

Dabei besteht jedoch nicht immer eine eindeutige Beziehung zwischen einem einzelnen Buchstaben und einem einzelnen Laut. Ein Laut kann durch einen einzelnen Buchstaben dargestellt werden:

m, f, a

Er kann aber auch durch eine Verbindung mehrerer Buchstaben dargestellt werden:

sch, ch, ng

Umgekehrt können einzelne Buchstaben je nach ihrer Stellung im Wort unterschiedliche lautliche Funktionen übernehmen.

Für das Lesen und Schreiben ist es deshalb wichtig, nicht nur die einzelnen Buchstaben zu kennen, sondern auch zu erkennen, welche lautliche Funktion ein Buchstabe oder eine Buchstabenverbindung im jeweiligen Wort übernimmt.

Das deutsche Alphabet

Die Buchstaben einer Sprache bilden zusammen ihr Alphabet. Das deutsche Alphabet beruht auf den 26 Grundbuchstaben des lateinischen Alphabets:

a, b, c, d, e, f, g, h, i, j, k, l, m, n, o, p, q, r, s, t, u, v, w, x, y, z

Hinzu kommen im Deutschen die Umlautbuchstaben

ä, ö, ü

sowie das

ß (Eszett).

Beim Lesen werden jedoch nicht immer nur einzelne Buchstaben ausgewertet. Häufig bilden mehrere Buchstaben gemeinsam eine Einheit, die für einen bestimmten Laut oder eine bestimmte Lautverbindung steht.

Wir unterscheiden deshalb für unsere Methode zunächst:

Einzelbuchstaben:
a, b, d, e, f, m, o, s …

Buchstabenverbindungen:
ei, au, eu, ie, sch, ch, ng, tsch …

Diese Unterscheidung betrifft zunächst die geschriebene Form. Für das Lesen müssen wir zusätzlich betrachten, welche Laute mit diesen Buchstaben und Buchstabenverbindungen verbunden sind.

Vokale und Konsonanten

In der gesprochenen Sprache unterscheiden wir grundsätzlich zwischen Vokalen (Selbstlauten) und Konsonanten (Mitlauten).

Diese Unterscheidung betrifft zunächst die Laute. Da wir uns hier jedoch mit dem Lesen und Schreiben beschäftigen, betrachten wir zugleich die Buchstaben und Buchstabenverbindungen, mit denen diese Laute geschrieben werden.

Vokale (Selbstlaute)

Vokale können ohne einen Verschluss oder eine starke Verengung des Luftstroms im Mundraum gesprochen werden. Sie bilden im Deutschen den Kern einer Silbe und sind deshalb für das Lesen und Schreiben besonders wichtig.

Die grundlegenden Vokalbuchstaben des Deutschen sind:

a, e, i, o, u

Hinzu kommen die Umlautbuchstaben:

ä, ö, ü

Ein Vokal kann durch einen einzelnen Buchstaben geschrieben werden:

Tal, Weg, mit, rot, gut

Es gibt außerdem Buchstabenverbindungen, die beim Lesen gemeinsam ausgewertet werden. Dazu gehören beispielsweise:

ei in mein

au in Haus

eu in heute

äu in Häuser

ie in Liebe

Dabei stellen diese Buchstabenverbindungen nicht alle dieselbe Art von Laut dar. Für unsere Methode ist zunächst entscheidend, dass der Leser erkennt, dass die beteiligten Buchstaben gemeinsam gelesen werden müssen.

Konsonanten (Mitlaute)

Bei Konsonanten wird der Luftstrom beim Sprechen an einer Stelle des Sprechapparates gehemmt, verengt oder unterbrochen.

Viele Konsonantenlaute werden im Deutschen durch einzelne Buchstaben dargestellt:

b in Ball

f in Fisch

m in Mann

t in Tag

Andere werden durch Buchstabenverbindungen dargestellt:

sch in Schule

ch in Buch

ng in singen

tsch in Deutsch

Für das Lesen ist diese Unterscheidung besonders wichtig. Der Lernende darf beispielsweise sch in Schule nicht als drei voneinander unabhängige lautliche Einheiten behandeln. Die drei Buchstaben bilden hier eine Buchstabenverbindung, die gemeinsam gelesen wird.

Unterschiedliche Funktionen einzelner Buchstaben

Die Form eines Buchstabens allein bestimmt nicht immer, welche lautliche Funktion er in einem Wort übernimmt. Einige Buchstaben können je nach Wort und Stellung unterschiedlich verwendet werden.

Besonders deutlich lässt sich dies an y und h erkennen.

Das y

Das y kann eine vokalische Funktion übernehmen:

Typ, typisch, Gymnasium

In diesen Wörtern steht y für einen Vokal und gehört zum Silbenkern.

Das y kann aber auch eine konsonantische Funktion übernehmen:

Yoga, Yacht, York

Hier steht es am Anfang einer Silbe und wird konsonantisch gesprochen.

Dasselbe Schriftzeichen kann somit je nach Wort unterschiedliche lautliche Funktionen übernehmen.

Das h

Auch das h kann unterschiedliche Funktionen besitzen.

Am Anfang einer Silbe kann es für einen gesprochenen Konsonanten stehen:

Haus, haben, hören

In diesen Fällen besitzt h eine konsonantische Funktion.

In anderen Wörtern wird das h dagegen nicht als eigener Laut gesprochen:

Zahl, Bahn, wohnen

Hier handelt es sich um ein Dehnungs-h. Es gehört zur geschriebenen Form des Wortes und trägt dazu bei, die Länge des vorausgehenden Vokals zu kennzeichnen.

Dieser Unterschied lässt sich besonders gut beim Vergleich verschiedener Wörter erkennen:

Haus → das h wird gesprochen.

Zahl → das h wird nicht als eigener Laut gesprochen.

Die Funktion eines Buchstabens kann also nicht immer allein aus seiner Form erschlossen werden. Seine Stellung und die anderen Buchstaben des Wortes müssen ebenfalls berücksichtigt werden.

Sonderfall: w in bestimmten Eigennamen

Das w steht im Deutschen gewöhnlich für einen Konsonantenlaut:

Wasser, Weg, Werkstatt

In einigen Eigennamen, besonders in bestimmten Namen auf -ow, wird das geschriebene w jedoch nicht als eigener Laut gesprochen:

Pankow, Gatow, Stresow

Solche Schreibweisen sind historisch entstanden und gehören nicht zu den allgemeinen Regeln der deutschen Laut-Buchstaben-Zuordnung. Für das Lesen müssen sie deshalb als besondere Schreibweisen berücksichtigt werden.

Vom Buchstaben zur Silbe

Die bisherigen Beispiele zeigen ein wichtiges Grundprinzip des Lesens und Schreibens:

Geschriebene Buchstaben müssen nicht einzeln, sondern in ihrem Zusammenhang betrachtet werden.

Einzelne Buchstaben können unterschiedliche lautliche Funktionen besitzen, und mehrere Buchstaben können gemeinsam eine lautliche Einheit darstellen.

Beim Lesen müssen wir deshalb erkennen,

welche Buchstaben zusammengehören, welche Laute sie darstellen und wie diese Laute zu größeren sprechbaren Einheiten verbunden werden.

Damit gelangen wir zur nächsten für unsere Methode entscheidenden Einheit:

der Silbe.

Die Silben

Eine Silbe ist eine sprechbare lautliche Einheit eines Wortes. Beim langsamen oder rhythmischen Sprechen können die einzelnen Silben eines Wortes besonders deutlich wahrgenommen werden.

Beispiele:

La-me
Dra-ma
Schu-le
Ar-bei-ten

Silben gehören zunächst zur lautlichen Struktur eines Wortes. Beim Lesen und Schreiben helfen sie jedoch dabei, die Verbindung zwischen der gesprochenen und der geschriebenen Form eines Wortes zu erkennen. Sie bilden deshalb für unsere Methode eine wichtige Brücke zwischen Lauten und Buchstaben auf der einen Seite und dem Wort auf der anderen Seite.

Für das Lesen- und Schreibenlernen ist das Erkennen von Silben daher von grundlegender Bedeutung.

Der Vokal als Kern der Silbe

Jede Silbe besitzt einen Silbenkern. Für unsere grundlegende Lesemethode betrachten wir zunächst Silben mit einem vokalischen Kern. Dieser Kern kann in der Schrift durch einen einzelnen Vokalbuchstaben oder durch eine Buchstabenverbindung dargestellt werden.

Ein Vokal kann dabei allein den Kern einer Silbe bilden:

E-del

Das erste E bildet den Kern der ersten Silbe E. Das zweite e bildet den Kern der zweiten Silbe del.

Auch eine Vokalbuchstabenverbindung kann zu einem Silbenkern gehören:

zwei-te

In der ersten Silbe zwei bilden die Buchstaben ei gemeinsam die Schreibung des vokalischen Silbenkerns.

Vor oder nach dem Silbenkern können ein oder mehrere Konsonanten stehen:

Dra-ma

In der ersten Silbe Dra stehen die Konsonanten Dr vor dem Silbenkern a.

Burg

Hier stehen rg nach dem Silbenkern u.

Damit ergibt sich als einfaches Grundmodell:

Konsonant(en) + Silbenkern + Konsonant(en)

Dabei müssen nicht alle drei Bestandteile vorhanden sein. Ein Silbenkern kann auch ohne vorausgehenden oder nachfolgenden Konsonanten eine Silbe bilden.

Anzahl der Silben

Die Anzahl der Silben eines Wortes lässt sich grundsätzlich an der Anzahl seiner Silbenkerne erkennen.

Dabei ist jedoch nicht einfach die Anzahl der geschriebenen Vokalbuchstaben entscheidend. Mehrere Vokalbuchstaben können gemeinsam einen Silbenkern darstellen, während unmittelbar aufeinanderfolgende Vokalbuchstaben in anderen Wörtern zu verschiedenen Silben gehören können.

Vergleichen wir:

zwei-te

Die Buchstabenverbindung ei gehört zu einem Silbenkern. Das Wort besitzt zwei Silben:

zwei-te

Anders ist es beispielsweise bei:

Kommunikation

Das Wort wird in sechs Silben gegliedert:

Kom-mu-ni-ka-ti-on

Die unmittelbar aufeinanderfolgenden Vokalbuchstaben i und o am Ende gehören hier nicht einfach zu einem einzigen Silbenkern.

Silbenbildung

Für das Lesen- und Schreibenlernen ist es hilfreich, Wörter nicht nur als Folgen einzelner Buchstaben, sondern auch in ihrer Silbenstruktur zu erkennen. Dabei bilden die Silbenkerne die Ausgangspunkte für die Gliederung.

Für unsere grundlegende Methode gehen wir schrittweise vor.

1. Schritt: Silbenkerne erkennen

Zunächst werden die Vokale beziehungsweise die vokalischen Silbenkerne des Wortes bestimmt.

Beispiel:

kommunikativ

Die Silbenkerne sind:

o – u – i – a – i

Damit erkennen wir zunächst fünf mögliche Silbenkerne.

2. Schritt: Vom letzten Silbenkern aus rückwärts gliedern

Anschließend betrachten wir die Silbenkerne vom Ende des Wortes aus.

Bei kommunikativ ist der letzte Silbenkern i. Der unmittelbar vorausgehende Konsonant t bildet mit ihm den Anfang der letzten Silbe. Da nach dem i nur noch der Konsonant v folgt und kein weiterer Silbenkern vorhanden ist, gehört auch v zur letzten Silbe:

…-tiv

Danach gehen wir zum vorausgehenden Silbenkern a. Der unmittelbar vorausgehende Konsonant k gehört zum Beginn dieser Silbe:

…-ka-tiv

Der vorausgehende Silbenkern i verbindet sich entsprechend mit dem unmittelbar vorausgehenden n:

…-ni-ka-tiv

Der Silbenkern u erhält das unmittelbar vorausgehende zweite m:

…-mu-ni-ka-tiv

Das erste m verbleibt bei der ersten Silbe mit dem Silbenkern o.

So erhalten wir:

Kom-mu-ni-ka-tiv

Dieses Verfahren zeigt ein wichtiges Grundmuster: Steht zwischen zwei Silbenkernen nur ein einzelner Konsonant, gehört dieser im einfachen Fall zum Beginn der folgenden Silbe.

Beispiele:

sa-gen
le-ben
Ro-se

Mehrere Konsonanten zwischen zwei Silbenkernen

Stehen zwischen zwei Silbenkernen mehrere Konsonanten, reicht die Grundregel allein nicht immer aus. Dann muss berücksichtigt werden, welche Konsonanten beim Sprechen zusammengehören und welche Konsonantenverbindungen in der Schrift gemeinsam ausgewertet werden.

Beispiele:

Lam-pe
Fens-ter
Kat-ze

Auch Buchstabenverbindungen wie sch, ch oder ng müssen als zusammengehörige Schreibungen erkannt werden:

wa-schen
la-chen
sin-gen

Die Silbengliederung kann deshalb nicht in jedem Wort allein durch das mechanische Verteilen einzelner Buchstaben bestimmt werden. Silbenkerne bilden den Ausgangspunkt; die lautliche Struktur des Wortes entscheidet über die weitere Gliederung.

Das hier beschriebene Verfahren ist deshalb als grundlegende Orientierung für das Lesen und Schreiben zu verstehen. Es macht regelmäßige Strukturen vieler deutscher Wörter sichtbar, soll aber nicht jede mögliche Silbengliederung allein aus der Buchstabenfolge mechanisch bestimmen. Bei besonderen Schreibungen, komplexen Konsonantenverbindungen, zusammengesetzten Wörtern und Fremdwörtern müssen weitere Strukturen des Wortes berücksichtigt werden.

Veränderung der Silbenstruktur

Besonders anschaulich wird die Silbenbildung, wenn sich ein Wort durch zusätzliche Endungen verändert.

Betrachten wir die Formen des Verbs sagen:

sag
sa-ge
sa-gen
sa-gend
sa-gen-de

Bei sag gibt es nur einen Silbenkern. Das Wort ist daher einsilbig.

Bei sage kommt mit dem e ein zweiter Silbenkern hinzu. Der Konsonant g bildet den Anfang der zweiten Silbe:

sa-ge

Bei sagen folgt nach dem zweiten Silbenkern noch n. Da danach kein weiterer Silbenkern folgt, gehört auch dieser Konsonant zur letzten Silbe:

sa-gen

Entsprechend wird sagend gegliedert:

sa-gend

Kommt mit der Endung -e ein weiterer Silbenkern hinzu, verändert sich die Gliederung erneut:

sa-gen-de

Dieses Beispiel zeigt, dass die Silbenstruktur eines Wortes mit seiner lautlichen und grammatischen Erweiterung verändert werden kann.

Hinweise zur Silbenbildung

In der Schule wird das Erkennen von Silben häufig durch rhythmisches Sprechen oder Klatschen unterstützt. Diese Methode kann hilfreich sein, um Silben hörbar und ihre Anzahl wahrnehmbar zu machen.

Für das Lesen und Schreiben benötigen Lernende jedoch zusätzlich eine Möglichkeit, die Struktur der Silben in der geschriebenen Form zu erkennen.

Unsere Methode geht deshalb von den Silbenkernen aus. Sie verbindet drei Schritte miteinander:

Silbenkerne erkennen → lautliche Zusammengehörigkeit der Konsonanten beachten → Wort in Silben gliedern

Dabei muss zwischen Silbengliederung und orthografischer Worttrennung unterschieden werden. Die Silbengliederung beschreibt zunächst die Struktur eines gesprochenen Wortes und ihre Beziehung zur geschriebenen Form. Die Regeln für die Worttrennung am Zeilenende gehören dagegen zur Rechtschreibung und können in einzelnen Fällen zusätzlichen Konventionen folgen.

Die hier beschriebene Methode soll daher vor allem dabei helfen, die innere Struktur von Wörtern beim Lesen, Sprechen und Schreiben leichter zu erkennen.

Zusammengesetzte Wörter (Komposita)

Viele deutsche Wörter sind aus mehreren Bestandteilen zusammengesetzt. Solche Wörter werden zusammengesetzte Wörter oder Komposita genannt.

Bei einem Kompositum sollte zunächst erkannt werden, aus welchen Wortbestandteilen es besteht. Erst danach werden die einzelnen Bestandteile hinsichtlich ihrer Silbenstruktur betrachtet.

Beispiel:

Web + Applikation → Webapplikation

Zunächst erkennen wir die beiden Bestandteile:

Web + Applikation

Die Grenze zwischen diesen Bestandteilen bleibt für unsere Analyse erhalten. Erst anschließend wird untersucht, wie die einzelnen Bestandteile in Silben gegliedert werden.

Für unsere Methode ergibt sich daher folgende Reihenfolge:

Kompositum erkennen → Wortbestandteile bestimmen → Silbenstruktur der Bestandteile untersuchen

Dieses Vorgehen verhindert, dass Buchstaben, die zu unterschiedlichen Wortbestandteilen gehören, beim mechanischen Anwenden der Silbenmethode fälschlicherweise als zusammengehörige Einheit behandelt werden.

Die Wortstruktur hat bei Komposita deshalb Vorrang vor einer rein mechanischen Silbengliederung.

Fremdwörter

Zum deutschen Wortschatz gehören zahlreiche Wörter, die aus anderen Sprachen übernommen wurden. Solche Fremdwörter können Schreibungen und Laut-Buchstaben-Beziehungen enthalten, die von den bisher betrachteten Grundmustern abweichen.

Bei manchen Fremdwörtern lässt sich die Aussprache deshalb nicht zuverlässig allein aus den allgemeinen Laut-Buchstaben-Beziehungen des Deutschen erschließen.

Ein Beispiel ist:

Champagner

Die geschriebene Form enthält Buchstabenverbindungen, deren Aussprache nicht einfach nach den grundlegenden deutschen Leseregeln bestimmt werden kann. Wer das Wort noch nicht kennt, kann daher allein anhand seiner Schreibung zu einer anderen Aussprache gelangen.

Solche Fälle zeigen die Grenzen eines rein regelgeleiteten Vorgehens. Eine Methode zur Alphabetisierung muss deshalb zwischen regelmäßigen Grundmustern und besonderen Schreibungen unterscheiden.

Für das Lesenlernen ist es sinnvoll, zunächst die häufigen und regelmäßigen Laut-Buchstaben-Beziehungen des Deutschen sicher zu beherrschen. Fremdwörter mit abweichenden Schreibungen und Aussprachen können anschließend als besondere Fälle gelernt und in das bereits vorhandene System eingeordnet werden.

Rückblick

Sprache ermöglicht es Menschen, ihre Wahrnehmungen, Erfahrungen und Erkenntnisse miteinander zu teilen. Die Schrift macht sprachliche Äußerungen sichtbar und dauerhaft verfügbar und eröffnet damit einen weiteren Zugang zu Wissen und Kommunikation.

Für das Lesen und Schreiben ist es wichtig, die Beziehungen zwischen Lauten, Buchstaben, Silben und Wörtern zu erkennen. Buchstaben und Buchstabenverbindungen können Laute und Lautfolgen schriftlich darstellen, Silben machen die lautliche Struktur von Wörtern erfassbar, und Wörter verbinden diese Strukturen mit Bedeutung und grammatischer Funktion. Die in diesem Kapitel entwickelte Methode soll Lernenden helfen, deutsche Wörter nicht nur als Folgen einzelner Buchstaben wahrzunehmen, sondern ihre innere Struktur schrittweise zu erkennen. Damit wird die Alphabetisierung zu einem weiteren Teil unseres Grammatikmodells: Sprache kann nicht nur verstanden und verwendet, sondern auch gelesen und geschrieben werden.

Autor: Khyal Aryubi

Version: 1.0

Veröffentlicht: 15.09.2026

Lizenz: CC BY-NC 4.0

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