Kapitel 16

Pragmatik (Sprachgebrauch)

Einleitung

Menschen nehmen die Wirklichkeit mit ihren Einheiten und Erscheinungen, Eigenschaften, Handlungen, Vorgängen, Zuständen und Beziehungen wahr und können ihre Erkenntnisse und Vorstellungen sprachlich ausdrücken. Bei einfachen Sachverhalten kann das Gemeinte häufig unmittelbar und direkt zum Ausdruck gebracht werden.

Kommunikation findet jedoch nicht losgelöst von einer konkreten Situation statt. Menschen begegnen unterschiedlichen und teilweise sehr komplexen Sachverhalten und Kommunikationssituationen. Sie sprechen mit unterschiedlichen Gesprächspartnern, verfügen über unterschiedliches Wissen und unterschiedliche Erfahrungen und verfolgen mit ihren Äußerungen verschiedene kommunikative Ziele.

Zu einer Kommunikationssituation gehören insbesondere Sprecher, Hörer, Kommunikationsgegenstand und die Situation, in der die Kommunikation stattfindet. Der Sprecher entscheidet unter anderem aufgrund seines Wissens, seiner Erfahrungen, seiner Beziehung zum Gesprächspartner und seiner kommunikativen Absicht, wie er etwas ausdrückt. Dabei können beispielsweise Höflichkeit, Rücksichtnahme, Überzeugung, Erklärung oder Aufforderung eine Rolle spielen.

Auch der Hörer nimmt eine Äußerung nicht unabhängig von der jeweiligen Situation auf. Er verbindet die sprachliche Bedeutung mit seinem Wissen, seinen Erfahrungen und den erkennbaren Umständen der Kommunikation und versucht auf dieser Grundlage zu erschließen, was der Sprecher mit seiner Äußerung meint.

Betrachten wir beispielsweise die Äußerung:

Es ist kalt hier.

Semantisch beschreibt der Satz zunächst einen Zustand. In einer konkreten Kommunikationssituation kann der Sprecher damit jedoch zugleich etwas anderes bezwecken. Bei geöffnetem Fenster kann die Äußerung beispielsweise als Hinweis oder als indirekte Aufforderung verstanden werden, das Fenster zu schließen.

Damit tritt neben dem grammatischen Aufbau und der sprachlichen Bedeutung eine weitere Ebene: der Gebrauch sprachlicher Äußerungen in konkreten Kommunikationssituationen.

Die bisherigen Kapitel dieses Grammatikmodells behandelten vor allem den grammatischen Aufbau der Sprache und zuletzt die Bedeutung sprachlicher Einheiten und Ausdrücke. Die Pragmatik erweitert diese Betrachtung um den konkreten Sprachgebrauch.

EbeneLeitfrageGegenstand
GrammatikWie ist eine Äußerung sprachlich aufgebaut?Form und Struktur sprachlicher Einheiten
SemantikWas bedeutet eine sprachliche Einheit oder Äußerung?Bedeutung und Bedeutungsbeziehungen
PragmatikWas meint und bewirkt eine Äußerung in einer konkreten Kommunikationssituation?Sprachgebrauch, Sprecherabsicht und situationsbezogene Interpretation

Die Pragmatik untersucht somit, wie sprachliche Äußerungen in konkreten Kommunikationssituationen verwendet und verstanden werden. Sie berücksichtigt unter anderem die Absicht des Sprechers, die Situation, das gemeinsame oder unterschiedliche Wissen der Beteiligten und die Schlussfolgerungen, die der Hörer aus dem Gesagten ziehen kann.

Grammatik, Semantik und Pragmatik bilden dabei keine voneinander isolierten Bereiche. Die grammatische Struktur stellt sprachliche Formen und Beziehungen bereit, die Semantik betrifft deren Bedeutung, und die Pragmatik untersucht, wie diese sprachlichen Mittel in einer konkreten Kommunikationssituation verwendet und interpretiert werden.

1. Kommunikationssituation und Kontext

Sprachliche Kommunikation findet immer in einer bestimmten Situation statt. Menschen sprechen über Einheiten, Erscheinungen, Sachverhalte, Gedanken oder Vorstellungen und beziehen ihre Äußerungen damit auf einen bestimmten Kommunikationsgegenstand.

Der Kommunikationsgegenstand und die Kommunikationssituation sind jedoch nicht dasselbe. Der Kommunikationsgegenstand ist das, worüber gesprochen wird. Die Kommunikationssituation umfasst dagegen die Umstände, unter denen die sprachliche Kommunikation stattfindet.

Zu diesen Umständen gehören insbesondere die beteiligten Personen und ihre Beziehungen zueinander, Ort und Zeit der Kommunikation sowie ihr Anlass und ihr Ziel. Auch die soziale Situation, die Stimmung und das Wissen der Beteiligten können beeinflussen, wie eine Äußerung formuliert und verstanden wird.

So kann derselbe Sachverhalt gegenüber unterschiedlichen Personen verschieden ausgedrückt werden. Ein Schüler kann beispielsweise gegenüber einem Freund sagen:

Gib mir mal den Stift.

Gegenüber einer Lehrerin könnte er denselben Wunsch anders formulieren:

Könnten Sie mir bitte den Stift geben?

Der Kommunikationsgegenstand ist vergleichbar, doch die Beziehung zwischen den Beteiligten und die jeweilige Situation beeinflussen die sprachliche Gestaltung der Äußerung.

Eng mit der Kommunikationssituation verbunden ist der Kontext. Unter Kontext verstehen wir den Zusammenhang, in dem eine Äußerung steht und aufgrund dessen sie verwendet und verstanden wird.

Zum Kontext können unterschiedliche Faktoren beitragen. Der sprachliche Kontext umfasst die vorausgehenden und folgenden Wörter, Sätze und Äußerungen. Zum situativen Kontext gehören beispielsweise Ort, Zeit, Anlass und die unmittelbar wahrnehmbare Situation. Auch soziale und kulturelle Zusammenhänge sowie das Wissen der Beteiligten können für das Verständnis einer Äußerung von Bedeutung sein.

In mündlicher Kommunikation können außerdem nichtsprachliche und sprecherische Signale das Verstehen beeinflussen. Mimik, Gestik und Körperhaltung können eine Äußerung begleiten; Tonfall, Lautstärke und Sprechtempo können Hinweise darauf geben, wie sie gemeint ist.

Damit lässt sich die pragmatische Kommunikationssituation zunächst folgendermaßen darstellen:

Sprecher → sprachliche Äußerung über einen Kommunikationsgegenstand → Hörer

Diese Kommunikation findet jedoch nicht isoliert statt, sondern innerhalb eines situativen, sprachlichen, sozialen und kulturellen Zusammenhangs.

Die Pragmatik berücksichtigt diese Faktoren, weil dieselbe sprachliche Äußerung in unterschiedlichen Kommunikationssituationen unterschiedlich verwendet, verstanden oder interpretiert werden kann.

2. Sprecherabsicht und Gemeintes

Wenn Menschen sprachlich kommunizieren, teilen sie nicht nur Wahrnehmungen, Erkenntnisse, Gedanken oder Vorstellungen mit. Mit ihren Äußerungen verfolgen sie häufig auch bestimmte kommunikative Absichten.

Ein Sprecher kann beispielsweise informieren, fragen, bitten, auffordern, warnen, versprechen, danken, sich entschuldigen oder jemanden von etwas überzeugen wollen. Welche Absicht er verfolgt, hängt vom Kommunikationsgegenstand, von der jeweiligen Situation und von seinem Verhältnis zum Gesprächspartner ab.

Der Hörer nimmt dabei zunächst die sprachliche Äußerung wahr und versucht, unter Berücksichtigung ihrer Bedeutung und der Kommunikationssituation zu erschließen, was der Sprecher mit ihr meint und erreichen möchte.

Damit müssen die sprachliche Form einer Äußerung und ihre kommunikative Funktion nicht immer unmittelbar übereinstimmen.

Betrachten wir die Äußerung:

Kannst du das Fenster schließen?

EbeneBetrachtung
GrammatikDie Äußerung hat die Form eines Fragesatzes.
SemantikDie Frage bezieht sich auf die Fähigkeit beziehungsweise Möglichkeit des Hörers, das Fenster zu schließen.
PragmatikIn einer entsprechenden Kommunikationssituation kann der Hörer die Äußerung als Bitte oder Aufforderung verstehen, das Fenster zu schließen.

Der Sprecher fragt in einer solchen Situation also gewöhnlich nicht deshalb nach der Fähigkeit des Hörers, weil er lediglich wissen möchte, ob dieser grundsätzlich ein Fenster schließen kann. Vielmehr verwendet er die Frageform, um auf höfliche Weise eine Handlung zu veranlassen.

Hier zeigt sich der Unterschied zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten. Das Gesagte ergibt sich aus den verwendeten sprachlichen Mitteln und ihrer Bedeutung. Das Gemeinte erschließt der Hörer zusätzlich aus der Kommunikationssituation und der erkennbaren Absicht des Sprechers.

Gesagtes → sprachlich ausgedrückter Inhalt

Gemeintes → das, was der Sprecher mit seiner Äußerung in der konkreten Kommunikationssituation vermitteln oder erreichen möchte

Grammatische Form, sprachliche Bedeutung und kommunikative Funktion können somit zusammenwirken, ohne vollständig miteinander übereinzustimmen. Die Pragmatik untersucht insbesondere, wie Sprecher sprachliche Äußerungen mit bestimmten Absichten verwenden und wie Hörer das Gemeinte aus der Äußerung und ihrem Kontext erschließen.

3. Sprechhandlungen

Wenn Menschen miteinander sprechen, übermitteln sie nicht nur sprachliche Inhalte. Mit ihren Äußerungen vollziehen sie zugleich kommunikative Handlungen. Sie können beispielsweise etwas feststellen, jemanden auffordern, etwas versprechen, sich entschuldigen oder unter bestimmten Voraussetzungen sogar eine gesellschaftlich wirksame Handlung sprachlich vollziehen.

Solche durch sprachliche Äußerungen vollzogenen Handlungen werden Sprechhandlungen oder Sprechakte genannt.

Sprechhandlungen stehen in engem Zusammenhang mit den kommunikativen Absichten des Sprechers, sind mit ihnen jedoch nicht identisch. Die kommunikative Absicht betrifft das Ziel, das ein Sprecher verfolgt. Die Sprechhandlung bezeichnet dagegen die kommunikative Handlung, die er mit seiner Äußerung vollzieht.

Je nachdem, was ein Sprecher mit seiner Äußerung tut, lassen sich verschiedene Arten von Sprechhandlungen unterscheiden.

Ein Sprecher kann einen Sachverhalt als zutreffend darstellen, indem er beispielsweise etwas feststellt, behauptet, berichtet oder beschreibt:

Morgen wird es regnen.

Er kann versuchen, den Hörer zu einer Handlung zu bewegen, indem er ihn beispielsweise bittet oder auffordert, ihm etwas befiehlt oder einen Rat gibt:

Schließ bitte das Fenster!

Er kann sich zu einer zukünftigen Handlung verpflichten oder eine solche in Aussicht stellen, beispielsweise durch ein Versprechen, eine Zusage oder ein Angebot:

Ich helfe dir morgen beim Umzug.

Ein Sprecher kann außerdem Gefühle, Einstellungen oder Reaktionen ausdrücken, beispielsweise indem er dankt, gratuliert, sich entschuldigt oder sein Bedauern äußert:

Es tut mir leid, dass ich zu spät bin.

Unter bestimmten gesellschaftlichen oder institutionellen Voraussetzungen kann eine sprachliche Äußerung schließlich selbst eine Veränderung der sozialen Wirklichkeit bewirken. Eine dazu berechtigte Person kann beispielsweise eine Sitzung eröffnen:

Hiermit eröffne ich die Sitzung.

Die Äußerung berichtet in diesem Fall nicht lediglich darüber, dass die Sitzung eröffnet wird. Durch das Aussprechen der Äußerung wird die entsprechende Handlung unter den dafür geltenden Voraussetzungen vollzogen.

Damit zeigt sich ein grundlegender Gedanke der Pragmatik:

Mit Sprache stellen Menschen nicht nur Sachverhalte dar – sie handeln auch sprachlich.

Die Untersuchung von Sprechhandlungen macht deshalb sichtbar, dass eine Äußerung zugleich einen sprachlichen Inhalt besitzen und eine bestimmte kommunikative Funktion erfüllen kann.

4. Direkte und indirekte Äußerungen

Ein Sprecher kann seine kommunikative Absicht beziehungsweise eine Sprechhandlung direkt oder indirekt zum Ausdruck bringen.

Bei einer direkten Äußerung entspricht die sprachliche Form unmittelbar der kommunikativen Funktion, die in der jeweiligen Situation erfüllt werden soll. Eine Aufforderung kann beispielsweise ausdrücklich als Aufforderung formuliert werden:

Mach das Fenster zu!

Der Sprecher fordert den Hörer unmittelbar dazu auf, das Fenster zu schließen.

Bei einer indirekten Äußerung wird die kommunikative Funktion dagegen nicht in derselben Weise unmittelbar ausgedrückt. Der Sprecher verwendet eine Äußerung, aus deren sprachlicher Bedeutung allein seine kommunikative Absicht nicht vollständig hervorgeht. Der Hörer erschließt das Gemeinte unter Berücksichtigung der Kommunikationssituation, des Kontextes und seines Wissens.

Betrachten wir beispielsweise die Äußerung:

Hier zieht es.

Grammatisch handelt es sich um einen Aussagesatz. Semantisch wird zunächst ein Zustand beschrieben. In einer entsprechenden Kommunikationssituation – beispielsweise wenn ein geöffnetes Fenster die Zugluft verursacht – kann der Hörer darüber hinaus erschließen, dass der Sprecher möchte, dass das Fenster geschlossen wird.

Der Unterschied lässt sich folgendermaßen darstellen:

AusdrucksweiseSprachliche GestaltungPragmatische Funktion
Direkte ÄußerungDie Sprechhandlung wird unmittelbar sprachlich ausgedrückt.Die kommunikative Funktion ist direkt erkennbar.
Indirekte ÄußerungDie Sprechhandlung wird nicht unmittelbar in einer ihr entsprechenden Form ausgedrückt.Die kommunikative Funktion wird unter Einbeziehung der Kommunikationssituation und des Kontextes erschlossen.

Vergleichen wir:

Mach das Fenster zu!

Hier zieht es.

Die erste Äußerung formuliert die Aufforderung direkt. Die zweite Äußerung kann dagegen – wenn die Kommunikationssituation entsprechende Hinweise liefert – als indirekte Bitte oder Aufforderung verstanden werden, das Fenster zu schließen.

Indirekte Äußerungen können unterschiedliche kommunikative Gründe haben. Sie können beispielsweise verwendet werden, um höflicher oder zurückhaltender zu formulieren, Rücksicht auf den Gesprächspartner zu nehmen oder eine Aufforderung weniger unmittelbar auszudrücken.

Dabei ist die indirekte Interpretation nicht allein in der sprachlichen Form enthalten. Dieselbe Äußerung Hier zieht es kann in einer anderen Situation lediglich als Feststellung verstanden werden. Der Hörer verbindet daher die sprachliche Bedeutung der Äußerung mit seinem Wissen über die jeweilige Kommunikationssituation und erschließt daraus, was der Sprecher vermutlich meint.

Damit zeigt sich erneut:

grammatische Form ≠ sprachliche Bedeutung ≠ kommunikative Funktion

Diese drei Ebenen sind miteinander verbunden, müssen aber nicht vollständig übereinstimmen. Gerade dieses Zusammenspiel ist ein zentraler Gegenstand der Pragmatik.

5. Gemeinsames Wissen und Schlussfolgerungen

Menschen müssen in einer Kommunikation nicht alles ausdrücklich sagen. Häufig können sie sich kurz fassen, weil Sprecher und Hörer über gemeinsames Wissen verfügen oder bestimmtes Wissen als gemeinsam voraussetzen.

Zum gemeinsamen Wissen können unterschiedliche Kenntnisse gehören. Dazu zählen allgemeines Wissen über die Welt und gesellschaftliche Zusammenhänge, unmittelbar wahrnehmbare Gegebenheiten der Kommunikationssituation sowie Erfahrungen und Informationen, die die Beteiligten miteinander teilen.

Zwei Personen können beispielsweise sehen, dass eine Tür offen steht. Kollegen können aus früheren Gesprächen wissen, wer für eine bestimmte Aufgabe zuständig ist. Freunde können auf gemeinsame Erlebnisse Bezug nehmen, ohne diese jedes Mal vollständig erklären zu müssen.

Gemeinsames Wissen erleichtert daher die Kommunikation. Je mehr Sprecher und Hörer als bekannt voraussetzen können, desto weniger muss ausdrücklich sprachlich formuliert werden.

Der Hörer beschränkt sich beim Verstehen jedoch nicht auf das ausdrücklich Gesagte. Er verbindet die sprachliche Äußerung mit seinem Wissen und der jeweiligen Kommunikationssituation und zieht daraus Schlussfolgerungen über das Gemeinte.

Betrachten wir eine Situation in einem Büro. Kollege A sagt zu Kollege B:

Der Kopierer zeigt schon wieder die rote Lampe.

Für sich genommen kann diese Äußerung zunächst als Feststellung über den Zustand des Kopierers verstanden werden. In der konkreten Kommunikationssituation können jedoch weitere Informationen hinzukommen. Beide Kollegen wissen beispielsweise, dass die rote Anzeige auf fehlendes Papier hinweist. Außerdem wissen beide, dass Kollege B an diesem Tag für das Nachfüllen des Papiers zuständig ist.

Kollege B kann daraus schließen, dass A ihn vermutlich nicht lediglich über die Anzeige informieren möchte. Er kann die Äußerung vielmehr als indirekten Hinweis oder als indirekte Aufforderung verstehen:

Füll bitte Papier nach.

Er könnte darauf antworten:

Ich kümmere mich darum.

Der Zusammenhang lässt sich vereinfacht so darstellen:

sprachliche Äußerung + Kommunikationssituation + vorausgesetztes gemeinsames Wissen → pragmatische Schlussfolgerung → erschlossenes Gemeintes

Solche Schlussfolgerungen sind jedoch nicht immer logisch zwingend. Der Hörer erschließt aus den verfügbaren Hinweisen, was der Sprecher vermutlich meint. Deshalb kann Kommunikation auch misslingen.

Nehmen wir an, ein neu eingestellter Mitarbeiter hört diese Äußerung anstelle von Kollegen B. Er weiß möglicherweise weder, was die rote Anzeige bedeutet, noch, wer für das Nachfüllen des Papiers zuständig ist. In diesem Fall kann er die beabsichtigte Aufforderung möglicherweise nicht erschließen und die Äußerung lediglich als Information über den Kopierer verstehen.

Damit wird deutlich:

Gemeinsames oder als gemeinsam vorausgesetztes Wissen ermöglicht es Sprecher und Hörer, über das ausdrücklich Gesagte hinauszugehen. Pragmatische Schlussfolgerungen helfen dem Hörer dabei, aus der Äußerung und der Kommunikationssituation das Gemeinte zu erschließen.

6. Deixis und situativer Bezug

In einer Kommunikationssituation stellt ein Sprecher nicht nur Handlungen, Vorgänge oder Sachverhalte sprachlich dar. Häufig verweist er auch auf Personen, Zeitpunkte oder Orte, deren konkreter Bezug sich aus der jeweiligen Kommunikationssituation ergibt.

Solche sprachlichen Verweise werden als Deixis bezeichnet. Deiktische Ausdrücke verbinden eine sprachliche Äußerung mit bestimmten Bezugspunkten ihrer Äußerungssituation.

Betrachten wir beispielsweise den Satz:

Ich komme morgen hierher.

Die Wörter ich, morgen und hierher besitzen sprachliche Bedeutungen. Um jedoch zu verstehen, wer mit ich, welcher Tag mit morgen und welcher Ort mit hierher konkret gemeint ist, muss der Hörer die Kommunikationssituation kennen.

Der konkrete Bezug deiktischer Ausdrücke hängt somit insbesondere davon ab, wer spricht, wann gesprochen wird und wo die Kommunikation stattfindet.

Je nach ihrem Bezug lassen sich verschiedene Arten der Deixis unterscheiden.

Personaldeixis

Die Personaldeixis bezieht sprachliche Ausdrücke auf Personen innerhalb der jeweiligen Kommunikationssituation. Besonders deutlich zeigt sich dies bei den Personalpronomen:

ich – du – wir – ihr

Wer mit ich oder du gemeint ist, verändert sich mit den Sprecher- und Hörerrollen. Wenn Anna zu Paul sagt:

Ich helfe dir.

bezieht sich ich auf Anna und dir auf Paul. Antwortet Paul:

Ich danke dir.

bezieht sich ich nun auf Paul und dir auf Anna.

Die sprachlichen Formen bleiben erhalten, während ihr konkreter Bezug mit den Rollen der Beteiligten wechselt.

Zeitdeixis

Die Zeitdeixis bezieht eine Äußerung auf einen Zeitpunkt oder Zeitraum, der von der jeweiligen Äußerungssituation aus bestimmt wird.

Typische Ausdrücke sind:

jetzt – heute – morgen – gestern – später

Was beispielsweise mit heute oder morgen konkret gemeint ist, hängt davon ab, wann die Äußerung erfolgt.

Lokaldeixis

Die Lokaldeixis stellt einen räumlichen Bezug zur Kommunikationssituation her.

Typische Ausdrücke sind:

hier – dort – da – hierher – dorthin

Welcher konkrete Ort mit hier oder dort bezeichnet wird, hängt davon ab, von welchem räumlichen Bezugspunkt aus gesprochen wird.

Die drei grundlegenden Arten lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

Art der DeixisBezugspunktBeispiele
PersonaldeixisPersonen und ihre Rollen in der Kommunikationich, du, wir
ZeitdeixisZeitpunkt oder Zeitraum der Äußerungjetzt, heute, morgen
Lokaldeixisräumlicher Bezug der Äußerunghier, dort, da

Deiktische Ausdrücke zeigen damit besonders deutlich den Zusammenhang zwischen sprachlicher Bedeutung und konkreter Kommunikationssituation. Ihre sprachliche Bedeutung gibt eine bestimmte Art des Bezugs vor, während die jeweilige Situation erkennen lässt, auf welche Person, welche Zeit oder welchen Ort der Ausdruck konkret verweist.

sprachliche Bedeutung + Äußerungssituation → konkreter situativer Bezug

Die Deixis verbindet eine sprachliche Äußerung dadurch unmittelbar mit der Wirklichkeit, in der die Kommunikation stattfindet. Sprache kann Wirklichkeit nicht nur darstellen; Sprecher können ihre Äußerungen zugleich aus ihrer jeweiligen Position in dieser Wirklichkeit heraus auf Personen, Zeiten und Orte beziehen.

7. Zusammenhang von Semantik und Pragmatik

Semantik und Pragmatik untersuchen die Bedeutung und Verwendung sprachlicher Äußerungen aus unterschiedlichen, aber eng miteinander verbundenen Perspektiven.

Die Semantik untersucht, welche Bedeutung sprachliche Einheiten und Ausdrücke aufgrund der sprachlichen Konventionen und ihrer Verbindung besitzen. Die Pragmatik untersucht dagegen, wie solche Ausdrücke in konkreten Kommunikationssituationen verwendet und verstanden werden.

Der Zusammenhang lässt sich anhand von drei Gesichtspunkten verdeutlichen.

1. Sprachliche Bedeutung und Sprachgebrauch

Die Semantik beschäftigt sich mit der Bedeutung sprachlicher Einheiten und Äußerungen. Die Pragmatik richtet den Blick darauf, wie Sprecher diese bedeutungstragenden sprachlichen Mittel in einer konkreten Kommunikationssituation verwenden.

So besitzt die Äußerung

Es ist kalt hier.

eine sprachliche Bedeutung. In einer bestimmten Situation kann der Sprecher damit jedoch zugleich eine kommunikative Absicht verfolgen, beispielsweise den Hörer indirekt dazu bewegen, ein Fenster zu schließen.

Semantik → sprachliche Bedeutung

Pragmatik → situationsbezogener Sprachgebrauch und kommunikative Funktion

2. Sprachliche Bedeutung und Kommunikationssituation

Sprachliche Ausdrücke besitzen Bedeutungen, die innerhalb einer Sprachgemeinschaft konventionell etabliert sind. Ihre konkrete Interpretation kann jedoch von der jeweiligen Kommunikationssituation abhängen.

Besonders deutlich zeigt sich dies bei deiktischen Ausdrücken wie ich, hier oder heute. Ihre sprachliche Bedeutung bleibt grundsätzlich erhalten, während ihr konkreter Bezug erst aufgrund der jeweiligen Äußerungssituation bestimmt werden kann.

sprachliche Bedeutung + Kommunikationssituation → situationsbezogene Interpretation

3. Gesagtes und Gemeintes

Die Semantik hilft zu erklären, was eine sprachliche Äußerung aufgrund ihrer sprachlichen Mittel bedeutet. Die Pragmatik fragt darüber hinaus, was der Sprecher mit dieser Äußerung in einer konkreten Situation meint, welche kommunikative Handlung er damit vollzieht und was er dadurch bewirken möchte.

Dabei können das sprachlich Ausgedrückte und das kommunikativ Gemeinte voneinander abweichen.

Kannst du mir das Salz geben?

Die Äußerung besitzt die grammatische Form einer Frage und bezieht sich semantisch auf eine Fähigkeit beziehungsweise Möglichkeit des Hörers. In einer gewöhnlichen Situation am Esstisch wird sie jedoch meist als Bitte verstanden, das Salz zu reichen.

Damit lassen sich Semantik und Pragmatik zusammenfassend gegenüberstellen:

SemantikPragmatik
Bedeutung sprachlicher Einheiten und AusdrückeGebrauch sprachlicher Äußerungen in Kommunikationssituationen
konventionell etablierte sprachliche Bedeutungsituationsbezogene Interpretation
Was bedeutet die Äußerung sprachlich?Was meint und bewirkt der Sprecher mit der Äußerung in dieser Situation?

Semantik und Pragmatik sind somit keine voneinander isolierten Bereiche. Die sprachliche Bedeutung bildet eine wesentliche Grundlage des Verstehens, während die Kommunikationssituation, das Wissen der Beteiligten und ihre pragmatischen Schlussfolgerungen dazu beitragen, das konkret Gemeinte zu erschließen.

Rückblick

Die Pragmatik untersucht, wie Menschen sprachliche Äußerungen in konkreten Kommunikationssituationen verwenden und verstehen. Während Grammatik die Form und Struktur sprachlicher Einheiten und Semantik ihre Bedeutung untersucht, richtet die Pragmatik den Blick auf den tatsächlichen Sprachgebrauch.

Jede Kommunikation findet in einer bestimmten Kommunikationssituation und innerhalb eines bestimmten Kontextes statt. Dabei spielen unter anderem Sprecher und Hörer, Kommunikationsgegenstand, Ort und Zeit, soziale Beziehungen sowie das Wissen und die Erfahrungen der Beteiligten eine Rolle.

Sprecher verfolgen mit ihren Äußerungen bestimmte kommunikative Absichten. Sie können beispielsweise informieren, fragen, bitten, auffordern, warnen, versprechen oder danken. Dabei können das sprachlich Gesagte und das kommunikativ Gemeinte voneinander abweichen.

Mit sprachlichen Äußerungen übermitteln Menschen nicht nur Inhalte, sondern vollziehen zugleich Sprechhandlungen. Sie können etwas feststellen, jemanden zu einer Handlung bewegen, sich zu einer zukünftigen Handlung verpflichten, Gefühle und Einstellungen ausdrücken oder unter bestimmten Voraussetzungen durch ihre Äußerung eine gesellschaftlich wirksame Handlung vollziehen.

Sprechhandlungen können direkt oder indirekt ausgedrückt werden. Bei indirekten Äußerungen erschließt der Hörer die kommunikative Funktion unter Berücksichtigung der Kommunikationssituation, des Kontextes und seines Wissens.

Dabei müssen Menschen nicht alles ausdrücklich formulieren. Gemeinsames oder als gemeinsam vorausgesetztes Wissen ermöglicht es dem Hörer, pragmatische Schlussfolgerungen zu ziehen und dadurch über das ausdrücklich Gesagte hinaus das Gemeinte zu erschließen.

Die Deixis zeigt besonders deutlich die Verbindung zwischen sprachlicher Äußerung und Kommunikationssituation. Ausdrücke wie ich, heute oder hier besitzen eine sprachliche Bedeutung, während ihr konkreter Bezug davon abhängt, wer spricht, wann gesprochen wird und von welchem räumlichen Bezugspunkt aus die Äußerung erfolgt.

Semantik und Pragmatik sind deshalb eng miteinander verbunden:

Semantik → sprachliche Bedeutung

Pragmatik → situationsbezogener Sprachgebrauch, kommunikative Funktion und Interpretation Sprachliche Kommunikation entsteht somit nicht allein durch grammatische Formen und sprachliche Bedeutungen. Menschen verwenden diese Mittel in konkreten Situationen, mit bestimmten Absichten und auf der Grundlage ihres Wissens über die Wirklichkeit und ihre Gesprächspartner. Der Hörer verbindet das Gesagte mit diesem Zusammenhang und erschließt daraus, was der Sprecher in der jeweiligen Kommunikationssituation mei

Autor: Khyal Aryubi

Version: 1.0

Veröffentlicht: 13.09.2026

Lizenz: CC BY-NC 4.0

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