Kapitel 4
Das Verb
Im alltäglichen Sprachgebrauch werden die Begriffe Bewegung, Veränderung, Handlung, Vorgang und Zustand häufig als deutlich voneinander getrennte Erscheinungen verstanden. Diese Unterscheidung kann jedoch zu Schwierigkeiten führen, wenn man das Verb lediglich als „Tuwort“ auffasst.
Bei Verben wie
laufen, fahren, schreiben oder bauen
ist eine Handlung oder Bewegung unmittelbar erkennbar.
Andere Verben wie
schmelzen, wachsen, werden, liegen, bleiben oder sein
lassen sich mit der Vorstellung eines bloßen „Tuns“ oder einer räumlichen Bewegung jedoch nicht ausreichend erklären.
Für dieses Grammatikmodell müssen diese Begriffe deshalb zunächst genauer bestimmt und in ihrem Zusammenhang betrachtet werden.
Bewegung und Veränderung
Im alltäglichen Sinn wird unter Bewegung häufig die Veränderung der räumlichen Position einer Einheit verstanden.
Der Mann läuft.
Das Auto fährt.
Bewegung kann jedoch in einem weiteren Sinn verstanden werden. Einheiten können nicht nur ihre räumliche Position verändern. Auch ihre Eigenschaften, ihre Struktur und ihre Beziehungen zu anderen Einheiten können sich im zeitlichen Verlauf verändern.
In diesem Modell wird Bewegung deshalb in einem erweiterten Sinn als Veränderung im zeitlichen Verlauf verstanden. Eine räumliche Bewegung ist eine besondere Form davon.
Entscheidend ist dabei der Zeitfaktor. Eine Veränderung lässt sich nur feststellen, indem unterschiedliche Zustände einer Einheit oder eines Sachverhalts im zeitlichen Verlauf miteinander verglichen werden.
Vorgang
Eine Veränderung kann als Übergang von einem Zustand in einen anderen auftreten.
Zum Beispiel:
Der Schnee schmilzt.
Dabei verändert sich das Wasser von einem festen Zustand in einen flüssigen Zustand.
Vereinfacht lässt sich dies darstellen:
Zustand A → zeitliche Veränderung → Zustand B
Einen solchen zeitlichen Übergang können wir als Vorgang betrachten.
Auch:
Das Wasser gefriert.
Das Kind wächst.
Das Blatt trocknet.
beschreiben Veränderungen, die sich im zeitlichen Verlauf an einer Einheit vollziehen.
Handlung
Eine besondere Form der Bewegung beziehungsweise Veränderung liegt vor, wenn sie von einer handelnden Einheit ausgeht.
Der Mann läuft.
Die Handlung geht vom Mann aus und kann auf ihn selbst beschränkt bleiben.
Sie kann jedoch auch weitere Einheiten betreffen:
Der Mann öffnet die Tür.
Oder mehrere Einheiten können in unterschiedlichen Beziehungen an ihr beteiligt sein:
Der Mann gibt dem Kind das Buch.
Die Handlung geht vom Mann aus, betrifft aber zugleich das Kind und das Buch.
Damit knüpft das Verb unmittelbar an die im vorherigen Kapitel untersuchten Beziehungen zwischen Nominativ, Dativ und Akkusativ an.
Zustand
Ein Zustand scheint zunächst das Gegenteil einer Bewegung oder Veränderung zu sein.
Zum Beispiel:
Das Buch liegt auf dem Tisch.
Der Mann ist müde.
Das Auto steht vor dem Haus.
Hier wird keine Veränderung der bezeichneten Beziehung beschrieben.
Ein Zustand besteht jedoch ebenfalls in der Zeit. Er bezeichnet eine Eigenschaft, Lage oder Beziehung, die innerhalb eines betrachteten Zeitabschnitts als relativ gleichbleibend aufgefasst wird.
Ein Zustand bedeutet deshalb nicht, dass in der Wirklichkeit überhaupt keine Veränderung stattfindet. Vielmehr wird hinsichtlich einer bestimmten Eigenschaft oder Beziehung während eines bestimmten Zeitabschnitts relative Beständigkeit betrachtet.
Eine grundlegende Definition des Verbs
Damit haben Handlung, Bewegung, Vorgang, Veränderung und Zustand trotz ihrer Unterschiede eine gemeinsame Grundlage:
Sie beziehen sich auf Einheiten und Sachverhalte im zeitlichen Verlauf.
Während das Nomen die Einheit begrifflich erfasst und sprachlich bezeichnet, betrachtet das Verb die Einheit oder den Sachverhalt unter seinem zeitlichen Aspekt.
Daraus ergibt sich für dieses Modell folgende grundlegende Definition:
Das Verb ist die Wortart, mit der Bewegungen beziehungsweise Veränderungen, Handlungen, Vorgänge und relative Zustände von Einheiten und Sachverhalten in ihrem zeitlichen Verlauf sprachlich dargestellt werden.
Oder anders erklärt: Während das Nomen Einheiten der Wirklichkeit sprachlich bezeichnet, stellt das Verb diese Einheiten und ihre Beziehungen im zeitlichen Verlauf dar.
Verbarten
Die Wirklichkeit mit ihren Einheiten, Eigenschaften und Beziehungen verändert sich räumlich und zeitlich. Da diese Veränderungen sehr unterschiedliche und komplexe Formen annehmen können, treten auch Handlungen, Vorgänge und Zustände in unterschiedlichen Formen und Beziehungen auf.
Dementsprechend lassen sich Verben nach verschiedenen Gesichtspunkten unterscheiden und klassifizieren.
Eine solche Klassifizierung ergibt sich aus der Frage, in welcher Beziehung das Verb zu den nominal bezeichneten Einheiten eines Sachverhalts steht.
Verben im Verhältnis zu den Objekten
Im vorangegangenen Kapitel über das Nomen haben wir gesehen, dass nominal bezeichnete Einheiten in Verbindung mit einem Verb unterschiedliche Beziehungen einnehmen können, die im Deutschen unter anderem durch verschiedene Kasus gekennzeichnet werden.
Dort wurde diese Beziehung aus der Sicht des Nomens betrachtet.
Nun betrachten wir dieselbe Beziehung aus der Sicht des Verbs.
Dabei stellt sich die Frage:
Beschränkt sich die vom Verb dargestellte Handlung, der Vorgang oder Zustand auf das Subjekt, oder verlangt das Verb weitere nominale Einheiten als Objekte?
Aus dieser Betrachtung lassen sich verschiedene Verbarten unterscheiden.
Intransitive Verben
Handlungen, Vorgänge oder Zustände können so dargestellt werden, dass das Verb neben dem Subjekt kein direktes Objekt im Akkusativ verlangt.
Solche Verben werden als intransitive Verben bezeichnet.
Zum Beispiel:
Die Frau schläft.
Das Subjekt die Frau steht im Nominativ. Das Verb schlafen verlangt kein Akkusativobjekt, auf das sich die Handlung beziehungsweise der Zustand richtet.
Der Satz kann jedoch weitere Einheiten enthalten:
Die Frau schläft mit ihrem Kind.
Hier tritt mit ihrem Kind eine weitere Einheit im beschriebenen Sachverhalt auf. Diese Einheit wird jedoch durch die Präposition mit in die Beziehung einbezogen:
mit + Dativ → mit ihrem Kind
Sie ist deshalb kein vom Verb schlafen verlangtes Akkusativobjekt.
Die Bezeichnung intransitiv bedeutet somit nicht, dass in einem Satz außer dem Subjekt keine weiteren Einheiten auftreten dürfen. Sie beschreibt vielmehr eine bestimmte Nomen-Verb-Beziehung: Das Verb verlangt kein direktes Akkusativobjekt.
Transitive Verben
Handlungen und Vorgänge können sich über das Subjekt hinaus unmittelbar auf eine weitere Einheit richten. Verlangt ein Verb neben dem Subjekt im Nominativ ein direktes Objekt im Akkusativ, wird es in dieser Verwendung als transitiv bezeichnet.
Zum Beispiel:
Der Lehrer liest ein Buch.
Der Lehrer ist der Ausführende der Handlung und steht als Subjekt im Nominativ. Das Buch ist die Einheit, auf die sich die Handlung unmittelbar richtet, und steht als direktes Objekt im Akkusativ:
der Lehrer → liest → ein Buch
Damit ergibt sich die grundlegende Beziehung:
Subjekt (Nominativ) + Verb + direktes Objekt (Akkusativ)
Auch ein solcher Satz kann jedoch weitere Einheiten einbeziehen:
Der Lehrer liest ein Buch mit seinen Schülern.
Die Schüler nehmen ebenfalls an dem beschriebenen Sachverhalt teil. Sie werden jedoch durch die Präposition mit in die Beziehung einbezogen und bilden kein weiteres vom Verb verlangtes Objekt.
Die Bezeichnung transitiv bedeutet somit nicht, dass in einem Satz außer dem Subjekt und dem direkten Objekt keine weiteren Einheiten auftreten dürfen. Sie beschreibt vielmehr die unmittelbare Nomen-Verb-Beziehung:
Ein transitives Verb verbindet in dieser Verwendung ein Subjekt im Nominativ mit einem direkten Objekt im Akkusativ und verlangt keine weiteren Objekte.
Dadurch erhalten wir eine klare Abgrenzung zum vorherigen Abschnitt:
intransitiv → Subjekt + Verb
transitiv → Subjekt + Verb + direktes Objekt
Ditransitive Verben
Eine Handlung kann sich nicht nur auf das Subjekt und eine weitere Einheit beschränken. Es können auch zwei Objekte in unterschiedlicher Weise an der Handlung beteiligt sein.
Dies haben wir bereits im Kapitel über das Nomen am Beispiel des Kasus betrachtet. Dort wurde die Beziehung aus der Sicht der beteiligten Einheiten untersucht. Nun betrachten wir dieselbe Beziehung aus der Sicht des Verbs.
Zum Beispiel:
Der Mann gibt dem Kind das Buch.
Der Mann ist der Ausführende der Handlung und steht als Subjekt im Nominativ.
Das Buch ist unmittelbar von der Handlung betroffen. Es ist das, was gegeben wird, und steht als direktes Objekt im Akkusativ.
Das Kind wird ebenfalls in die Handlung einbezogen. Es ist jedoch nicht das, was gegeben wird, sondern die Einheit, der das Buch gegeben wird. Es steht als indirektes Objekt im Dativ.
Damit ergibt sich:
der Mann → gibt → dem Kind → das Buch
beziehungsweise:
Subjekt (Nominativ) + Verb + indirektes Objekt (Dativ) + direktes Objekt (Akkusativ)
Verben, die in dieser Weise neben dem Subjekt zwei Objekte in die Handlung einbeziehen, werden in dieser Verwendung als ditransitive Verben bezeichnet.
Weitere Beispiele sind:
Die Mutter schenkt dem Kind ein Fahrrad.
Der Lehrer erklärt den Schülern die Aufgabe.
Die Frau zeigt dem Mann den Weg.
In allen diesen Fällen geht die Handlung vom Subjekt aus und bezieht zwei weitere Einheiten ein: eine als indirektes Objekt im Dativ und eine als direktes Objekt im Akkusativ.
Auch bei ditransitiven Verben können zusätzliche Einheiten durch Präpositionen in den Sachverhalt einbezogen werden:
Die Mutter schenkt dem Kind zum Geburtstag ein Fahrrad.
Die Präpositionalgruppe zum Geburtstag verändert die grundlegende Beziehung zwischen Subjekt, Verb und den beiden Objekten nicht.
Die Bezeichnung ditransitiv bedeutet somit in unserem Modell:
Ein ditransitives Verb verbindet in dieser Verwendung ein Subjekt im Nominativ mit einem indirekten Objekt im Dativ und einem direkten Objekt im Akkusativ.
Damit entsteht aus der Anzahl und Art der vom Verb unmittelbar einbezogenen Objekte eine klare Abstufung:
intransitiv:
Subjekt + Verb
Die Frau schläft.
transitiv:
Subjekt + Verb + direktes Objekt
Der Lehrer liest ein Buch.
ditransitiv:
Subjekt + Verb + indirektes Objekt + direktes Objekt
Der Mann gibt dem Kind das Buch.
Hinweis zu Verben mit Dativobjekt
Wie bereits im vorangegangenen Kapitel über das Nomen bei der Nomen-Verb-Beziehung beschrieben wurde, gibt es im Deutschen einige Verben, die neben dem Subjekt im Nominativ kein Akkusativobjekt, sondern ein Dativobjekt verlangen.
Dazu gehören beispielsweise:
helfen, folgen, gefallen, gehören, vertrauen
Zum Beispiel:
Der Lehrer hilft seinem Schüler.
Das Haus gehört seinem Vater.
Die grundlegende Struktur lautet hier:
Subjekt (Nominativ) + Verb + Objekt (Dativ)
Diese Verben passen damit nicht unmittelbar in das zuvor dargestellte Grundmuster:
intransitiv → Subjekt + Verb
transitiv → Subjekt + Verb + Akkusativobjekt
ditransitiv → Subjekt + Verb + Dativobjekt + Akkusativobjekt
Da sie jedoch neben dem Subjekt ein vom Verb verlangtes Objekt besitzen, können sie in unserem Modell als Sonderfall innerhalb der objektbezogenen Verben betrachtet werden.
Reflexive und reziproke Verben
Neben den bisher betrachteten Verbarten können Handlungen danach unterschieden werden, in welcher Beziehung die beteiligten Einheiten zueinander stehen.
Eine Handlung kann vom Subjekt ausgehen und auf dasselbe Subjekt zurückgerichtet sein. Sie kann aber auch zwischen mehreren beteiligten Einheiten wechselseitig stattfinden.
Daraus ergeben sich reflexive und reziproke Verwendungen von Verben.
Reflexive Verben
Bei einer reflexiven Handlung geht die Handlung vom Subjekt aus und richtet sich auf dieselbe Einheit zurück.
Zum Beispiel:
Die Frau wäscht sich.
Die Frau ist einerseits die Ausführende der Handlung:
die Frau → wäscht
Andererseits ist sie selbst von der Handlung betroffen:
die Frau → sich
Ausführende und betroffene Einheit sind somit identisch.
Das Reflexivpronomen kann dabei im Akkusativ stehen:
Der Mann rasiert sich.
Die Frau wäscht sich.
Es kann jedoch auch im Dativ stehen, wenn zusätzlich ein direktes Objekt im Akkusativ vorhanden ist:
Die Frau wäscht sich die Hände.
Hier ist:
die Frau → Subjekt im Nominativ
sich → Reflexivpronomen im Dativ
die Hände → direktes Objekt im Akkusativ
Bei manchen Verben gehört das Reflexivpronomen fest zum Verb und kann nicht ohne Weiteres durch eine andere Einheit ersetzt werden:
Der Mann beeilt sich.
Die Frau befindet sich im Haus.
Bei anderen Verben entsteht die reflexive Verwendung dadurch, dass eine Handlung, die auch auf eine andere Einheit gerichtet werden könnte, auf das Subjekt selbst zurückgerichtet wird:
Die Frau wäscht das Kind.
Die Frau wäscht sich.
Reflexivität beschreibt damit eine besondere Beziehung: Die Einheit, von der die Handlung ausgeht, und die Einheit, auf die sie zurückgerichtet ist, sind dieselbe.
Reziproke Verben
Eine andere Beziehung entsteht, wenn mehrere Einheiten dieselbe Handlung wechselseitig aufeinander richten.
Zum Beispiel:
Die beiden Freunde begrüßen sich.
Der erste Freund begrüßt den zweiten, und der zweite begrüßt den ersten.
Die Beziehung verläuft damit in beide Richtungen:
A → B
B → A
Eine solche wechselseitige Beziehung wird als reziprok bezeichnet.
Weitere Beispiele sind:
Sie lieben sich.
Die Nachbarn helfen sich.
Im Unterschied zur reflexiven Beziehung richtet sich die Handlung nicht von einer Einheit auf dieselbe Einheit zurück, sondern zwischen mindestens zwei Einheiten gegenseitig aufeinander.
Vereinfacht können wir deshalb unterscheiden:
reflexiv: A → A
reziprok: A ↔ B
Funktionsverbgefüge
Nicht jede spezifische Bedeutung einer Handlung, eines Vorgangs oder eines Zustands wird im Deutschen durch ein einzelnes Verb ausgedrückt. In bestimmten Fällen verbindet sich ein Verb mit einem nominalen Bestandteil zu einer festen Bedeutungseinheit.
Solche Verbindungen werden in der traditionellen deutschen Grammatik als Funktionsverbgefüge bezeichnet.
Dabei kann ein Nomen verwendet werden, das mit einem Verb in einer Wortbildungsbeziehung steht.
Zum Beispiel:
ansprechen → Anspruch → in Anspruch nehmen
verfügen → Verfügung → zur Verfügung stehen
Die ursprünglichen Verben können selbstverständlich auch selbstständig verwendet werden. Dabei drücken sie jedoch nicht dieselbe spezifische Bedeutung aus wie das Funktionsverbgefüge.
Vergleichen wir:
Der Lehrer spricht den Schüler an.
und:
Der Schüler nimmt die Hilfe des Lehrers in Anspruch.
Das Verb ansprechen bezeichnet im ersten Satz eine andere Handlung als die Verbindung in Anspruch nehmen im zweiten Satz. Die spezifische Bedeutung von in Anspruch nehmen entsteht erst aus der gesamten Verbindung und kann beispielsweise im Sinne von etwas nutzen oder von etwas Gebrauch machen verstanden werden.
Ähnlich verhält es sich mit:
Der Mann verfügt über das Auto.
und:
Das Auto steht dem Mann zur Verfügung.
Das Verb stehen kann allein einen Zustand beziehungsweise eine räumliche Lage ausdrücken:
Das Auto steht vor dem Haus.
Im Funktionsverbgefüge
zur Verfügung stehen
hat stehen diese ursprüngliche räumliche Bedeutung jedoch nicht mehr in derselben Weise. Erst die gesamte Verbindung drückt den spezifischen Sachverhalt aus, dass etwas für jemanden verfügbar ist beziehungsweise von ihm genutzt werden kann.
In einem Funktionsverbgefüge liegt die spezifische Bedeutung daher nicht im Verb allein, sondern entsteht durch das Zusammenwirken des Verbs mit dem nominalen Bestandteil. Das Verb übernimmt dabei häufig vor allem eine grammatische Funktion, während der nominale Bestandteil einen wesentlichen Teil der inhaltlichen Bedeutung trägt.
Der nominale Bestandteil kann deshalb nicht beliebig weggelassen oder ersetzt werden, ohne dass die Bedeutung der gesamten Verbindung verändert wird oder verloren geht.
Weitere Beispiele sind:
eine Entscheidung treffen
in Betracht kommen
zur Anwendung kommen
in Verbindung stehen
Einfluss nehmen
Für unser Modell ist dabei vor allem folgende Erkenntnis wichtig:
Die Bedeutung einer Handlung, eines Vorgangs oder eines Zustands muss nicht vollständig in einem einzelnen Verb liegen. Sie kann sich auch aus einer festen Verbindung von Verb und nominalem Bestandteil ergeben, die gemeinsam eine spezifische Bedeutungseinheit bilden.
Wie die beteiligten Nomen selbst gebildet werden, ist dagegen eine Frage der Morphologie und Wortbildung und wird dort gesondert behandelt.
Klassifizierung nach der Konjugation
Handlungen, Vorgänge und Zustände können in der konkreten sprachlichen Verwendung nicht ausschließlich durch die unveränderte Infinitivform eines Verbs ausgedrückt werden.
Der Infinitiv:
gehen
bezeichnet das Verb zunächst, ohne festzulegen, welche konkrete Einheit innerhalb einer Kommunikationssituation als Subjekt mit dem Geschehen verbunden wird.
Sobald ein Verb jedoch in einem Satz verwendet wird, kann die dargestellte Handlung, der Vorgang oder Zustand unterschiedlichen Einheiten zugeordnet werden. Besonders deutlich wird dies innerhalb einer Kommunikation, in der zwischen Sprecher, Hörer und anderen Personen oder Dingen unterschieden wird.
Dadurch verändert sich die Form des Verbs einerseits entsprechend der Person und dem Numerus des Subjekts und andererseits entsprechend den eigenen Konjugationseigenschaften des jeweiligen Verbs.
Konjugation nach den Kommunikationsbeteiligten
Während einer Kommunikation kann der Sprecher über sich selbst sprechen:
ich gehe
Er kann sich an einen Hörer richten und dessen Handlung beschreiben:
du gehst
Oder er kann über eine andere Person oder Sache sprechen:
er, sie, es geht
Dieselben Beziehungen können auch mehrere Einheiten umfassen.
Der Sprecher kann sich selbst zusammen mit anderen Personen als Gruppe einbeziehen:
wir gehen
Er kann mehrere Hörer ansprechen:
ihr geht
Oder er kann über mehrere andere Personen oder Dinge sprechen:
sie gehen
Daraus ergeben sich die sechs grundlegenden Kombinationen aus Person und Numerus:
1. Person Singular: ich gehe
2. Person Singular: du gehst
3. Person Singular: er, sie, es geht
1. Person Plural: wir gehen
2. Person Plural: ihr geht
3. Person Plural: sie gehen
Bei der höflichen Anrede wird außerdem Sie verwendet:
Sie gehen.
Die verschiedenen Personalformen des Verbs stehen damit in Beziehung zur jeweiligen Kommunikationssituation: Es wird unterschieden, ob der Sprecher über sich selbst, seinen Hörer oder andere Personen beziehungsweise Dinge spricht und ob die jeweils bezeichneten Einheiten einzeln oder als Mehrzahl auftreten.
Dabei treffen zwei bereits bekannte grammatische Kategorien aufeinander:
Person bestimmt die Beziehung der bezeichneten Einheit zur Kommunikationssituation.
Numerus unterscheidet zwischen einer einzelnen und mehreren bezeichneten Einheiten.
Beide wirken gemeinsam auf die Form des Verbs:
ich gehe – wir gehen
du gehst – ihr geht
er geht – sie gehen
Die Veränderung der Verbform nach Person und Numerus ist ein wesentlicher Bestandteil der Konjugation.
Konjugation nach der Art des Verbs
Die Form eines Verbs hängt nicht nur von der Person und dem Numerus des Subjekts ab. Sie hängt auch davon ab, wie das jeweilige Verb seine unterschiedlichen Formen bildet.
Aus der Sicht eines möglichst einfachen grammatischen Systems könnte man sich vorstellen, dass alle Verben nach demselben Muster verändert werden. Eine natürlich entstandene Sprache ist jedoch kein von Anfang an geplantes und vollständig einheitliches System. Sie entwickelt sich über lange Zeiträume. Dabei können unter anderem Lautwandel, sprachliche Gewohnheiten, Analogien und andere historische Entwicklungen dazu führen, dass unterschiedliche Formenbildungen nebeneinander entstehen und erhalten bleiben.
Deshalb werden die Formen der deutschen Verben nicht alle nach demselben Muster gebildet.
Diese Unterschiede können bereits bei den Personalformen sichtbar werden und treten auch bei der Bildung weiterer Verbformen wie Präteritum und Partizip II auf.
Schwache Verben
Bei schwachen Verben bleibt der Verbstamm bei der Formenbildung im Wesentlichen erhalten. Die verschiedenen Formen werden überwiegend durch regelmäßige Endungen und weitere regelmäßige Bildungselemente gebildet.
Zum Beispiel im Präsens:
reden
ich rede
du redest
er, sie, es redet
wir reden
ihr redet
sie reden
Auch bei der Bildung des Präteritums und des Partizips II bleibt der Stamm erhalten:
reden – redete – geredet
Ein weiteres Beispiel ist:
machen – machte – gemacht
Schwache Verben folgen damit einem weitgehend regelmäßigen Muster der Formenbildung.
Starke Verben
Bei starken Verben kann sich der Stamm bei der Bildung bestimmter Verbformen verändern. Besonders charakteristisch ist die Veränderung des Stammvokals durch den sogenannten Ablaut.
Zum Beispiel:
nehmen – nahm – genommen
Bei manchen starken Verben zeigt sich eine Veränderung des Stammvokals auch bereits in bestimmten Personalformen des Präsens:
ich nehme
du nimmst
er, sie, es nimmt
wir nehmen
ihr nehmt
sie nehmen
Bei anderen starken Verben bleibt der Stammvokal im Präsens dagegen unverändert:
ich gehe – du gehst – er geht
Die starke Formenbildung zeigt sich hier erst beim Vergleich weiterer Formen besonders deutlich:
gehen – ging – gegangen
Starke Verben verändern ihre Formen daher nicht alle an denselben Stellen. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass bestimmte Formen durch historisch entwickelte Veränderungen des Stammvokals gekennzeichnet sind.
Gemischte Verben
Gemischte Verben verbinden Merkmale der schwachen und starken Formenbildung.
Zum Beispiel:
bringen – brachte – gebracht
Der Stamm von bringen verändert sich:
bring- → brach- / brach-
Gleichzeitig treten Bildungselemente auf, die für schwache Verben charakteristisch sind:
brach-te
ge-brach-t
Ähnlich verhält es sich bei:
denken – dachte – gedacht
kennen – kannte – gekannt
Diese Verben verbinden somit unterschiedliche Merkmale der Formenbildung und werden deshalb als gemischte Verben bezeichnet.
Unregelmäßige Verben
Einige Verben weisen Formen auf, die sich nicht ausreichend durch die zuvor dargestellten regelmäßigen oder charakteristischen Bildungsmuster erklären lassen.
Ein besonders deutliches Beispiel ist das Verb sein.
Bereits im Präsens treten stark unterschiedliche Formen auf:
ich bin
du bist
er, sie, es ist
wir sind
ihr seid
sie sind
Auch beim Vergleich weiterer Formen zeigt sich diese Besonderheit:
sein – war – gewesen
Die Formen unterscheiden sich so stark voneinander, dass sie nicht nach einem einfachen gemeinsamen Bildungsmuster aus dem Infinitiv abgeleitet werden können.
Solche Verben werden als unregelmäßige Verben bezeichnet.
Die unterschiedlichen Arten der Konjugation zeigen damit erneut, dass eine Sprache kein von Anfang an geplantes und vollständig einheitliches System ist. Ihre heutigen Formen sind das Ergebnis einer langen sprachgeschichtlichen Entwicklung.
Verben mit Präfixen
Präfixe spielen im Deutschen eine wichtige Rolle bei der Wortbildung. Wie durch Präfixe neue Wörter und Bedeutungen entstehen, wird später im Zusammenhang mit der Morphologie und Wortbildung ausführlicher behandelt.
Im Zusammenhang mit dem Verb interessiert uns an dieser Stelle vor allem, wie sich Präfix und Verbstamm bei der Veränderung und Verwendung der Verbformen zueinander verhalten.
Dabei lassen sich zunächst trennbare und untrennbare Verben unterscheiden.
Trennbare Verben
Bei manchen Verben kann sich das Präfix unter bestimmten grammatischen Bedingungen vom übrigen Verb trennen. Solche Verben werden als trennbare Verben bezeichnet.
Zum Beispiel:
ankommen → an + kommen
losfahren → los + fahren
anschauen → an + schauen
Steht ein solches Verb als konjugiertes Verb in einem selbstständigen Aussagesatz, tritt das Präfix getrennt auf:
Seine Frau kommt heute um 18 Uhr in Frankfurt an.
Der Zug fährt um 8 Uhr los.
Ich schaue mir den Text in Ruhe an.
Dabei gehören die getrennten Bestandteile weiterhin zu demselben Verb:
ankommen → kommt … an
losfahren → fährt … los
anschauen → schaut … an
Die Bezeichnung trennbar bedeutet jedoch nicht, dass das Präfix bei jeder Verwendung tatsächlich getrennt wird.
Steht das Verb beispielsweise als Infinitiv in Verbindung mit einem Modalverb, bleiben Präfix und Verbstamm zusammen:
Seine Frau sollte heute um 18 Uhr in Frankfurt ankommen.
Der Zug muss um 8 Uhr losfahren.
Auch in einem Nebensatz können die Bestandteile zusammenbleiben:
Ich weiß, dass seine Frau heute um 18 Uhr in Frankfurt ankommt.
Eine weitere Besonderheit zeigt sich bei der Bildung des Partizips II. Bei vielen trennbaren Verben tritt ge- zwischen Präfix und Verbstamm:
ankommen → an + ge + kommen → angekommen
losfahren → los + ge + fahren → losgefahren
anschauen → an + ge + schaut → angeschaut
Zum Beispiel:
Seine Frau ist heute um 18 Uhr in Frankfurt angekommen.
Das Präfix steht hier nicht als selbstständiger Bestandteil getrennt vom Verb. Seine Beziehung zum Verbstamm wird jedoch daran sichtbar, dass ge- zwischen Präfix und Stamm tritt.
Untrennbare Verben
Bei anderen Verben kann das Präfix nicht vom Verbstamm getrennt auftreten. Solche Verben werden als untrennbare Verben bezeichnet.
Dazu gehören beispielsweise Verben mit Präfixen wie be-, ent-, er-, ver- und zer-:
besuchen
entdecken
erzählen
versprechen
zerlegen
Bei der Verwendung des konjugierten Verbs bleiben Präfix und Verbstamm miteinander verbunden:
Der Lehrer verspricht seinen Schülern weitere Unterstützung.
Man zerlegt komplexe Texte in kleine, verständliche Teile.
Auch bei der Bildung des Partizips II tritt bei diesen Verben normalerweise kein zusätzliches ge- zwischen Präfix und Verbstamm:
besuchen → besucht
entdecken → entdeckt
erzählen → erzählt
versprechen → versprochen
zerlegen → zerlegt
Vergleichen wir damit noch einmal:
ankommen → angekommen
aber:
versprechen → versprochen
Die Unterscheidung zwischen trennbaren und untrennbaren Verben zeigt damit, dass ein Präfix bei der Formenbildung und Verwendung eines Verbs unterschiedliche Beziehungen zum Verbstamm aufweisen kann.
Welche Bedeutung die einzelnen Präfixe besitzen, wie sie die Bedeutung eines Verbs verändern und wie dadurch neue Wörter entstehen, gehört dagegen zur Morphologie und Wortbildung und wird dort gesondert untersucht.
Verben nach ihrer Funktion im Satz
Handlungen, Vorgänge und Zustände können aufgrund der Komplexität der Wirklichkeit und der unterschiedlichen Kommunikationssituationen auf verschiedene Weise sprachlich dargestellt werden.
Manchmal genügt ein einzelnes Verb, um das eigentliche Geschehen oder den Zustand auszudrücken:
Ich gehe nach Hause.
In einer konkreten Kommunikationssituation kann der Sprecher jedoch zusätzliche Informationen ausdrücken wollen. Er kann beispielsweise deutlich machen, dass etwas in der Vergangenheit geschehen ist, in der Zukunft geschehen wird oder dass er eine Handlung wünscht, für möglich hält, beabsichtigt oder für notwendig erachtet.
Dann können mehrere Verben zusammenwirken und innerhalb des Satzes unterschiedliche Funktionen übernehmen.
Nach dieser Funktion lassen sich unter anderem Vollverben, Hilfsverben und Modalverben unterscheiden.
Vollverben
Kann ein Verb die eigentliche Bedeutung einer Handlung, eines Vorgangs oder eines Zustands selbstständig tragen, wird es als Vollverb bezeichnet.
Zum Beispiel:
Ich lerne Deutsch.
Es regnet stark.
Er liegt auf dem Sofa.
Die Verben lernen, regnen und liegen tragen hier die wesentliche inhaltliche Bedeutung und stellen die Handlung, den Vorgang beziehungsweise den Zustand unmittelbar dar.
Vollverben können jedoch auch gemeinsam mit anderen Verben auftreten. Dabei behalten sie einen wesentlichen Teil der inhaltlichen Bedeutung, während die anderen Verben zusätzliche grammatische oder modale Funktionen übernehmen.
Hilfsverben
Will der Sprecher beispielsweise bestimmte zusammengesetzte Verbformen bilden, reicht die Form des Vollverbs allein nicht immer aus. Dann werden Hilfsverben verwendet.
Vergleichen wir:
Ich lerne Deutsch.
Ich habe Deutsch gelernt.
Ich werde Deutsch lernen.
Oder:
Es regnet stark.
Es hat stark geregnet.
Es wird stark regnen.
Und:
Er liegt auf dem Sofa.
Er hat auf dem Sofa gelegen.
In diesen Beispielen tragen lernen, regnen und liegen weiterhin die wesentliche inhaltliche Bedeutung des dargestellten Geschehens oder Zustands. Die Verben haben und werden übernehmen dagegen zusätzliche grammatische Funktionen bei der Bildung der jeweiligen Verbformen.
Zu den Hilfsverben des Deutschen gehören:
haben, sein und werden
Dabei ist wichtig, dass dieselben Verben nicht in jedem Satz als Hilfsverben auftreten müssen.
Vergleichen wir:
Ich habe ein Buch.
Hier besitzt haben eine eigene inhaltliche Bedeutung und wird als Vollverb verwendet.
Dagegen:
Ich habe ein Buch gelesen.
Hier dient haben der Bildung des Perfekts und wird als Hilfsverb verwendet.
Entscheidend ist daher nicht allein das Verb selbst, sondern seine Funktion in der jeweiligen Verwendung.
Modalverben
In manchen Situationen genügt es dem Sprecher nicht, eine Handlung oder einen Vorgang lediglich darzustellen. Er möchte zusätzlich ausdrücken, wie er zu dessen Durchführung oder Möglichkeit steht.
Vergleichen wir:
Ich gehe nach Hause.
und:
Ich möchte nach Hause gehen.
Im ersten Satz wird das Gehen unmittelbar dargestellt. Im zweiten Satz wird zusätzlich ein Wunsch des Sprechers ausgedrückt.
In einer konkreten Gesprächssituation kann eine solche Äußerung zugleich als höflicher Hinweis verstanden werden, dass der Sprecher das Gespräch oder die gegenwärtige Situation beenden möchte. Diese zusätzliche kommunikative Bedeutung ergibt sich jedoch aus dem Zusammenhang.
Modalverben können unter anderem Möglichkeit, Fähigkeit, Erlaubnis, Notwendigkeit, Verpflichtung, Wunsch oder Absicht ausdrücken.
Zum Beispiel:
Darf ich gehen?
Ich kann Deutsch sprechen.
Du musst die Aufgabe erledigen.
Ich will nach Hause gehen.
Zu den Modalverben gehören:
dürfen, können, mögen, müssen, sollen und wollen.
Daneben wird die Form möchte von mögen sehr häufig verwendet, um einen Wunsch auszudrücken:
Ich möchte nach Hause gehen.
Das Modalverb trägt dabei nicht allein die eigentliche Handlung. Diese wird im letzten Beispiel durch gehen ausgedrückt. Das Modalverb möchte fügt hinzu, in welcher Weise der Sprecher diese Handlung hinsichtlich seines Wunsches darstellt.
Vereinfacht können wir deshalb unterscheiden:
Vollverb → trägt die wesentliche inhaltliche Bedeutung
Hilfsverb → hilft bei der Bildung grammatischer Verbformen
Modalverb → ergänzt die Handlung oder den Vorgang um eine modale Bedeutung wie Möglichkeit, Notwendigkeit, Fähigkeit oder Wunsch
Kopulaverben
Nicht immer soll mit einem Verb eine Handlung oder ein Vorgang als eigenständiges Geschehen beschrieben werden. In manchen Sachverhalten soll einer Einheit vielmehr eine Eigenschaft, ein Zustand oder eine andere Bestimmung zugeordnet werden.
Dazu können Kopulaverben verwendet werden. Sie stellen eine Verbindung zwischen dem Subjekt und der Aussage her, die über dieses Subjekt gemacht wird.
Zum Beispiel:
Das Auto ist neu.
Das Verb ist verbindet die Einheit das Auto mit der Eigenschaft neu:
das Auto ↔ ist ↔ neu
Das Verb trägt hier nicht die Bedeutung einer Handlung. Es ermöglicht vielmehr die Zuordnung einer Eigenschaft zum Subjekt.
Ähnlich:
Das Wetter wird schön.
Hier verbindet wird das Subjekt das Wetter mit der Eigenschaft schön. Gleichzeitig weist das Verb auf eine Veränderung des Zustands hin: Das Wetter geht von seinem bisherigen Zustand in einen als schön bezeichneten Zustand über.
Auch:
Die Dame bleibt ruhig.
Das Verb bleibt verbindet die Dame mit dem Zustand ruhig. Im Unterschied zu werden wird dabei kein Übergang in einen neuen Zustand dargestellt, sondern das Fortbestehen eines Zustands.
Damit zeigen die drei wichtigsten Kopulaverben unterschiedliche zeitliche Beziehungen:
sein → bestehender Zustand
werden → Übergang in einen Zustand
bleiben → Fortbestehen eines Zustands
Die Verben sein, werden und bleiben können daher als Kopulaverben verwendet werden. In dieser Funktion verbinden sie das Subjekt mit einer Eigenschaft, einem Zustand oder einer anderen Bestimmung.
Diese Bestimmung muss nicht immer ein Adjektiv sein:
Das Auto ist neu.
aber auch:
Die Frau ist Ärztin.
Hier verbindet ist das Subjekt die Frau nicht mit einer Eigenschaft, sondern mit einer nominalen Bestimmung.
Wie bei den Hilfsverben ist dabei die jeweilige Funktion im Satz entscheidend. Besonders sein und werden können in anderen Zusammenhängen auch andere Funktionen übernehmen:
Das Auto ist neu. → ist als Kopulaverb
Die Frau ist angekommen. → ist als Hilfsverb
Das Wetter wird schön. → wird als Kopulaverb
Die Frau wird kommen. → wird als Hilfsverb
Aktiv und Passiv
Ein und dieselbe Handlung oder ein und dasselbe Geschehen in der Wirklichkeit kann sprachlich aus unterschiedlichen Blickwinkeln dargestellt werden. Die Handlung beziehungsweise das Geschehen selbst ändert sich dadurch nicht; es ändert sich lediglich die Perspektive, aus der es sprachlich betrachtet wird.
Der Sprecher kann dabei den Handelnden beziehungsweise den Ausgangspunkt einer Handlung in den Mittelpunkt stellen oder die von der Handlung betroffene Einheit hervorheben. Darüber hinaus kann nicht der Ablauf der Handlung, sondern der daraus entstandene Zustand betrachtet werden.
Aus diesen unterschiedlichen Perspektiven ergeben sich die Ausdrucksformen des Aktivs, des Vorgangspassivs und des Zustandspassivs.
Aktiv
Wird eine Handlung aus der Sicht des handelnden Subjekts dargestellt, spricht man vom Aktiv.
Zum Beispiel:
Der Hund beißt den Mann.
Der Hund ist der Ausführende der Handlung und steht als Subjekt im Nominativ. Der Mann ist von der Handlung unmittelbar betroffen und steht als direktes Objekt im Akkusativ:
der Hund → beißt → den Mann
Im Aktiv wird die Handlung somit ausgehend vom handelnden Subjekt dargestellt.
Vorgangspassiv
Dieselbe Handlung kann aus der Sicht der von ihr betroffenen Einheit dargestellt werden.
Vergleichen wir:
Der Hund beißt den Mann.
Der Mann wird vom Hund gebissen.
Die Handlung in der Wirklichkeit hat sich dadurch nicht verändert. Verändert wurde die sprachliche Perspektive auf die beteiligten Einheiten.
Der Mann, der im Aktiv als direktes Objekt im Akkusativ steht, wird im Passiv zum Subjekt im Nominativ:
den Mann → der Mann
Der ursprüngliche Handelnde kann weiterhin genannt werden:
Der Mann wird vom Hund gebissen.
Er kann jedoch auch weggelassen werden:
Der Mann wird gebissen.
In beiden Fällen steht nicht mehr der ursprüngliche Handelnde im Mittelpunkt. Die betroffene Einheit wird zum Subjekt, während der Vorgang der Handlung dargestellt wird.
Diese Form wird als Vorgangspassiv bezeichnet.
Zustandspassiv
Eine Handlung kann eine Veränderung bewirken, aus der ein neuer Zustand entsteht. Soll nicht der Ablauf dieser Handlung beziehungsweise Veränderung, sondern der daraus entstandene Zustand dargestellt werden, spricht man vom Zustandspassiv.
Vergleichen wir:
Jemand öffnet die Tür.
→ Die Handlung wird ausgehend vom Handelnden dargestellt.
Die Tür wird geöffnet.
→ Der Vorgang des Öffnens wird aus der Sicht der betroffenen Einheit dargestellt.
Die Tür ist geöffnet.
→ Der aus der Handlung entstandene Zustand wird dargestellt.
Dasselbe lässt sich an einem weiteren Beispiel erkennen:
Jemand schließt das Fenster.
Das Fenster wird geschlossen.
Das Fenster ist geschlossen.
Beim Zustandspassiv steht somit nicht mehr der Ablauf der vorausgegangenen Handlung im Mittelpunkt, sondern der Zustand, der als Ergebnis dieser Handlung besteht.
Die unterschiedlichen Perspektiven lassen sich vereinfacht so darstellen:
Aktiv → Handlung ausgehend vom Handelnden
Vorgangspassiv → Vorgang aus der Perspektive der betroffenen Einheit
Zustandspassiv → aus der Handlung entstandener Zustand
Damit verändern Aktiv und Passiv nicht die zugrunde liegende Wirklichkeit. Sie ermöglichen vielmehr, unterschiedliche Seiten beziehungsweise Phasen eines Sachverhalts sprachlich in den Mittelpunkt zu stellen.
Modus
Menschen beobachten die Wirklichkeit und können ihre Beobachtungen, Wahrnehmungen und Erkenntnisse sprachlich anderen Menschen mitteilen. Dabei können sie eine Handlung, einen Vorgang oder einen Zustand als tatsächlich gegeben darstellen.
Sie können jedoch auch die Aussage eines anderen Menschen wiedergeben, einen Wunsch oder eine Vorstellung ausdrücken, eine Möglichkeit darstellen oder jemanden zu einer Handlung auffordern.
Der Sprecher stellt ein Geschehen damit nicht immer in derselben Weise dar. Seine Aussage kann in einem unterschiedlichen Verhältnis zur Wirklichkeit und zu seiner eigenen Aussageabsicht stehen.
Diese unterschiedlichen Ausdrucksweisen werden grammatisch unter dem Begriff Modus zusammengefasst.
Im Deutschen werden dabei Indikativ, Konjunktiv und Imperativ unterschieden. Beim Konjunktiv werden wiederum Konjunktiv I und Konjunktiv II unterschieden.
Indikativ
Will der Sprecher eine Handlung, einen Vorgang oder einen Zustand als wirklich beziehungsweise tatsächlich gegeben darstellen, verwendet er normalerweise den Indikativ.
Zum Beispiel:
Er geht nach Hause.
Mit dieser Aussage stellt der Sprecher das Nachhausegehen als tatsächliches Geschehen dar.
Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass die Aussage auch objektiv wahr sein muss. Der Indikativ kennzeichnet zunächst die Art, wie der Sprecher den Sachverhalt sprachlich darstellt.
Der Indikativ ist die gebräuchlichste Form des Verbs für Aussagen über tatsächlich dargestellte Sachverhalte.
Konjunktiv I
Ein Sprecher kann nicht nur eigene Beobachtungen oder Aussagen darstellen, sondern auch wiedergeben, was eine andere Person gesagt hat.
Zum Beispiel sagt jemand:
„Ich gehe nach Hause.“
Ein anderer Sprecher kann diese Aussage wiedergeben:
Er sagt, er gehe nach Hause.
Die Form gehe steht hier im Konjunktiv I.
Der Sprecher stellt damit nicht unmittelbar selbst fest:
Er geht nach Hause.
Vielmehr gibt er wieder, was eine andere Person gesagt hat.
Der Konjunktiv I wird deshalb insbesondere bei der indirekten Rede und der Wiedergabe fremder Aussagen verwendet.
Konjunktiv II
Eine Handlung, ein Vorgang oder ein Zustand kann auch als Vorstellung, Möglichkeit, Wunsch oder nicht tatsächlich gegebener Sachverhalt dargestellt werden.
Dazu kann der Konjunktiv II verwendet werden.
Zum Beispiel:
Er ginge nach Hause, wenn er Zeit hätte.
Hier wird das Nachhausegehen nicht als tatsächlich stattfindende Handlung dargestellt. Es wird von einer Bedingung abhängig gemacht:
wenn er Zeit hätte → ginge er nach Hause
Auch Wünsche können mit dem Konjunktiv II ausgedrückt werden:
Wenn ich doch mehr Zeit hätte!
Der Konjunktiv II ermöglicht somit, Sachverhalte darzustellen, die nicht einfach als tatsächlich gegeben behauptet werden, sondern beispielsweise vorgestellt, gewünscht, bedingt oder als Möglichkeit betrachtet werden.
Imperativ
Der Sprecher kann Sprache auch dazu verwenden, einen Hörer zu einer Handlung oder zu einem bestimmten Verhalten aufzufordern.
Dazu dient der Imperativ.
Zum Beispiel:
Geh nach Hause!
Hier beschreibt der Sprecher nicht, dass der Hörer nach Hause geht. Er fordert ihn vielmehr dazu auf, diese Handlung auszuführen.
Eine Aufforderung kann auch höflich formuliert werden:
Gehen Sie bitte nach Hause!
Der Imperativ richtet sich damit unmittelbar an einen oder mehrere Hörer und bringt eine Aufforderung, Bitte, Anweisung oder einen Befehl zum Ausdruck.
In einem selbstständigen Imperativsatz steht das Verb typischerweise am Anfang:
Komm bitte herein!
Öffnen Sie das Buch!
Wartet hier!
Ein Ausrufezeichen kann die Aufforderung schriftlich hervorheben, ist jedoch nicht zwingend. Besonders höfliche Bitten können auch mit einem Punkt abgeschlossen werden:
Warten Sie bitte einen Augenblick.
Die unterschiedlichen Modi zeigen damit, dass die Form eines Verbs nicht allein davon abhängt, welche Handlung, welcher Vorgang oder welcher Zustand dargestellt wird. Sie hängt auch davon ab, in welchem Verhältnis der Sprecher den dargestellten Sachverhalt zur Wirklichkeit und zu seiner eigenen Aussageabsicht setzt.
Nicht-finite Verbformen
Bisher haben wir gesehen, dass sich die Form eines Verbs unter anderem nach Person und Numerus verändern kann:
ich gehe
du gehst
wir gehen
Daneben gibt es Verbformen, die selbst nicht nach Person und Numerus konjugiert werden. Sie werden als nicht-finite Verbformen bezeichnet.
Zu ihnen gehören insbesondere der Infinitiv, das Partizip I und das Partizip II. Sie können in unterschiedlichen Konstruktionen auftreten und dabei verschiedene Aufgaben übernehmen.
Infinitiv
Der Infinitiv ist die Grundform des Verbs.
Zum Beispiel:
gehen
lesen
schreiben
Er bezeichnet eine Handlung, einen Vorgang oder einen Zustand zunächst, ohne selbst festzulegen, welcher grammatischen Person und welchem Numerus das Geschehen zugeordnet wird.
Vergleichen wir:
gehen
mit:
ich gehe
du gehst
er geht
Erst in den finiten Formen wird die Zuordnung zu Person und Numerus unmittelbar an der Verbform sichtbar.
Der Infinitiv dient deshalb als Grund- und Ausgangsform eines Verbs und wird darüber hinaus in zahlreichen Verb- und Satzkonstruktionen verwendet.
Infinitiv mit zu
In bestimmten Konstruktionen wird der Infinitiv mit zu verbunden.
Zum Beispiel:
Ich habe vor, ein Buch zu schreiben.
Ich habe ihn gebeten, zu Hause zu bleiben.
Die Handlung wird auch hier durch schreiben beziehungsweise bleiben bezeichnet. Der Infinitiv mit zu steht jedoch in einer übergeordneten Beziehung zu einem anderen Ausdruck:
vorhaben → zu schreiben
bitten → zu bleiben
Solche Konstruktionen können je nach Zusammenhang beispielsweise mit Absichten, Vorhaben, Wünschen, Aufforderungen oder anderen inhaltlichen Beziehungen verbunden sein.
Welche Bedeutung entsteht, hängt dabei nicht allein von zu + Infinitiv, sondern von der gesamten Konstruktion ab.
Partizip I
Das Partizip I, auch Präsenspartizip genannt, wird aus dem Infinitiv mit -d gebildet:
gehen → gehend
lachen → lachend
schreiben → schreibend
Es ermöglicht, eine Handlung oder einen Vorgang als verlaufend beziehungsweise nicht abgeschlossen betrachtet mit einer Einheit oder einem anderen Geschehen zu verbinden.
Zum Beispiel:
Der gehende Mann dreht sich um.
Hier beschreibt gehend den Mann näher.
Oder:
Er kam lachend ins Zimmer.
Hier begleitet das Lachen das durch kam dargestellte Geschehen.
Das Partizip I kann damit unter anderem ähnlich wie ein Adjektiv oder adverbial verwendet werden, ohne selbst nach Person und Numerus konjugiert zu werden.
Partizip II
Das Partizip II ist ebenfalls eine nicht-finite Form des Verbs.
Zum Beispiel:
gehen → gegangen
lernen → gelernt
schreiben → geschrieben
Es wird insbesondere gemeinsam mit Hilfsverben zur Bildung zusammengesetzter Verbformen verwendet:
Ich bin gegangen.
Ich habe das Buch gelesen.
Es spielt außerdem bei der Bildung des Passivs eine wichtige Rolle:
Das Haus wird gebaut.
Das Haus ist gebaut worden.
Das Partizip II darf dabei nicht einfach mit „Vergangenheit“ oder „abgeschlossener Handlung“ gleichgesetzt werden. Welche zeitliche und grammatische Bedeutung entsteht, hängt von der gesamten Verbkonstruktion ab.
Vergleichen wir beispielsweise:
Das Haus wird gebaut.
Hier steht gebaut als Partizip II, obwohl der dargestellte Bauvorgang gerade stattfinden kann.
Das Partizip II stellt somit eine bestimmte Form des Verbs bereit, die gemeinsam mit anderen Bestandteilen unterschiedliche grammatische Konstruktionen ermöglicht.
Gerundivum
Eine besondere Konstruktion entsteht, wenn eine Handlung als notwendig, erforderlich oder zu verwirklichen dargestellt wird.
Dies kann zunächst durch sein + zu + Infinitiv ausgedrückt werden:
Die Arbeit ist zu erledigen.
Das Haus ist zu bauen.
Der Text ist zu lesen.
Die Frage ist zu beantworten.
Je nach Zusammenhang kann eine solche Konstruktion insbesondere ausdrücken, dass etwas getan werden muss oder soll.
Aus einer entsprechenden Verbindung mit zu kann eine attributive Form gebildet werden:
die zu erledigende Arbeit
das zu bauende Haus
der zu lesende Text
die zu beantwortende Frage
Diese attributive Konstruktion wird als Gerundivum beziehungsweise Gerundiv bezeichnet.
Vergleichen wir:
Der Text ist zu lesen.
und:
der zu lesende Text
In beiden Fällen wird lesen mit einer Notwendigkeit beziehungsweise Erforderlichkeit verbunden. Im zweiten Fall wird diese Beziehung jedoch unmittelbar als Attribut dem Nomen Text zugeordnet.
Das Gerundivum ermöglicht damit, eine noch auszuführende beziehungsweise erforderliche Handlung als nähere Bestimmung einer Einheit auszudrücken.
Tempus (Zeit)
Zeit ist eine Dimension der Wirklichkeit. Sie ermöglicht es, Veränderungen, Bewegungen, Entwicklungen und relative Zustände in ihrem Verlauf wahrzunehmen und zueinander in Beziehung zu setzen.
Handlungen und Vorgänge vollziehen sich in der Zeit. Auch Zustände bestehen während bestimmter Zeitabschnitte und können sich verändern oder in andere Zustände übergehen.
Ein Menschenleben kann beispielsweise von der Geburt über verschiedene Entwicklungsphasen bis zum Tod als zeitlicher Verlauf betrachtet werden. Ebenso verändern sich natürliche und gesellschaftliche Sachverhalte im zeitlichen Verlauf.
Für die Grammatik müssen dabei zwei unterschiedliche Betrachtungen der Zeit auseinandergehalten werden:
Zeit als Dimension der Wirklichkeit
und
Zeit aus dem Standpunkt der Kommunikation.
Zeit als Dimension der Wirklichkeit
Handlungen, Vorgänge und Zustände können zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattfinden oder sich über unterschiedliche Zeitabschnitte erstrecken.
Der Sprecher kann solche zeitlichen Beziehungen ausdrücklich angeben:
Ich gehe morgens spazieren.
Es regnet jetzt.
Morgen fahren wir nach Berlin.
Ich bin vor 46 Jahren zum ersten Mal nach Deutschland eingereist.
Solche Zeitangaben können beispielsweise durch Adverbien, Nomen beziehungsweise Nominalgruppen oder Präpositionalgruppen ausgedrückt werden.
Sie geben an, wann, wie lange oder wie häufig eine Handlung, ein Vorgang oder ein Zustand stattfindet beziehungsweise besteht.
Dabei müssen diese Zeitangaben von den grammatischen Tempusformen des Verbs unterschieden werden.
Besonders deutlich wird dieser Unterschied an folgendem Beispiel:
Morgen fahren wir nach Berlin.
Das Wort morgen ordnet die Handlung in der Wirklichkeit einem zukünftigen Zeitpunkt zu. Das Verb fahren steht grammatisch jedoch im Präsens.
Daraus ergibt sich eine wichtige Unterscheidung:
Die zeitliche Einordnung eines Sachverhalts in der Wirklichkeit und das grammatische Tempus des Verbs sind nicht dasselbe.
Zeit aus dem Blickwinkel der Kommunikation
Zeit als Dimension der Wirklichkeit steht mit Veränderungen und Entwicklungen in Zusammenhang und besteht unabhängig davon, wie Menschen sie erkennen oder sprachlich darstellen.
Für die menschliche Betrachtung kann der zeitliche Verlauf allgemein in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gegliedert werden. Diese Bereiche sind jedoch nicht fest und starr voneinander abgegrenzt. Was als Gegenwart betrachtet wird, verändert ständig seine zeitliche Stellung und geht in die Vergangenheit über, während Zukünftiges zur Gegenwart wird.
Für die Grammatik ist dabei besonders der Zeitpunkt der Kommunikation von Bedeutung. Als Bezugspunkt dient der Zeitpunkt, zu dem ein Sprecher spricht oder ein Schreibender etwas schreibt.
Eine Handlung, ein Vorgang oder ein Zustand kann aus diesem Standpunkt betrachtet:
zum Zeitpunkt des Sprechens oder Schreibens stattfinden beziehungsweise bestehen,
vor diesem Zeitpunkt stattgefunden haben beziehungsweise bestanden haben,
oder
nach diesem Zeitpunkt stattfinden beziehungsweise bestehen.
Vereinfacht lässt sich diese Beziehung darstellen:
vor dem Sprechzeitpunkt → Vergangenheit
am Sprechzeitpunkt → Gegenwart
nach dem Sprechzeitpunkt → Zukunft
Da sich der Zeitpunkt des Sprechens oder Schreibens ständig weiterbewegt, verändern sich auch die zeitlichen Beziehungen der betrachteten Sachverhalte.
Was heute Gegenwart ist, gehört morgen bereits zur Vergangenheit. Was heute noch Zukunft ist, kann morgen Gegenwart und später Vergangenheit sein.
Die grammatischen Tempora beschreiben daher nicht die Zeit selbst, sondern ermöglichen es, Handlungen, Vorgänge und Zustände in eine zeitliche Beziehung zum Zeitpunkt der Kommunikation oder zu weiteren zeitlichen Bezugspunkten zu setzen.
Präsens
Das Präsens ist die grundlegende Tempusform für Handlungen, Vorgänge oder Zustände, die aus der Sicht des Sprechers gegenwärtig stattfinden oder bestehen.
Beispiele:
Ich gehe nach Hause.
Ich bin müde.
Es regnet.
Der Prozess beginnt.
Das Präsens ist jedoch nicht ausschließlich auf den unmittelbaren Zeitpunkt des Sprechens beschränkt. Es kann auch regelmäßig wiederkehrende oder allgemein geltende Sachverhalte ausdrücken:
Ich gehe jeden Morgen spazieren.
Die Erde kreist um die Sonne.
Darüber hinaus kann das Präsens in Verbindung mit einer entsprechenden Zeitangabe auch ein zukünftiges Geschehen darstellen:
Morgen fahren wir nach Berlin.
Nächste Woche beginnt der Kurs.
Die zeitliche Einordnung eines Sachverhalts ergibt sich deshalb nicht allein aus der Tempusform des Verbs, sondern aus dem Zusammenwirken von Tempusform, Zeitangaben und sprachlichem Zusammenhang.
Das Präsens hat seinen grundlegenden Bezugspunkt in der Gegenwart des Sprechers, kann jedoch je nach Zusammenhang auch allgemein geltende, regelmäßig wiederkehrende oder zukünftige Sachverhalte darstellen.
Präteritum
Das Präteritum stellt Handlungen, Vorgänge oder Zustände dar, die aus der Sicht des Sprechers zeitlich vor dem Zeitpunkt des Sprechens liegen.
Beispiele:
Ich ging nach Hause.
Es regnete.
Ich war müde.
Der dargestellte Sachverhalt wird damit einem vergangenen Zeitbereich zugeordnet:
Handlung, Vorgang oder Zustand → Sprechzeitpunkt
Das Präteritum wird besonders häufig in schriftlichen Erzählungen und Berichten verwendet und wird auch als einfache Vergangenheit bezeichnet.
In der gesprochenen Sprache wird für vergangene Sachverhalte häufig das Perfekt verwendet. Bei einigen Verben, insbesondere sein, haben und den Modalverben, ist jedoch auch das Präteritum in der gesprochenen Sprache sehr gebräuchlich:
Ich war zu Hause.
Ich hatte keine Zeit.
Ich musste arbeiten.
Perfekt
Das Perfekt stellt eine Handlung, einen Vorgang oder einen Zustand als vor dem gegenwärtigen Sprechzeitpunkt liegend dar. Häufig wird das dargestellte Geschehen dabei als abgeschlossen oder in seiner Beziehung zur Gegenwart betrachtet.
Zum Beispiel:
Ich bin nach Hause gegangen.
Ich habe Deutsch gelernt.
Das Perfekt wird besonders häufig in der gesprochenen Sprache verwendet.
Es wird mit den Hilfsverben haben oder sein und dem Partizip II des Vollverbs gebildet:
haben/sein + Partizip II
Zum Beispiel:
Ich habe das Buch gelesen.
Das Kind hat geschlafen.
Ich bin nach Hause gegangen.
Das Eis ist geschmolzen.
Die meisten Verben bilden das Perfekt mit haben. Bei einer bestimmten Gruppe von Verben wird dagegen sein verwendet. Dazu gehören insbesondere intransitive Verben, die eine Ortsveränderung oder einen Übergang von einem Zustand in einen anderen ausdrücken.
Diese Beziehungen lassen sich vereinfacht darstellen:
Ortsveränderung:
Ort A → Ort B
gehen → ist gegangen
fahren → ist gefahren
Die betreffende Einheit verändert ihre räumliche Position.
Zustandsveränderung:
Zustand A → Zustand B
einschlafen → ist eingeschlafen
schmelzen → ist geschmolzen
Hier verändert die betreffende Einheit nicht unbedingt ihren Ort, sondern geht von einem Zustand in einen anderen über.
Davon muss ein relativ bestehender Zustand unterschieden werden:
Zustand A → Zustand A
schlafen → hat geschlafen
liegen → hat gelegen
Während des betrachteten Zeitabschnitts wird hinsichtlich des bezeichneten Merkmals kein Übergang in einen anderen Zustand dargestellt. Ein solcher Zustand führt deshalb nicht allein aufgrund seiner zeitlichen Dauer zur Perfektbildung mit sein.
Auch nicht jede Bewegung verlangt das Hilfsverb sein:
Ich habe getanzt.
Hier wird zwar eine körperliche Bewegung dargestellt, aber keine gerichtete Ortsveränderung von einem Ausgangsort zu einem anderen als Bestandteil der Verbbedeutung ausgedrückt.
Vereinfacht lässt sich daher erkennen:
Ort A → Ort B → häufig sein
Zustand A → Zustand B → häufig sein
Zustand A → Zustand A → in der Regel haben
Diese Zusammenhänge helfen, die Verwendung der beiden Hilfsverben zu verstehen. Sie dürfen jedoch nicht als ausnahmslose Regeln betrachtet werden. Welche Perfektform tatsächlich verwendet wird, hängt letztlich auch vom jeweiligen Verb und seinem sprachlichen Gebrauch ab.
Für die grammatische Bildung des Perfekts gilt damit:
haben/sein + Partizip II
während die Wahl zwischen haben und sein mit der Art des dargestellten Geschehens und den grammatischen Eigenschaften des jeweiligen Verbs zusammenhängt.
Plusquamperfekt
Das Plusquamperfekt stellt eine Handlung, einen Vorgang oder einen Zustand dar, der bereits vor einem anderen Zeitpunkt oder Geschehen in der Vergangenheit liegt.
Zum Beispiel:
Ich war bereits gegangen, bevor es regnete.
Hier liegen beide Geschehen vor dem gegenwärtigen Sprechzeitpunkt. Sie stehen jedoch zusätzlich in einer zeitlichen Beziehung zueinander:
gehen → regnen → Sprechzeitpunkt
Das Gehen liegt also nicht nur in der Vergangenheit, sondern vor einem weiteren vergangenen Geschehen. Deshalb wird das Plusquamperfekt auch als Vorvergangenheit bezeichnet.
Das Plusquamperfekt wird mit dem Präteritum von haben oder sein und dem Partizip II des Vollverbs gebildet:
hatte/war + Partizip II
Zum Beispiel:
Ich hatte Deutsch gelernt, bevor der Kurs begann.
Das Kind hatte geschlafen, bevor die Gäste kamen.
Ich war bereits nach Hause gegangen, bevor es regnete.
Das Kind war eingeschlafen, bevor die Mutter nach Hause kam.
Für die Wahl zwischen haben und sein gelten grundsätzlich dieselben Beziehungen wie beim Perfekt:
Perfekt → Plusquamperfekt
hat gelernt → hatte gelernt
hat geschlafen → hatte geschlafen
ist gegangen → war gegangen
ist eingeschlafen → war eingeschlafen
Der Unterschied zwischen Perfekt und Plusquamperfekt liegt somit nicht in der grundsätzlichen Wahl des Hilfsverbs, sondern in dessen Form und in der zeitlichen Beziehung des dargestellten Sachverhalts.
Besonders wichtig für unser Modell ist:
Perfekt:
vergangenes Geschehen → Sprechzeitpunkt
Plusquamperfekt:
früheres Geschehen → späteres vergangenes Geschehen → Sprechzeitpunkt
Futur I
Das Futur I stellt eine Handlung, einen Vorgang oder einen Zustand häufig als nach dem gegenwärtigen Sprechzeitpunkt liegend dar.
Zum Beispiel:
Ich werde morgen nach Hause gehen.
Die zeitliche Beziehung lässt sich vereinfacht darstellen:
Sprechzeitpunkt → zukünftiges Geschehen
Das Futur I wird mit dem Hilfsverb werden und dem Infinitiv des Vollverbs gebildet:
werden + Infinitiv
Zum Beispiel:
Ich werde gehen.
Es wird regnen.
Das Wetter wird schön sein.
Das Futur I ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit, zukünftige Sachverhalte auszudrücken. Besonders wenn eine Zeitangabe die zukünftige Lage bereits deutlich macht, kann auch das Präsens verwendet werden:
Morgen fahren wir nach Berlin.
Nächste Woche beginnt der Kurs.
Das Futur I kann außerdem verwendet werden, wenn der Sprecher eine Vermutung oder Annahme ausdrückt:
Er wird jetzt zu Hause sein.
Hier liegt der bezeichnete Zustand nicht nach dem Sprechzeitpunkt. Jetzt ordnet ihn ausdrücklich der Gegenwart zu. Durch wird … sein stellt der Sprecher den Sachverhalt jedoch als Vermutung beziehungsweise Annahme dar.
Damit zeigt sich auch beim Futur I erneut, dass grammatisches Tempus und zeitliche Lage in der Wirklichkeit nicht vollständig identisch sind. Welche zeitliche Bedeutung tatsächlich entsteht, ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Verbform, Zeitangaben und sprachlichem Zusammenhang.
Futur II
Das Futur II kann eine Handlung, einen Vorgang oder einen Zustand darstellen, der zu einem zukünftigen Bezugspunkt bereits abgeschlossen sein wird.
Zum Beispiel:
Bis morgen werde ich den Bericht geschrieben haben.
Die zeitliche Beziehung lässt sich vereinfacht darstellen:
Sprechzeitpunkt → Abschluss der Handlung → zukünftiger Bezugspunkt
Der Abschluss des Schreibens liegt aus der Sicht des gegenwärtigen Sprechers in der Zukunft, soll aber vor dem durch bis morgen bezeichneten zukünftigen Bezugspunkt erreicht sein.
Ein weiteres Beispiel ist:
Bevor er da ist, werde ich gegangen sein.
Das Futur II wird gebildet aus:
werden + Partizip II + Infinitiv von haben/sein
Zum Beispiel:
Ich werde den Bericht geschrieben haben.
Ich werde nach Hause gegangen sein.
Für die Wahl zwischen haben und sein gelten grundsätzlich dieselben Beziehungen wie beim Perfekt und Plusquamperfekt:
lernen:
hat gelernt → hatte gelernt → wird gelernt haben
gehen:
ist gegangen → war gegangen → wird gegangen sein
einschlafen:
ist eingeschlafen → war eingeschlafen → wird eingeschlafen sein
schlafen:
hat geschlafen → hatte geschlafen → wird geschlafen haben
Das Futur II kann darüber hinaus eine Vermutung über ein bereits vergangenes Geschehen ausdrücken:
Er wird inzwischen zu Hause angekommen sein.
Hier stellt der Sprecher das Ankommen nicht als zukünftiges Geschehen dar, sondern nimmt an, dass es bereits erfolgt ist.
Das Futur II bezeichnet deshalb nicht ausschließlich eine bestimmte Zeitstufe. Seine konkrete zeitliche Bedeutung ergibt sich wiederum aus dem Zusammenwirken der Verbform mit Zeitangaben, Bezugspunkten und dem sprachlichen Zusammenhang.
Rückblick
Das Verb wurde in diesem Kapitel nicht lediglich als „Tuwort“ betrachtet. Ausgangspunkt war vielmehr die Beobachtung, dass Einheiten der Wirklichkeit sich bewegen und verändern, Handlungen ausführen, Vorgänge durchlaufen und sich während bestimmter Zeitabschnitte in relativ bestehenden Zuständen befinden können.
Während das Nomen Einheiten der Wirklichkeit sprachlich bezeichnet, stellt das Verb diese Einheiten und ihre Beziehungen im zeitlichen Verlauf dar. Handlungen, Vorgänge und Zustände bilden dabei unterschiedliche Formen, in denen solche zeitlichen Beziehungen sprachlich erfasst werden können.
Die vom Verb dargestellten Sachverhalte können eine oder mehrere Einheiten einbeziehen. Aus der Beziehung des Verbs zu diesen Einheiten ergeben sich unterschiedliche Strukturen. Ein Verb kann neben dem Subjekt kein Objekt verlangen, ein direktes Objekt im Akkusativ einbeziehen oder ein indirektes Objekt im Dativ und ein direktes Objekt im Akkusativ miteinander verbinden. Reflexive und reziproke Verwendungen zeigen darüber hinaus, dass eine Handlung auf das Subjekt selbst zurückgerichtet oder zwischen mehreren Beteiligten wechselseitig ausgeführt werden kann.
Nicht immer liegt die spezifische Bedeutung eines Geschehens vollständig in einem einzelnen Verb. In Funktionsverbgefügen kann sie aus dem Zusammenwirken eines Verbs mit einem nominalen Bestandteil entstehen.
Die Form des Verbs verändert sich entsprechend seiner grammatischen Umgebung und Funktion. Durch die Konjugation wird das Verb unter anderem an Person und Numerus angepasst. Dabei folgen nicht alle Verben demselben Bildungsmuster. Schwache, starke, gemischte und unregelmäßige Verben zeigen unterschiedliche Formenbildungen, die auch das Ergebnis der sprachgeschichtlichen Entwicklung sind. Bei Verben mit Präfixen kommt hinzu, dass diese je nach Verb und grammatischer Konstruktion trennbar oder untrennbar auftreten können.
Verben können im Satz außerdem unterschiedliche Funktionen übernehmen. Vollverben tragen die wesentliche inhaltliche Bedeutung eines Geschehens oder Zustands. Hilfsverben dienen unter anderem zur Bildung zusammengesetzter Verbformen. Modalverben ermöglichen es dem Sprecher, beispielsweise Möglichkeit, Fähigkeit, Notwendigkeit, Wunsch oder Absicht auszudrücken. Kopulaverben verbinden das Subjekt mit einer Eigenschaft, einem Zustand oder einer anderen Bestimmung.
Auch die Perspektive auf ein und dasselbe Geschehen kann sprachlich verändert werden. Im Aktiv wird eine Handlung ausgehend vom Handelnden dargestellt. Im Vorgangspassiv tritt die von der Handlung betroffene Einheit in den Mittelpunkt, während das Zustandspassiv den aus einer Handlung entstandenen Zustand betrachtet. Nicht die zugrunde liegende Wirklichkeit muss sich dabei ändern, sondern die Perspektive ihrer sprachlichen Darstellung.
Mit dem Modus kann der Sprecher zusätzlich ausdrücken, in welchem Verhältnis er einen Sachverhalt zur Wirklichkeit und zu seiner eigenen Aussageabsicht setzt. Indikativ, Konjunktiv und Imperativ ermöglichen es, Sachverhalte als tatsächlich darzustellen, fremde Aussagen wiederzugeben, Möglichkeiten oder Vorstellungen auszudrücken oder jemanden zu einer Handlung aufzufordern.
Neben den nach Person und Numerus konjugierten finiten Verbformen stehen nicht-finite Verbformen wie Infinitiv, Partizip I und Partizip II. Sie übernehmen unterschiedliche Aufgaben und können gemeinsam mit anderen sprachlichen Bestandteilen komplexere Verbformen und Konstruktionen bilden.
Eine besondere Bedeutung besitzt schließlich die Zeit. Dabei muss zwischen der Zeit als Dimension der Wirklichkeit und dem grammatischen Tempus unterschieden werden. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ergeben sich aus zeitlichen Beziehungen, während die grammatischen Tempora sprachliche Mittel darstellen, mit denen Sachverhalte zum Sprechzeitpunkt oder zu weiteren zeitlichen Bezugspunkten in Beziehung gesetzt werden.
Deshalb stimmen grammatische Tempusform und tatsächliche zeitliche Lage nicht immer unmittelbar überein:
Morgen fahren wir nach Berlin.
Das Verb steht im Präsens, während die Handlung in der Zukunft liegt.
Die Tempora Präsens, Präteritum, Perfekt, Plusquamperfekt, Futur I und Futur II ermöglichen unterschiedliche zeitliche Einordnungen und Perspektiven. Bei zusammengesetzten Formen wirken Vollverb und Hilfsverb gemeinsam, wobei die Wahl zwischen haben und sein über die entsprechenden Tempora hinweg grundsätzlich erhalten bleibt.
Damit zeigt sich das Verb als eine besonders beziehungsreiche Wortart. Es stellt nicht nur Handlungen dar, sondern verbindet Einheiten, Veränderungen, Vorgänge und Zustände mit Person, Numerus, Perspektive, Modalität und Zeit. Das Verb macht damit sprachlich erfassbar, was mit Einheiten geschieht, wie sie sich verändern oder in einem Zustand bestehen und wie diese Sachverhalte im zeitlichen Verlauf und aus der Perspektive eines Sprechers dargestellt werden.
Autor: Khyal Aryubi
Version: 1.0
Veröffentlicht: 26.08.2026
Lizenz: CC BY-NC 4.0
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