Kapitel 15

Semantik (Bedeutungslehre)

Einleitung

n den vorangegangenen Kapiteln haben wir gesehen, wie Menschen die Wirklichkeit wahrnehmen, Erscheinungen unterscheiden und ihre Erkenntnisse mithilfe sprachlicher Mittel ausdrücken. Dabei haben wir unterschiedliche grammatische Mittel untersucht und zuletzt betrachtet, wie sprachliche Einheiten aufgebaut und zu größeren Strukturen verbunden werden.

Doch weder die Form eines Wortes noch die syntaktische Struktur eines Satzes erklärt allein, was ein sprachlicher Ausdruck bedeutet.

Menschen verwenden Sprache, um auf Einheiten und Erscheinungen Bezug zu nehmen, Eigenschaften zu beschreiben und Handlungen, Vorgänge, Zustände und Beziehungen darzustellen. Sie können dabei nicht nur über unmittelbar Wahrgenommenes sprechen, sondern auch über Vergangenes, Zukünftiges, Mögliches, Vorgestelltes, Gewünschtes oder Verneintes.

Damit stellt sich eine weitere grundlegende Frage:

Wie entsteht die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke?

Mit dieser Frage beschäftigt sich die Semantik. Sie untersucht die Bedeutung sprachlicher Einheiten und Ausdrücke sowie die Beziehungen, die zwischen ihren Bedeutungen bestehen.

Auch hier bildet die Wirklichkeit einen grundlegenden Ausgangspunkt. Menschen nehmen Erscheinungen der Wirklichkeit wahr, erkennen Unterschiede und Gemeinsamkeiten und bilden auf dieser Grundlage Begriffe. Um ihre Erkenntnisse und Vorstellungen anderen Menschen kommunikativ zugänglich zu machen, verwenden sie sprachliche Zeichen und verbinden diese zu größeren sprachlichen Strukturen.

Dabei sind Wirklichkeit, Erkenntnis, Begriff, sprachliches Zeichen und Bedeutung miteinander verbunden, aber nicht identisch. Die Wirklichkeit schreibt beispielsweise nicht vor, dass eine bestimmte Erscheinung durch eine bestimmte Laut- oder Schriftform bezeichnet werden muss. Verschiedene Sprachgemeinschaften können unterschiedliche sprachliche Zeichen verwenden, um auf vergleichbare Erscheinungen Bezug zu nehmen.

Die Semantik untersucht daher nicht nur, was sprachliche Ausdrücke bedeuten, sondern auch, wie sprachliche Bedeutungen miteinander zusammenhängen und wie sie im sprachlichen Zusammenhang zur Darstellung von Sachverhalten beitragen.

1. Von der Wirklichkeit zum sprachlichen Zeichen

Menschen begegnen einer Wirklichkeit, die nicht erst durch Sprache entsteht. Sie nehmen Menschen, Gegenstände, Stoffe, Eigenschaften, Handlungen, Vorgänge, Zustände und Beziehungen wahr, erkennen Unterschiede und Gemeinsamkeiten und gewinnen daraus Erkenntnisse über ihre Umwelt.

Auf dieser Grundlage bilden Menschen Begriffe. Sie können Wahrgenommenes unterscheiden, vergleichen, verallgemeinern und kategorisieren. Dabei sind sie nicht darauf beschränkt, unmittelbar bestehende Sachverhalte gedanklich wiederzugeben. Sie können Erfahrungen miteinander verbinden, abstrahieren, verändern und neu kombinieren. Dadurch können sie auch über Vergangenes und Zukünftiges, Mögliches und Unmögliches, Erwünschtes und Befürchtetes sowie über erfundene oder vorgestellte Sachverhalte nachdenken.

Auch solche Vorstellungen entstehen jedoch nicht unabhängig von jeder Erfahrung der Wirklichkeit. Ein Märchen kann Wesen und Ereignisse darstellen, die in der tatsächlichen Wirklichkeit nicht vorkommen. Die Elemente, Eigenschaften und Beziehungen, aus denen solche Vorstellungen gebildet werden, können jedoch aus menschlichen Erfahrungen übernommen, verändert und neu miteinander verbunden werden.

Um Erkenntnisse und Vorstellungen mit anderen Menschen teilen zu können, benötigen Menschen sprachliche Zeichen und Ausdrücke. Innerhalb von Sprachgemeinschaften entwickeln und etablieren sich daher sprachliche Mittel, mit denen Menschen auf Einheiten und Erscheinungen Bezug nehmen und wirkliche, mögliche, vorgestellte, gewünschte, erfragte oder verneinte Sachverhalte sprachlich darstellen können.

Ein einfaches Beispiel ist Wasser. Wasser ist nicht dadurch entstanden, dass Menschen einen Begriff oder ein Wort dafür gebildet haben. Menschen haben Wasser wahrgenommen, von anderen Erscheinungen unterschieden und begrifflich erfasst. Verschiedene Sprachgemeinschaften verwenden dafür unterschiedliche sprachliche Zeichen: im Deutschen Wasser, im Englischen water, im Französischen eau.

Daran wird eine grundlegende Beziehung sichtbar:

Die Wirklichkeit, die menschliche Erkenntnis und Begriffsbildung sowie ihre sprachliche Darstellung sind miteinander verbunden, aber nicht identisch.

Die Wirklichkeit schreibt nicht vor, mit welchem sprachlichen Zeichen eine Erscheinung bezeichnet werden muss. Die Verbindung zwischen einer sprachlichen Form und ihrer konventionalisierten Bedeutung entwickelt und stabilisiert sich vielmehr innerhalb einer Sprachgemeinschaft durch den gemeinsamen Sprachgebrauch.

Die Wirklichkeit bildet dabei einen gemeinsamen Bezugspunkt menschlicher Erkenntnis und sprachlicher Kommunikation. Unterschiedliche Sprachgemeinschaften können verschiedene Zeichen und sprachliche Strukturen verwenden und sich dennoch auf dieselben oder vergleichbare Erscheinungen und Sachverhalte beziehen. Soweit sprachliche Aussagen tatsächliche Sachverhalte darstellen, können sie außerdem daran überprüft werden, ob das Dargestellte mit den Gegebenheiten der Wirklichkeit übereinstimmt.

Damit ergibt sich für die Semantik eine wichtige Unterscheidung:

Wirklichkeit ≠ Erkenntnis und Begriff ≠ sprachliches Zeichen

Diese Ebenen sind nicht identisch, stehen aber in Beziehung zueinander. Die Wirklichkeit bildet einen grundlegenden Ausgangs- und Bezugspunkt; Menschen nehmen sie wahr und verarbeiten ihre Erfahrungen begrifflich; Sprachgemeinschaften entwickeln sprachliche Zeichen, mit denen Erkenntnisse, Vorstellungen und Sachverhalte kommunikativ dargestellt werden können.

Die Beziehung zwischen sprachlichem Zeichen und Bedeutung ist jedoch nicht immer eindeutig. Ein Wort kann mehrere Bedeutungen besitzen, während verschiedene Wörter gleiche, ähnliche oder gegensätzliche Bedeutungen ausdrücken können.

Damit gelangen wir zu den Bedeutungsbeziehungen sprachlicher Zeichen.

2. Mehrdeutigkeit von Wörtern

Sprachliche Zeichen und ihre Bedeutungen stehen nicht immer in einer eindeutigen Eins-zu-eins-Beziehung. Ein und dieselbe Wortform kann in unterschiedlichen Zusammenhängen verschiedene Bedeutungen besitzen.

Betrachten wir das Wort Schlange:

Im Gras liegt eine Schlange.

Vor der Kasse steht eine lange Schlange.

Die Wortform Schlange ist in beiden Sätzen gleich. Dennoch bezeichnet sie nicht dasselbe. Im ersten Satz ist ein Reptil gemeint, im zweiten eine Reihe wartender Menschen. Der jeweilige sprachliche Zusammenhang ermöglicht es, die gemeinte Bedeutung zu erkennen.

Mehrdeutigkeit ist dabei kein zufälliger Fehler der Sprache. Sprachen entwickeln sich im Gebrauch, und bereits vorhandene Wörter können auf neue Erscheinungen, Zusammenhänge oder Vorstellungen übertragen werden. Bedeutungen können sich erweitern, verändern oder voneinander entfernen. Daneben können ursprünglich verschiedene Wörter im Laufe ihrer Entwicklung dieselbe sprachliche Form annehmen.

Deshalb müssen bei der Mehrdeutigkeit zwei grundlegende Fälle unterschieden werden:

Polysemie → eine Wortform besitzt mehrere miteinander zusammenhängende Bedeutungen

Homonymie → gleichlautende oder gleichgeschriebene Wortformen besitzen unterschiedliche Bedeutungen, zwischen denen kein erkennbarer semantischer Zusammenhang besteht

2.1 Polysemie

Von Polysemie spricht man, wenn ein Wort mehrere Bedeutungen besitzt, die miteinander in einem erkennbaren Bedeutungszusammenhang stehen.

Ein Beispiel bietet das Wort Fuß:

Mein linker Fuß tut weh.

Wir stehen am Fuß des Berges.

Die Lampe hat einen schweren Fuß.

Die Bedeutungen sind verschieden, aber nicht völlig unabhängig voneinander. Die Bezeichnung eines Körperteils wird auf andere Bereiche übertragen, in denen beispielsweise die Lage am unteren Ende oder eine tragende beziehungsweise stützende Funktion eine Rolle spielt.

Polysemie zeigt damit, dass die Bedeutung eines Wortes erweitert und auf neue Zusammenhänge übertragen werden kann, ohne dass zwischen den einzelnen Bedeutungen jede semantische Verbindung verloren geht.

2.2 Homonymie

Anders verhält es sich bei der Homonymie. Hier besitzen sprachliche Formen dieselbe Laut- oder Schriftgestalt, ihre Bedeutungen stehen jedoch nicht in einem erkennbaren semantischen Zusammenhang.

Ein bekanntes Beispiel ist Bank:

Wir sitzen auf einer Bank im Park.

Sie überweist das Geld auf die Bank.

Die Bank als Sitzgelegenheit und die Bank als Geldinstitut werden im heutigen Sprachgebrauch als unterschiedliche Bedeutungen verstanden, zwischen denen für Sprecher kein unmittelbarer Bedeutungszusammenhang erkennbar sein muss.

Damit lässt sich der grundlegende Unterschied so zusammenfassen:

Polysemie → gleiche Wortform + zusammenhängende Bedeutungen

Homonymie → gleiche Wortform + voneinander unabhängige Bedeutungen

Diese Unterscheidung zeigt zugleich, warum die Bedeutung eines Wortes nicht allein aus seiner sprachlichen Form erschlossen werden kann. Bei mehrdeutigen Wörtern muss der jeweilige sprachliche oder situative Zusammenhang berücksichtigt werden.

3. Bedeutungsbeziehungen zwischen Wörtern

Wie wir gesehen haben, besteht zwischen sprachlichen Zeichen und ihren Bedeutungen keine einfache Eins-zu-eins-Beziehung. Nicht nur ein und dieselbe Wortform kann mehrere Bedeutungen besitzen. Umgekehrt können auch verschiedene Wörter Bedeutungen ausdrücken, die in bestimmten Beziehungen zueinander stehen.

Menschen nehmen Einheiten und andere Erscheinungen der Wirklichkeit wahr und erkennen Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Gegensätze. Verschiedene sprachliche Zeichen können dabei auf dieselben oder ähnliche Erscheinungen Bezug nehmen oder gegensätzliche Eigenschaften, Handlungen, Vorgänge, Zustände und Beziehungen ausdrücken.

Zu den grundlegenden Bedeutungsbeziehungen zwischen Wörtern gehören Synonymie und Antonymie.

3.1 Synonymie

Für dieselbe oder eine ähnliche Erscheinung können innerhalb einer Sprache unterschiedliche sprachliche Zeichen zur Verfügung stehen. Verschiedene Wörter können daher eine gleiche oder ähnliche Bedeutung besitzen.

Solche Wörter nennt man Synonyme; die entsprechende Bedeutungsbeziehung heißt Synonymie.

Beispiele:

Auto – Wagen

Hilfe – Unterstützung

beginnen – anfangen

rasch – schnell

Die Synonymie kann verschiedene Arten von Erscheinungen betreffen. Auto und Wagen können auf dieselbe Art von Einheit Bezug nehmen, während beginnen und anfangen denselben oder einen sehr ähnlichen Vorgang ausdrücken können. Ebenso können Eigenschaften, Zustände und Beziehungen durch Wörter mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung bezeichnet werden.

Vollständig bedeutungsgleiche Synonyme, die in jedem sprachlichen Zusammenhang gegeneinander ausgetauscht werden können, sind jedoch selten. Häufig unterscheiden sich Synonyme in einzelnen Bedeutungsnuancen, in ihrer stilistischen Wirkung, ihrer regionalen oder gesellschaftlichen Verwendung oder in den sprachlichen Zusammenhängen, in denen sie bevorzugt auftreten.

Synonymie bedeutet daher nicht notwendigerweise vollständige Bedeutungsgleichheit. Entscheidend ist eine weitgehende Übereinstimmung der Bedeutungen in einem bestimmten Bedeutungsbereich.

Synonymie → verschiedene Wörter mit gleicher oder ähnlicher Bedeutung

3.2 Antonymie

Menschen erkennen in der Wirklichkeit nicht nur Gemeinsamkeiten, sondern auch Unterschiede und Gegensätze. Einheiten und andere Erscheinungen können beispielsweise unterschiedliche oder gegensätzliche Eigenschaften besitzen, und auch Handlungen, Vorgänge, Zustände und Beziehungen können zueinander in einem Gegensatz stehen.

Solche Gegensätze können sprachlich durch Wörter mit gegensätzlichen Bedeutungen ausgedrückt werden:

schnell – langsam

kalt – warm

kurz – lang

gut – schlecht

geben – nehmen

Wörter, deren Bedeutungen in einem solchen Gegensatz zueinander stehen, nennt man Antonyme; die entsprechende Bedeutungsbeziehung heißt Antonymie.

Dabei können Gegensätze unterschiedlich beschaffen sein. Zwischen warm und kalt, schnell und langsam oder lang und kurz sind zahlreiche Zwischenstufen möglich. Andere Wörter stellen stärker voneinander abgegrenzte Gegensätze oder unterschiedliche Perspektiven auf eine Beziehung beziehungsweise einen Vorgang dar.

Für die grundlegende Betrachtung genügt daher zunächst:

Antonymie → verschiedene Wörter mit gegensätzlicher Bedeutung

Synonymie und Antonymie zeigen somit zwei unterschiedliche Möglichkeiten, wie Bedeutungen verschiedener Wörter miteinander verbunden sein können:

Synonymie → Bedeutungsgleichheit oder Bedeutungsähnlichkeit

Antonymie → Bedeutungsgegensatz

Damit wird erneut sichtbar, dass der Wortschatz einer Sprache nicht aus voneinander isolierten sprachlichen Zeichen besteht. Die Bedeutungen der Wörter stehen vielmehr in vielfältigen Beziehungen zueinander und ermöglichen es, Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Gegensätze zwischen den erkannten Erscheinungen sprachlich auszudrücken.

4. Wörtliche und übertragene Bedeutung

Menschen verwenden sprachliche Zeichen zunächst mit Bedeutungen, die sich innerhalb einer Sprachgemeinschaft durch den gemeinsamen Sprachgebrauch etabliert haben. Dabei können Wörter und Wortverbindungen Erscheinungen, Eigenschaften, Handlungen, Vorgänge, Zustände und Beziehungen unmittelbar bezeichnen oder darstellen.

Menschen können jedoch aufgrund erkannter Ähnlichkeiten und Zusammenhänge bereits vorhandene sprachliche Ausdrücke auch auf andere Erscheinungen und Sachverhalte übertragen. Dadurch kann ein Ausdruck neben seiner wörtlichen Bedeutung eine übertragene Bedeutung erhalten.

Die Unterscheidung zwischen wörtlicher und übertragener Bedeutung zeigt damit erneut, dass sprachliche Bedeutung nicht allein aus der Form eines Wortes oder einer Wortverbindung hervorgeht. Entscheidend ist auch, wie ein sprachlicher Ausdruck in einem bestimmten Zusammenhang verwendet wird.

4.1 Wörtliche Bedeutung

Bei der wörtlichen Bedeutung wird ein sprachlicher Ausdruck in seiner unmittelbaren, konventionell etablierten Bedeutung verwendet.

Hans läuft über die Wiese.

Das Kind wurde vom Hund gebissen.

Der Baum steht im Garten.

Die Verben laufen, beißen und stehen werden hier in ihrer wörtlichen Bedeutung verwendet.

4.2 Übertragene Bedeutung

Menschen können Eigenschaften, Beziehungen oder Erfahrungen aus einem Bereich auf einen anderen übertragen. Ein sprachlicher Ausdruck wird dann nicht ausschließlich in seiner ursprünglichen oder unmittelbaren Bedeutung verstanden, sondern erhält im jeweiligen Zusammenhang eine übertragene Bedeutung.

Dies zeigt sich besonders deutlich in bildlichen Wendungen:

Hans hat ins Gras gebissen.

Damit wird gewöhnlich nicht ausgesagt, dass Hans tatsächlich Gras mit den Zähnen gebissen hat. Die gesamte Wendung ins Gras beißen bedeutet in diesem Gebrauch sterben.

Ähnlich verhält es sich mit:

Hans sieht sich die Radieschen von unten an.

Auch hier ergibt sich die gemeinte Bedeutung nicht aus einer rein wörtlichen Verbindung der einzelnen Wortbedeutungen. Die Wendung bringt bildlich zum Ausdruck, dass Hans gestorben und begraben ist.

Auch Sprichwörter können einen Sachverhalt verwenden, um einen allgemeineren Zusammenhang bildlich auszudrücken:

Man erntet, was man sät.

Wörtlich können säen und ernten Vorgänge aus dem Pflanzenbau bezeichnen. Übertragen kann die Beziehung zwischen beiden Vorgängen dazu dienen, einen allgemeineren Zusammenhang zwischen dem eigenen Handeln und dessen späteren Folgen auszudrücken.

Redewendungen und Sprichwörter zeigen besonders deutlich, dass sich die Bedeutung einer Wortverbindung nicht immer vollständig aus den Bedeutungen ihrer einzelnen Bestandteile ableiten lässt. Eine Verbindung kann als Ganzes eine konventionalisierte Bedeutung besitzen.

Der Hörer oder Leser muss deshalb nicht nur die möglichen Bedeutungen der einzelnen Wörter kennen, sondern auch erkennen, wie die gesamte Verbindung im jeweiligen Zusammenhang verwendet wird. Sprachlicher Kontext, Situation und gemeinsame Spracherfahrung tragen dazu bei, zwischen wörtlicher und übertragener Bedeutung zu unterscheiden.

5. Ober- und Unterbegriffe

Wie wir in den vorangegangenen Kapiteln und besonders in Kapitel 2 gesehen haben, nehmen Menschen Erscheinungen der Wirklichkeit wahr, vergleichen sie miteinander und erkennen dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Auf dieser Grundlage können sie Begriffe bilden und das Erkannte begrifflich ordnen.

Werden verschiedene Einheiten oder Erscheinungen aufgrund gemeinsamer Merkmale zu einer übergeordneten Gruppe zusammengefasst, entsteht eine begriffliche Beziehung zwischen einer allgemeineren und einer spezielleren Kategorie.

So können beispielsweise Pflanzen und Tiere unter dem allgemeineren Begriff Lebewesen zusammengefasst werden:

Lebewesen
→ Pflanze

→ Tier

Lebewesen ist dabei der Oberbegriff, während Pflanze und Tier Unterbegriffe von Lebewesen sind.

Diese begriffliche Ordnung kann auf weiteren Ebenen fortgesetzt werden. Der Unterbegriff Tier kann selbst wieder zum Oberbegriff für speziellere Begriffe werden:

Lebewesen
→ Tier

→ Säugetier

→ Mensch

Auch Mensch kann wiederum als Oberbegriff für speziellere Begriffe dienen:

Mensch

→ Frau

→ Mann

Daran wird deutlich, dass Ober- und Unterbegriff keine unveränderlichen Eigenschaften eines einzelnen Begriffs sind. Entscheidend ist die jeweilige Beziehung zwischen einem allgemeineren und einem spezielleren Begriff. Ein Begriff kann daher gegenüber einem allgemeineren Begriff Unterbegriff und gegenüber einem spezielleren Begriff zugleich Oberbegriff sein.

In der Semantik bezeichnet man diese Bedeutungsbeziehungen auch als Hyperonymie und Hyponymie:

Hyperonym → Oberbegriff

Hyponym → Unterbegriff

Ein Unterbegriff umfasst einen engeren Bedeutungsbereich als sein Oberbegriff. Zugleich besitzt er zusätzliche Merkmale, durch die er sich von anderen Unterbegriffen derselben übergeordneten Kategorie unterscheidet.

Ober- und Unterbegriffe zeigen damit, wie Menschen erkannte Gemeinsamkeiten und Unterschiede nicht nur begrifflich ordnen, sondern diese Ordnung auch sprachlich ausdrücken können.

6. Wortbedeutung und Satzbedeutung

Einzelne Wörter besitzen Bedeutungen, doch Menschen kommunizieren gewöhnlich nicht nur durch voneinander isolierte Wörter. Sie verbinden sprachliche Einheiten zu größeren Strukturen, um Beziehungen zwischen Einheiten und Erscheinungen auszudrücken und Sachverhalte darzustellen.

Betrachten wir zunächst einzelne sprachliche Einheiten:

der Mann – dem Kind – einen Bleistift – geben

Die Bedeutungen der einzelnen Wörter sind erkennbar. Aus ihrer bloßen Aneinanderreihung geht jedoch noch nicht eindeutig hervor, in welchen Beziehungen die bezeichneten Einheiten und der Vorgang zueinander stehen.

Erst durch ihre grammatische Verbindung entsteht eine strukturierte Aussage:

Der Mann gibt dem Kind einen Bleistift.

Nun wird deutlich, wer an dem dargestellten Vorgang beteiligt ist und welche Beziehungen zwischen den beteiligten Einheiten bestehen.

Dabei kann bereits eine Veränderung der syntaktischen Beziehungen zu einer anderen Satzbedeutung führen:

Der Hund beißt den Mann.

Der Mann beißt den Hund.

In beiden Sätzen kommen dieselben Inhaltswörter vor. Ihre syntaktische Verbindung ist jedoch verschieden, sodass zwei unterschiedliche Sachverhalte dargestellt werden.

Die Bedeutung eines Satzes entsteht daher nicht allein aus den Bedeutungen seiner einzelnen Wörter. Entscheidend ist auch, wie die sprachlichen Einheiten grammatisch miteinander verbunden sind.

Damit zeigt sich die enge Beziehung zwischen Syntax und Semantik:

Syntax strukturiert die Beziehungen zwischen sprachlichen Einheiten; Semantik betrifft die Bedeutung, die durch diese Einheiten und ihre Verbindung ausgedrückt wird.

7. Bedeutung und Kontext

Die Erscheinungen der Wirklichkeit stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern befinden sich in vielfältigen Beziehungen zueinander. Auch sprachliche Ausdrücke werden gewöhnlich in größeren sprachlichen und situativen Zusammenhängen verwendet. Einen solchen Zusammenhang bezeichnet man als Kontext.

Besonders deutlich wird die Bedeutung des Kontextes bei mehrdeutigen Wörtern:

Das ist eine Schlange.

Ohne weiteren Zusammenhang lässt sich nicht eindeutig erkennen, ob mit Schlange beispielsweise das Kriechtier oder eine Reihe wartender Menschen gemeint ist.

In einem größeren sprachlichen Zusammenhang wird die gemeinte Bedeutung dagegen meist deutlich:

Die Frau wurde von einer Schlange gebissen.

Vor der Kasse bildete sich eine lange Schlange.

Die möglichen Bedeutungen des Wortes Schlange gehören zum sprachlichen Bedeutungswissen. Der Kontext trägt jedoch dazu bei, zu erkennen, welche dieser Bedeutungen im konkreten Fall gemeint ist.

Dabei kann Kontext unterschiedliche Formen annehmen. Der sprachliche Kontext ergibt sich aus den umgebenden Wörtern, Sätzen und Äußerungen. Der situative Kontext entsteht aus der jeweiligen Kommunikationssituation und dem gemeinsamen Wissen der Beteiligten.

Wenn beispielsweise jemand beim Verlassen des Hauses sagt:

Es regnet.

besteht die Bedeutung des Satzes nicht erst durch die Situation. Die konkrete Situation hilft jedoch zu verstehen, auf welche gegenwärtigen Umstände sich die Äußerung bezieht und warum sie in diesem Moment relevant ist.

Der Kontext erzeugt die sprachliche Bedeutung daher nicht einfach neu. Er hilft vielmehr, Bedeutungen zu konkretisieren, Mehrdeutigkeiten aufzulösen und sprachliche Äußerungen in ihrem jeweiligen Zusammenhang zu verstehen.

8. Zusammenhang von Grammatik und Semantik

Grammatik und Semantik betrachten dieselbe Sprache aus unterschiedlichen, aber miteinander verbundenen Blickwinkeln.

Die Grammatik untersucht, wie sprachliche Einheiten geformt und zu größeren Strukturen verbunden werden. Die Semantik untersucht, welche Bedeutungen sprachliche Einheiten und Ausdrücke besitzen, in welchen Bedeutungsbeziehungen sie zueinander stehen und wie ihre Verbindung zur Bedeutung größerer sprachlicher Strukturen beiträgt.

Beide Bereiche sind eng miteinander verbunden. Grammatische Formen und Strukturen ermöglichen es, Einheiten und Erscheinungen zu bezeichnen, Beziehungen zwischen ihnen auszudrücken und Sachverhalte sprachlich darzustellen. Die Semantik untersucht die Bedeutungen, die mit diesen sprachlichen Mitteln verbunden sind und durch ihre Verwendung ausgedrückt werden.

Dabei trägt eine sprachliche Form ihre Bedeutung nicht von Natur aus in sich. Die Verbindung zwischen einem sprachlichen Zeichen und seiner konventionalisierten Bedeutung entwickelt sich innerhalb einer Sprachgemeinschaft und wird durch den gemeinsamen Sprachgebrauch weitergegeben.

Zugleich entsteht die Bedeutung größerer sprachlicher Ausdrücke nicht allein aus den Bedeutungen einzelner Wörter. Wie wir bereits gesehen haben, trägt auch ihre grammatische Verbindung dazu bei, welche Beziehungen ausgedrückt und welche Sachverhalte dargestellt werden.

Grammatik und Semantik lassen sich daher analytisch voneinander unterscheiden, wirken im konkreten Sprachgebrauch jedoch zusammen:

Grammatik → Form und Struktur sprachlicher Einheiten

Semantik → Bedeutung und Bedeutungsbeziehungen sprachlicher Einheiten und Strukturen

Erst im Zusammenspiel von sprachlicher Form, grammatischer Struktur und Bedeutung können Menschen ihre Erkenntnisse, Vorstellungen und kommunikativen Absichten differenziert sprachlich ausdrücken.

Rückblick

Die Semantik untersucht die Bedeutung sprachlicher Einheiten und Ausdrücke sowie die Beziehungen zwischen ihren Bedeutungen.

Ausgangspunkt sprachlicher Bedeutung ist die menschliche Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Menschen nehmen Einheiten und Erscheinungen wahr, erkennen Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Beziehungen und bilden auf dieser Grundlage Begriffe. Sprachgemeinschaften entwickeln sprachliche Zeichen, mit denen Erkenntnisse, Vorstellungen und Sachverhalte kommunikativ dargestellt werden können.

Dabei besteht zwischen sprachlichen Zeichen und Bedeutungen keine einfache Eins-zu-eins-Beziehung. Ein Wort kann mehrere Bedeutungen besitzen (Polysemie) oder dieselbe Form wie ein Wort mit einer anderen, unabhängigen Bedeutung haben (Homonymie). Verschiedene Wörter können gleiche oder ähnliche Bedeutungen (Synonymie) oder gegensätzliche Bedeutungen (Antonymie) ausdrücken.

Bedeutungen können außerdem wörtlich oder übertragen verwendet und durch Ober- und Unterbegriffe hierarchisch geordnet werden.

Die Bedeutung größerer sprachlicher Ausdrücke ergibt sich nicht allein aus den Bedeutungen einzelner Wörter. Auch ihre grammatische Verbindung und der jeweilige Kontext tragen dazu bei, Sachverhalte darzustellen und die gemeinte Bedeutung zu erkennen.

Damit wird die enge Verbindung zwischen Grammatik und Semantik sichtbar:

Grammatik → Form und Struktur sprachlicher Einheiten

Semantik → Bedeutung und Bedeutungsbeziehungen sprachlicher Einheiten und Strukturen Sprache ermöglicht es Menschen somit, ihre Wahrnehmungen, Erkenntnisse und Vorstellungen nicht nur sprachlich zu formen, sondern auch bedeutungsvoll miteinander zu teilen.

Autor: Khyal Aryubi

Version: 1.0

Veröffentlicht: 12.09.2026

Lizenz: CC BY-NC 4.0

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